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Kultur „Filmmusik ist anspruchsvoll“
Nachrichten Kultur „Filmmusik ist anspruchsvoll“
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11:29 27.03.2012
Von Manuel Becker
Foto: Das Deutsche Filmorchester Babelsberg begeistert mit dem „Fluch der Karibik“.
Das Deutsche Filmorchester Babelsberg begeistert mit dem „Fluch der Karibik“. Quelle: Disney
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Hannover

Der Schweizer Ludwig Wicki ist Dirigent, Komponist und Posaunist. Er dirigierte die Weltpremiere der Live-Aufführung von „Lord of the Rings“ und „Fluch der Karibik“ mit dem Luzerner 21st Century Symphony Orchestra. Er studierte Posaune, Kirchenmusik, Chorleitung und Orchesterdirektion. Schon als Junge war er begeistert von Filmmusik, vor allem von den Karl-May-Filmen „Winnetou“. Mit dem Komponisten der „Winnetou“-Filmmusik ist er heute befreundet.

Was ist das besondere an einem Filmorchester?
Vor allem die große Stilvielfalt. Filmmusik vereint alle Genres. In der Filmmusik gibt es keine Grenzen, sie ist frei von allem, von bestimmten Längen oder auch Strömungen. Vor 20 Jahren durften Komponisten keine schönen Melodien schreiben, weil alles modern klingen musste. Auf die Filmmusik traf das nicht zu. Sie ist für Gefühle geschrieben, das hat mich fasziniert. 

Wie anspruchsvoll ist Filmmusik denn, gerade wenn man sie mit den großen deutschen, klassischen Komponisten vergleicht?
Sehr anspruchsvoll. Es gibt auch bei den Komponisten von Filmmusik viele sehr gute. Und Filmmusik kann auch schwieriger zu spielen sein, als klassische Werke. „Lord of the Rings“ etwa ist für das Orchester an vielen Stellen rhythmisch sehr anspruchsvoll, auch für den Chor ist die Partitur sehr modern. Bei „Fluch der Karibik“ gibt es viele Tempo- und Stilwechsel, die viel schneller kommen, als in einer Sinfonie. Wenn es im Film einen Schnitt gibt, dann kommt der Schnitt ebenso schnell in der Musik, da müssen die Musiker hellwach sein.

Gibt es Unterschiede in der Instrumentierung zwischen einem Filmorchester und einem klassischen?
Die Blechbläser sind vielleicht etwas mehr im Vordergrund. Vor allem die Hörner. Die sind beim Film ein ganz wichtiges Instrument. Sie klingen heroisch, und wenn ein Horn einsetzt ist das unglaublich episch.

Bei der Filmmusik geht es darum, Emotionen und Effekte durch die Musik zu unterstützen. Funktioniert es da, wenn nun ein Orchester Filmmusik spielt und damit vor den Film in den Vordergrund rückt?
Oh ja. Die Leute sind vom Liveeffekt begeistert und erstaunt, was für ein großer Apparat hinter dem Sound steckt. Es ist doch toll, dass das Orchester aus der Tiefe in die Nähe vor die Leinwand rückt.

Aber schauen die Besucher nicht nur auf die Leinwand und nehmen das Orchester gar nicht so wahr?
Sicherlich vergessen sie das Orchester teilweise, aber dann schauen sie wieder hin und sind gebannt von dem, was vor der Leinwand passiert.

Was ist eine gute Filmmusik?
Auf jeden Fall „Lord of the Rings“, aber auch „Das Schweigen der Lämmer“ – wahnsinnig gut. „Das Parfum“ ist ebenfalls fantastisch. Da schafft es die Musik, die Düfte zu transportieren.

Gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen Kapitän „Jack Sparrow“ aus „Fluch der Karibik“ und einem Dirigenten?
Ich liebe Jack Sparrow, er macht den Film großartig. Ein Kapitän muss sich natürlich um seine Crew kümmern, darauf achten, dass alle im richtigen Moment an der richtigen Stelle stehen, gerade in stürmischen Zeiten. Das ist bei einem Dirigenten und seinem Orchester genauso. Aber „Jack Sparrow“ ist natürlich noch ein ganz anderer Kapitän, er ist in dem Film schließlich ironisch dargestellt.

Unter der Leinwand
"Fluch der Karibik" live im Kuppelsaal

Der Film ist schon neun Jahre alt. Und trotzdem sorgt er für zwei gut besuchte Abende im Kuppelsaal. „Fluch der Karibik“, die Piratensaga um den exzentrischen Kapitän Jack Sparrow ist auf der riesigen Leinwand zu sehen – aber das eigentliche Geschehen spielt sich darunter ab. Das Deutsche Filmorchester Babelsberg spielt den Soundtrack von Hans Zimmer und Klaus Badelt live. Während oben Piraten kämpfen, sorgt Dirigent Ludwig Wicki dafür, dass sein achtzigköpfiges Orchester und die zwölf Männer des Filmchors Berlin an den richtigen Stellen einsetzen. Neben der großen Partitur hat Wicki auch einen Bildschirm vor sich, auf dem der Film läuft und ab und zu ein grüner Balken von links nach rechts wandert, um das Ende eines Dialogs ohne Musik anzukündigen.

Man kann sich fragen, wie viel Sinn es macht, einen alten Film zu sehen, der dem Orchester, das extra für den Film um 20 Mitglieder erweitert wurde, oft ein bisschen die Show stiehlt. Filmmusik ist gemacht, um Emotionen und Effekte des Films zu unterstützen, nicht um die Musik an sich wirken zu lassen. „Sicherlich vergisst das Publikum das Orchester teilweise“, sagt Dirigent Ludwig Wicki, „aber dann schauen sie wieder hin und sind gebannt von dem, was vor der Leinwand passiert.“

Und tatsächlich, zwar schauen die Zuschauer wie im Kino nach oben auf die Leinwand, um die Handlung des Films zu verfolgen, aber immer wieder wandern die Blicke nach unten: Wenn das starke Thema in der Musik groß und pompös mit Chor, Pauken, Blechbläsern und den vielen Streichern wuchtig gewaltig ertönt, wenn die Streicher ihre Bogen ansetzen, der Männerchor aufsteht, bei den Percussions das Becken schellt oder zusammengebundene Stöcker aufeinander geschlagen werden, die die Spannung auf der Leinwand unterstützen.

Filmmusik sei anspruchsvoll, weil die Tempo- und Stilwechsel viel schneller seien als in einer Sinfonie, sagt Dirigent Wicki. Wenn im Film ein Schnitt kommt und es von einer Kampfszene blitzschnell in eine Hofszene übergeht, verwandeln sich furiose Läufe bei den Streichern zu zarten, geordneten Menuetttönen. Und wer doch die meiste Zeit auf die Leinwand geschaut hat, der nimmt das Orchester zumindest beim Abspann des Films war. Da steigert sich das schöne „Fluch der Karibik“-Thema zum furiosen Finale Finale. Vom Publikum gibt es dafür Applaus im Stehen.

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