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Kultur Geschichten von der Bahnsteigkante
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18:53 04.09.2012
Ein schöner Zug: Theater am Gleis.
Ein schöner Zug: Theater am Gleis.
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Hannover

Dass die ganze Welt eine Bühne ist, ist nicht nur durch Shakespeare bekannt, sondern seit 1969 auch durch den Soziologen Erving Goffman. Der allerdings bezeichnete diese Analogie schon damals als „abgegriffen“ und eigentlich unzutreffend. Denn: „Eine Handlung, die in einem Theater inszeniert wird, ist zugestandenermaßen eine künstliche Illusion; anders als im Alltagsleben kann den gezeigten Charakteren nichts Wirkliches oder Reales geschehen“, so Goffman. Was aber, wenn man eine Theaterinszenierung der Alltagswelt aussetzt? Am Hauptbahnhof Hannover zum Beispiel, wo Darstellern und Publikum eine Menge Wirkliches und Reales geschieht. Der Autor und Regisseur Sascha Schmidt geht mit seiner Inszenierung „Hannover Central Station“ noch einen Schritt weiter. Schmidt hat sich von Menschen, denen er am Bahnhof begegnet ist, ihre Lebensgeschichte erzählen lassen und sie aufgeschrieben. Nun lässt er die Geschichten von Schauspielern an dem Ort vortragen, an dem sie ihm erzählt wurden. Und in der Person von Rebecca Simoneit-Barum ist die Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit gleich vollends aufgehoben.

Im Wartehäuschen auf Gleis 9, Abschnitt B, trägt die 34-jährige Simoneit-Barum selbst ihre eigene Lebensgeschichte vor. Etwa zehn Minuten lang. In Endlosschleife. Bis März war sie 22 Jahre lang als Iffi Zenker in der „Lindenstraße“ zu sehen. Vorher erst als Ziegendomteuse, dann als Artistin in der Manege ihres Vaters, dem Direktor des Circus Barum. Im Wartehäuschen drängt sich Publikum mit Kopfhörer und Empfänger zwischen Zugwartende.

Der Bahnhof ist akzeptierter Ort seltsamer Gestalten, Gestrandeter, am Rande Stehender. Die Reisenden ohne Kopfhörer sehen Rebecca Simoneit-Barum gestikulieren und dabei fast lautlos den Mund bewegen. Dass jemand mit sich selbst spricht, erregt in Zeiten des Telefonierens über Knopf im Ohr kaum noch Aufmerksamkeit. Es sind die Vorstellungsbesucher, die signalisieren: Hier stimmt was nicht. In Kleingruppen und mit Kopfhörern wandern sie durch den Bahnhof, um an vorgegebenen Orten schamlos und minutenlang auf eine Fernsehberühmtheit, eine „Asphalt“-Verkäuferin, ein Punkmädchen oder einen Marokkaner zu starren.

Theater wird so zur Legitimation, Menschen anzuschauen, an denen man üblicherweise vorbeiguckt, aus Sorge, andernfalls gefordert zu werden. Und es wird auch zur Legitimation, Orte zu betreten, die nicht zur eigenen Lebenswelt gehören. Die Bahnhofsmission zum Beispiel. Oder die Kneipe „Prost“ am Ausgang Raschplatz.

Erster Eindruck im „Prost“: Es ist weitaus heller und freundlicher, als es die getönten Scheiben von außen vermuten lassen. Theater- und Kneipengäste halten sich an diesem Abend die Waage. Ein kurzes gegenseitiges Mustern, dann starrt jeder wieder in die Luft vor sich. Es darf geraucht werden. Der Theatergast lauscht über seine Kopfhörer der Erzählung eines Taxifahrers, genauer: der Erzählung eines Schauspielers, der einen Taxifahrer darstellt. Es geht dabei um Junkies, Huren und krumme Geschäfte. Das „Prost“ ist offenbar nicht nur Stammkneipe der „Kutscherclique“, wie der Taxifahrer sich und seine Kollegen nennt.

In dieser großartigen, rund 70-minütigen, freien Theaterproduktion lernt man einiges über den Bahnhof, über Hannover und auch über die Menschen dieser Stadt.

Es ist erstaunlich, wie gelassen die Passanten auf das Schauspiel reagieren, das sich ihnen unverhofft am Bahnsteig, am Fahrkartenautomaten oder vor der Parfümerie „Douglas“ bietet. Ihre häufigste Reaktion: Sie gucken einfach mit und versuchen zu verstehen, wer ihnen da begegnet.

Die nächsten Vorstellungen: Von Donnerstag bis Sonnabend, 6. bis 8. September, 13. bis 15. September und 20. bis 22 September. Es gibt jeweils zwei Vorstellungen am Abend. Beginn ist um 19 und 21 Uhr, Treffpunkt eine halbe Stunde vorher an der Reisebank im Bahnhof, nahe dem Haupteingang, rechte Seite. Tickets gibt es für 13, ermäßigt 9 Euro unter Telefon (0511) 35396497.

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