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00:15 06.04.2014
Von Stefan Stosch
Brüder unter sich – und noch bester Laune: Russell (Christian Bale, links) kümmert sich um den jüngeren Rodney (Casey Affleck).
Brüder unter sich – und noch bester Laune: Russell (Christian Bale, links) kümmert sich um den jüngeren Rodney (Casey Affleck). Quelle: Tobis
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Klar ist „Auge um Auge“ ein Rachethriller. Bei diesem einfältigen Filmtitel kann es ja gar nicht anders sein. Doch sollte man sich davon nicht abschrecken lassen. Im Original heißt Scott Coopers Film „Out of the Furnace“. Das klingt schon viel besser, weil damit sowohl der Schmelzofen als auch eine harte Prüfung im Leben gemeint sein kann.

Jedenfalls läuft hier niemand in Rambo-Manier Amok, niemand hat Schaum vorm Mund, es wird auch nicht wild geballert, dafür aber gezielt geschossen. Manche Szene ist gnadenlos brutal. Einmal hängt, schön symbolisch, ein gerade erlegter Hirsch am Haken, sein Blut tropft in eine Schale, während in einem Parallelschnitt zwei Menschen durch Schüsse in den Kopf geradezu hingerichtet werden.

Wut hat anfangs nur einer im Bauch: Rodney (Casey Affleck). Er ist wütend auf sein Land, das ihn immer wieder in den Irak-Krieg schickte, aber zu Hause nichts mit ihm anzufangen weiß. Rodney lebt in Braddock, Pennsylvania, im einstigen Stahlgürtel Amerikas. Noch rauchen ein paar Schlote, aber der wirtschaftliche Niedergang ist unübersehbar. Maschinen verrosten auf wuchernden Wiesen, Fabriken haben dichtgemacht, Häuser stehen leer.

Einer wie Rodney sieht keine Zukunft mehr für sich. Er versucht, bei fingierten Straßenkämpfen sein Geld zu verdienen – bei denen er sich auftragsgemäß zusammenschlagen lassen soll. Es fällt dem Heißsporn allerdings schwer, zu Boden zu gehen, so wie es die Wettmafia will. Für einen wie Rodney ist das Leben eine Prüfung, die er kaum bestehen kann.

Der Coup von Regisseur und Drehbuchautor Cooper aber besteht darin, nicht Rodney in den Mittelpunkt zu stellen, sondern dessen älteren Bruder Russell (Christian Bale). Das ist der Typ Kümmerer: Er fühlt sich verantwortlich für den schwer kranken Vater, das schwierige Brüderchen, ist bis auf die Knochen anständig und schiebt Doppelschichten in der Stahlfabrik. Doch ist es Russell, der nach einer Alkoholfahrt mit Todesfolge im Knast landet. Und während er einsitzt, verliert er seine schöne Frau  Lena (Zoë Saldaña) an einen Polizisten (Forest Whitaker).
Einer wie Russell gibt sich jedoch nicht auf, er will auf den rechten Weg zurückkehren. Auch für seinen Problembruder steht er weiter ein, trauert um den gestorbenen Vater, und er hofft, seine Frau zurückzugewinnen. Wenn Russell mit Jagdgewehr im Wald vor einem Hirsch steht, dann bringt er es nicht übers Herz abzudrücken.
Sowieso sind die meisten hier „gute Jungs mit einem guten Herz“, wie es einmal heißt. Aber dann kommt Bruder Rodney dem eigentlichen Schurken zu nahe, Harlan DeGroat (Woody Harrelson), dem Hillbilly aus den nahen Appalachen-Bergen, wo die Straßen nicht asphaltiert sind und das Gesetz weniger gilt. Hier scheint der Wilde Westen überdauert zu haben.
Das klingt nach Klischee, nach Baukasten-Thriller? So ganz lässt sich das nicht abstreiten, aber man sieht es dieser geradlinigen Geschichte gerne nach. Der Regisseur, der Jeff Bridges als Countrysänger in „Crazy Heart“ zum Oscar verhalf, erzählt in einem ruhigen, drängenden Fluss. Eine sanfte Melancholie lässt er in seine düsteren Bilder einfließen.
Die Charaktere haben Zeit, sich zu entfalten: Woody Harrelson ist ein Gangster, vor dessen cooler Gefährlichkeit man jeden Augenblick Angst hat. Christian Bale trägt den Film auf seinen starken Schultern. Gerade hat er noch in „American Hustle“ mit Schmerbauch und Toupet das FBI hereinlegt, nun ist er ein federndes Kraftpaket, ein Mann, der in sich ruht.
Und daran ändert sich auch nicht wirklich etwas, als die Schicksalsschläge immer heftiger werden. Am Ende tut der große Bruder, was er dem kleinen Bruder schuldig zu sein glaubt und was er dem verrottenden Staat USA nicht mehr zutraut. Russell nimmt das Jagdgewehr und trifft seine Entscheidung, im vollen Bewusstsein der Konsequenzen. Er nimmt das Gesetz in die eigene Hand, und niemand wird ihn davon abhalten.

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