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Kultur „Cold War“ – Zerrieben zwischen den Systemen
Nachrichten Kultur „Cold War“ – Zerrieben zwischen den Systemen
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06:00 20.11.2018
Schwierige Liebe: Der Komponist Wiktor (Tomasz Kot) und die Tänzerin Zula (Joanna Kulig) finden nur in kurzen Momenten zueinander. Quelle: Foto: Neue Visionen
Hannover

Lange steht Wictor am Checkpoint in Berlin und wartet auf Zula. So wie sie es vereinbart haben. Viele Zigaretten zerdrückt er auf dem grauen Straßenpflaster. Aber Zula kommt nicht. Sie kann sich nicht trennen von ihrem Land, in dem sie gerade einen Platz gefunden zu haben glaubt. Irgendwann nimmt Wictor schweigend sein Köfferchen vom Boden auf und überschreitet die Grenze in den Westen. Eine trennende Mauer gibt es noch nicht.

Pawel Pawlikowski verlegt Romeo und Julia ins Polen des Kalten Kriegs

Jahre später trifft Zula Wictor in einem verrauchten Pariser Club wieder. Wictor spielt dort Jazz und sieht inmitten der perlenden Klänge wie der einsamste Mensch der Welt aus. Sie sagt: „Ich wäre damals nie ohne dich gegangen.“ Er aber konnte nicht bleiben. Er hielt die politische Engstirnigkeit im kommunistischen Polen nicht länger aus.

Zula und Wictor könnten auch Romeo und Julia heißen. Nur dass die beiden Liebenden nicht getrennt sind durch zwei verfeindete Familien. Ihre Liebe wird aufgerieben zwischen den politischen Systemen im Kalten Krieg.

Im zerstörten polnischen Hinterland haben sich Zula (Joanna Kulig) und Wictor (Tomasz Kot) Ende der vierziger Jahre kennengelernt. Der Musiker ist damit beauftragt, eine Mazowsze-Tanztruppe zu gründen. Die Regierung will die polnische Volksmusik vor dem Verschwinden retten. Zula gelingt es mit gehöriger Chuzpe, im Ensemble aufgenommen zu werden. Bald schon steigt sie mit ihrem Charme und ihrer Kunst zum Star auf.

Ein Paar entsteht – die Lebenslustige und der Intellektuelle

Man müsste blind sein, um nicht zu sehen, dass Wictor sich schon beim ersten Vorsprechen in Zula verliebt – und sie sich in ihn. Sie verkörpert eine verrückte Energie, eine unbändige Lust aufs Leben. Er ist der Typ beobachtender Intellektueller. Gegensätze ziehen sich bekanntlich an.

Für beide ist diese Begegnung die Liebe ihres Lebens. Aber diese Liebe wird von Anfang an vergiftet durch die politischen Verhältnisse. Schon bald müssen die Musiker den überlebensgroß an der Wand prangenden Stalin in ihren Liedern und Tänzen lobpreisen. Mit blonden Zöpfen treten die Sängerinnen auf, in Warschau genauso wie in den „Bruderstaaten“, irgendwann eben auch in Ost-Berlin.

Und zwischendurch spioniert Aufpasser Kaczmarek (Borys Szyc) die Truppe im Dienst der polnischen Staatssicherheit aus. Wer dabei bleiben will, muss kooperieren. Zula kooperiert.

Regisseur Pawlikowski erzählt mit größter Ökonomie

Man ist versucht, nur in kurzen, knappen Sätzen über Paweł Pawlikowsis Drama „Cold War“ zu schreiben. Auch der Regisseur entwickelt seine Geschichte mit größter Ökonomie. Ebenso wie mit Worten erzählt er mit den Mitteln der Musik, die den Film in eine grandiose Melancholie taucht.

Bestimmendes Merkmal des melancholischen Dramas „Cold War“ sind die Ellipsen, die Auslassungen. Quasi stichpunktartig bewegen wir uns durch eineinhalb Jahrzehnte und von Station zu Station – ins jugoslawische Split genauso wie immer wieder nach Paris.

Die Zeit zwischen den Begegnungen der beiden Liebenden muss sich der Zuschauer selbst ausmalen. Das fällt leicht, denn der Regisseur destilliert präzise den Schmerz und den Verlust heraus, die Zula und Wictor quälen. Immer wieder treffen sie sich, immer wieder verlieren sie sich aus den Augen.

Eine der schönsten, traurigsten Liebesgeschichten des Jahres

So gelingt Regisseur Pawlikowsi in 89 Minuten eine der schönsten, traurigsten und auch kargsten Liebesgeschichten, die im Kino in diesem Jahr zu sehen gewesen sind. Zwischen den politischen Blöcken, mal auf dieser und mal auf jener Seite mäandernd, verirren sich die Liebenden Zula und Wiktor auf der Suche nach dem anderen.

Etwas Selbstzerstörerisches haftet ihrem verzweifelten Verlangen an. Wie soll man redlich bleiben in diktatorischen Zeiten? Wie überlebt man die kulturelle Einsamkeit im Exil? Und welchen Preis bezahlt man, wenn man es ohne den anderen nicht aushält – mit ihm aber auch nicht?

Gefilmt ist „Cold War“ in einem exquisiten Schwarz-Weiß und im fast quadratischen sogenannten Academy Format. Genauso hat der 1957 in Warschau geborene Pawlikowski auch schon „Ida“ (2013) gedreht, ein Drama um eine junge Nonne, die in den Sechzigerjahren ihre jüdischen Wurzeln im antisemitischen Polen entdeckt. Pawlikowskis Film wurde sowohl mit dem Europäischen Filmpreis als auch mit dem Auslands-Oscar ausgezeichnet.

Pawlikowski hat „Cold War“ seinen Eltern gewidmet

Mit „Ida“ kehrte der Regisseur, der lange in Großbritannien gelebt hat, in seine Heimat Polen zurück. Mit „Cold War“ setzt er seine filmische Erkundungsreise fort: Pawlikowski hat den Film seinen kurz vor dem Fall der Berliner Mauer gestorbenen Eltern gewidmet, die nach Worten von Pawlikowski eine ähnlich verrückte Beziehung wie Victor und Zula auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs gelebt haben.

Als „Paar waren sie eine unendliche Katastrophe“, sagt Pawlikowski. Aber nie seien sie voneinander losgekommen.

Von Stefan Stosch / RND

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