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Kultur Das Reise-Quartett
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19:44 16.03.2015
Von Martina Sulner
Auf Reise: Daniel Nerlich, Lisa Natalie Arnold, Sandro Tajouri und Thomas Neumann (v. l.).
Auf Reise: Daniel Nerlich, Lisa Natalie Arnold, Sandro Tajouri und Thomas Neumann (v. l.). Quelle: Machados Rios
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Hannover

In einer mitleiderregend hässlichen Kunstlederjacke steht Alex Perchow da und erzählt tolldreiste Geschichten über seine Familie. Nur, das ahnt man schnell, ganz so vergnüglich geht und ging es bei den Perchows nicht zu, wie Alex sich und den Zuhörern glauben machen will. Dabei ist der junge Mann ein geborener Geschichtenerzähler - ähnlich wie der amerikanische Autor Jonathan Safran Foer, der in die Ukraine reist, um nach den Wurzeln seiner jüdischen Familie zu suchen.

In seinem erfolgreichen Debüt „Alles ist erleuchtet“, veröffentlicht 2003, erzählt Safran Foer, wie ein Schriftsteller namens Safran Foer in der Ukraine die Frau finden will, die seinen Großvater vor der Ermordung bewahrt hat. Mit Dolmetscher Alex und dessen Opa zockelt er durchs Land. Weil der Geburtsort des Großvaters von den Nazis zerstört wurde, fantasiert Safran Foer sich die Geschichte eines Schtetls zusammen - und Alex schildert wortreich und verquer, wie das Trio nach der schönen Retterin Augustine sucht.

Für ihre Inszenierung von „Alles ist erleuchtet“ auf der Cumberlandschen Bühne in Hannover hat die junge Regisseurin Mina Salehpour mit Dramaturgin Vivica Bocks den komplexen Roman, der auf mehreren Zeitebenen spielt, klug gestrafft. Mal schildern Sandro Tajouri (Alex) oder Daniel Nerlich (Jonathan) dem Publikum ihre Erlebnisse, mal spielen die beiden mit Lisa Natalie Arnold und Thomas Neumann einzelne Szenen. Der betont witzige Tonfall, mit dem Tajouri zu Beginn der zweistündigen Inszenierung spricht, wirkt noch etwas aufgesetzt. Und der Zusammenprall der Kulturen - hier der handfeste Osteuropäer, dort der etwas verschrobene Vegetarier aus den USA - gerät mitunter zur Karikatur. Doch nach und nach findet diese Inszenierung einen ganz eigenen, bitter-vergnüglichen Ton, und man sieht viele versponnen-schöne Szenen auf der Bühne, auf der Bühnenbildnerin Andrea Wagner Dutzende von weißen Luftballons und Lampen drapiert hat. Das passt genau zu dem meist leichten Ton des Stücks - und kontrastiert zugleich die Schrecken, von denen hier auch berichtet wird.

Auch wenn die Erlebnisse von Alex und Jonathan im Vordergrund stehen, die stärksten Szenen hat Lisa Natalie Arnold, die in mehreren Nebenrollen auftritt. Sie berührt als traurige Retterin Augustine ebenso wie als Blindenhündin mit dem schönen Namen Sammy Davis jr. jr. Wobei sie natürlich keine Blindenhündin ist, denn Alex’ angeblich blinder Großvater kann tadellos sehen.

So überdreht viele Ideen in Buch und Stück sind, so dunkel sind die Geschichten, die man nach und nach erfährt: „Alles ist erleuchtet“ dreht sich um die Vernichtung der ukrainischen Juden und darum, dass Alex’ Großvater Schuld auf sich geladen hat, als er seinen jüdischen Freund an die Nazis auslieferte. Thomas Neumann ist brillant, wenn er davon erzählt. Für den Enkel bricht eine Welt zusammen, als er das erfährt, eigentlich möchte er von solchen Familienerinnerungen nichts wissen. Doch in der Inszenierung, die das Publikum begeistert aufnimmt, geht es auch um das, was der Autor die „Kniffligkeit der Erinnerung“ nennt.

Nur noch Restkarten, am 21. März sowie 9. und 14. April.

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