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Kultur Geschenkexperte: „Manchmal ist auch Heuchelei gefragt“
Nachrichten Kultur Geschenkexperte: „Manchmal ist auch Heuchelei gefragt“
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11:18 23.12.2011
Von Manuel Becker
Auch das richtige Verpacken gehört mit zum Schenken dazu.
Auch das richtige Verpacken gehört mit zum Schenken dazu. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Haben Sie schon alle Weihnachts­geschenke, oder müssen Sie wie viele andere kurz vor Weihnachten noch los?
Ich habe wirklich schon alle. Seit ich mich mit dem Thema Schenken befasse, habe ich mir vorgenommen, rechtzeitig anzufangen.

Als Geschenkexperte wissen Sie doch Bescheid: Wie sieht ein gutes Geschenk aus?
Es sollte persönlich sein und auf die Person, die Situation und die Persönlichkeit abgestimmt sein. Um so ein Geschenk zu finden, braucht man einiges an Vorarbeit.

Was verstehen wir überhaupt darunter, jemandem etwas zu schenken?
Schenken ist ein Dreiklang aus Geben, Nehmen und Annehmen und Erwidern. In der Moderne kommen noch Charakteristika wie das Preisschildabmachen oder aufwendiges Verpacken dazu – und eine Überreichungszeremonie.

Wie sieht die aus?
Erst das Überreichen an sich, dann das sorgfältige Auspacken durch den Beschenkten – Kinder sind da noch anders, die reißen Pakete einfach auf. Dann sollte man noch ein paar Worte zum Geschenk sagen und der Beschenkte es entsprechend würdigen.

Wie würdigt man ein Geschenk?
Mit Dank, Überraschung und Freude. Da ist viel Schauspielerei gefragt, manchmal auch kollektive Heuchelei.

Zum Beispiel, wenn Socken aus dem Weihnachtspapier auftauchen?
Auch Socken können ein passendes Geschenk sein. Schenken ist eine Form der Kommunikation. Der Sinn des Schenkens ist immer die Pflege von sozialen Beziehungen und das Bestreben, sie in Gang zu halten. Schenken sagt: „Ich denke an dich!“

Socken sagen: „Ich denke an dich“?
Heutzutage müssen Geschenke ja auch immer nützlich sein. Über den Nutzwert von Socken lässt sich da sicher streiten. Aber man sollte nicht an die Socken an sich denken, sondern daran, dass mich der Schenker mit einem Geschenk bedacht hat. Der materielle Wert ist da nicht so ausschlaggebend. Die Währung sind Emotionen, nicht Euros.

Welche Botschaft übermittelt ein Geschenk?
Es ist ein Informationsspeicher. Wenn wir etwas geschenkt bekommen, erinnert uns das an den Schenker. Und es sagt, dass da noch eine Antwort offen ist, das Geschenk erwidert werden muss.

Aber ich schenke doch nicht etwas, um etwas zurückgeschenkt zu bekommen.
Doch. Schenken ist immer an eine Gegengabe gebunden, und jeder weiß, dass eine Gegengabe erwartet wird. Ein Geschenk aus purer Freigiebigkeit, ohne Dank, ohne ein eigenes Geschenk zu erwarten, das gibt es nicht. Das ist wissenschaftlich erforscht.

Und was ist mit den Leuten, die sagen: Wir schenken uns nichts!
Es gibt Nonkonformisten, die sich der Tradition nicht unterwerfen wollen, die sich auch nicht diesem Kaufrausch hingeben wollen. Aber bei vielen liegt dann doch ein kleines Geschenk unterm Baum. Der Grundgedanke ist aber richtig: weg vom noch größer, noch mehr. Zurück zum eigentlichen Sinn des Schenkens. So wird die Botschaft, die dahintersteht, wieder hörbar: „Ich liebe dich“ oder „Ich schätze dich“.

Brauchen wir immer einen Anlass?
Auf keinen Fall. Es ist viel besser, wenn es ein Anlass ist, den ich mir aussuche. So habe ich Zeit. Zeit, um auf die Wünsche des Schenkpartners zu horchen, etwas vorzubereiten und mir einen guten Zeitpunkt fürs Schenken auszusuchen. Ich habe alles in meiner Hand. Man sollte viel öfter außer der Reihe schenken.

Hat sich das Schenken in den vergangenen Jahren verändert?
Zum Schenken braucht man eine gewisse Sorgfalt, weil man auf die Wünsche des anderen eingehen muss, ihn beobachten. Und da sieht man schon, dass der Wille zum Schenken zwar da ist, aber viele sich nicht mehr so viel Arbeit machen. Die persönliche Note wird oft aufgegeben.

Sind Bücher, Socken und Krawatten immer noch Klassiker unterm Baum?
Ja, diese Geschenke sind stabil. Genau wie Blumen und hochwertige Drogerieartikel wie Parfüm, ebenso Wein und für Kinder Spielzeug.

Als Kind hat man die Tage bis Weihnachten gezählt, da konnte man Heiligabend oder Geburtstage nicht erwarten und war in heller Vorfreude. Warum ist das bei Erwachsenen heute nicht mehr so?
Das ist ein Zeitproblem. Wir haben einfach nicht mehr die Zeit für lange Vorfreude, weil wir so lange arbeiten, so beschäftigt sind.

Wie finde ich denn nun das perfekte Geschenk?
Das universale Geschenk gibt es nicht. Da kann sich auch keiner anmaßen, den goldenen Weg zu kennen. Also am besten die Gedanken zusammennehmen, den Erfahrungshorizont und die Lebensumstände des Beschenkten ergründen. Und vor allem: überlegen, was der Beschenkte über das Jahr für Informationen ausgesendet hat, wo er mal gesagt hat: „Das ist ja schön“ oder „Das könnte ich gut gebrauchen“. Solche Sätze – gerade vom Partner – sollte man speichern. Dann ist es eigentlich ganz leicht.

Und wenn ich keine Informationen empfangen habe oder einen schlechten Speicher habe?
Schenken Sie einfach. Haben Sie keine Angst vorm Schenken. Tun Sie es einfach!

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