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Kultur Popcorn im Filmkunsttempel
Nachrichten Kultur Popcorn im Filmkunsttempel
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00:15 17.05.2015
Von Stefan Stosch
Foto: Blitzlichtgewitter bei den Filmfestspielen in Cannes.
Blitzlichtgewitter bei den Filmfestspielen in Cannes. Quelle: afp
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Cannes

Gewiss, in Cannes gibt es auch ein paar ganz nette Hotels, das Majestic zum Beispiel. 39.000 Euro kostet die Penthouse-Suite während des Filmfestivals – pro Nacht, versteht sich. Da sind der Friseur und ein toller Blick aufs Festivalpalais aber schon mit drin. Auch Sophie Marceau, Jake Gyllenhaal, Isabella Rossellini und Catherine Deneuve nächtigen im komplett ausgebuchten Majestic, wenn auch nicht im 650-Quadratmeter-Penthouse. 

Auch Festivalausstatter Dior, der die Stars für ihren Auftritt aufhübscht, hat hier seinen Showroom. Und der wird hoffentlich besser bewacht als die Juweliergeschäfte unten auf der Croisette, denn die werden in schöner Regelmäßigkeit ausgeraubt, Cartier hat es erst vor ein paar Tagen erwischt. Wert der Beute: 17 Millionen Euro. Die Sicherheitsmaßnahmen wurden in diesem Jahr noch verschärft - auch mit Blick islamistischen Anschlägen von Paris.

Wer beim Festival wirklich auf sich hält, bezieht sowieso abseits des Trubels Quartier – kurioserweise zumeist die, die den größten Wirbel verursachen. Und so empfängt die komplette „Mad Max“-Mannschaft am Eröffnungstag eine gute halbe Autostunde entfernt im Hotel du Cap Eden-Roc in Antibes zu Interviews. Gut drei Dutzend Berichterstatter aus aller Welt werden zu diesem exklusiven Luxus-Vorposten „geshuttelt“. So viele Stars auch in Cannes einschweben - von Natalie Portman über Matthew McConaughey bis zu Jane Fonda: Bei mehr als 4000 akkreditierten Journalisten müssen die Celebrities gut portioniert werden.

Von freundlichen Damen wird man durch einen lieblichen Park zu Badehäuschen mit Blick aufs Mittelmeer gelotst: Hauptdarsteller Tom Hardy alias Mad Max sitzt inmitten von duftendem Jasmin, saugt an seiner Elektro-Zigarette und erzählt von den sieben Monate währenden Dreharbeiten in Namibia. Es klingt, als erzähle er vom Wüstenkrieg: Benzintanks explodierten, Metallteile flogen herum, kopfüber hing er an Drahtseilen zwischen Kolossen auf Rädern - und dabei fragte er sich die ganze Zeit, welche Idee Regisseur George Miller eigentlich vorschwebte. 

Aber hat so ein Popcorn-Blockbuster überhaupt etwas in Cannes vorloren, jenem heiligen Tempel der Kinokunst? „Ein guter Film ist ein guter Film, egal um welches Genre es sich handelt“, sagt Charlize Theron, die Hardy als kampfestüchtige Heroine auf der Leinwand glatt die Show stiehlt. Richtig daran ist zumindest: Ein Film mit eigener künstlerischer Handschrift ist in Cannes jederzeit willkommen, und die lässt sich „Mad Max“ nicht absprechen.

Wenigstens zwei Hollywood-Produktionen wolle er jedes Jahr im Programm holen, hat der neue Cannes-Präsident Pierre Lescure gesagt - der in früheren Zeiten mal mit Deneuve liiert war. Auch ein Topfestival muss die Balance zwischen Kunst und Kommerz halten. Und das wird immer komplizierter, seit neue globale Player aufgetaucht sind: Netflix-Programmchef Ted Sarandos hat sich für heute in Cannes angekündigt, um über neue Vertriebswege von Filmen zu sprechen. In den USA ist der Kampf zwischen Streamingdiensten und Filmtheatern längst entbrannt. Die Kinos sehen die ihnen bislang zugestandene Auswertungszeit von Filmen in Gefahr.

Immerhin geht es bei diesem Streit noch um Inhalte. Was aber nutzen die tollsten Wettbewerbsbeiträge, wenn etwa Cate Blanchett und Marion Cotillard zuerst nach ihrem Outfit auf den berühmten 24 roten Stufen beurteilt werden? Der „Kleider-Krieg“ ist in Cannes ausgerufen worden - und da dürfen sich auch Naomi Watts, Sienna Miller, Emma Stone, Rooney Mara und Emily Blunt gerne beteiligen. 

Dior verspricht sich an der Croisette bis zum Pfingstsonntag höhere Schauwerte als bei den Oscars, und L'Oréal schickt wie immer seine Botschafterinnen an die Côte d'Azur. Andie MacDowell, Eva Longoria, Julianne Moore, Aishwarya Rai und noch ein paar andere Damen sind zum Dauerlächeln beim Werbemarathon verpflichtet.

Umso überraschender, dass Cannes von einem wenig glamourösen Sozialdrama eröffnet wurde: Ein wütender Jugendlicher wird in „La tête haute“ vom Sozialprojekt übers Jugendheim bis zum Gefängnis durchgereicht. Wären da nicht ein paar verständnisvolle Staatsdiener, die unbeirrt an das Gute in jungen Leuten glauben, müsste der Film der Französin Emmanuelle Bercot ein böses Ende nehmen. Die Jugendrichterin wird übrigens von Catherine Deneuve gespielt - und so verbinden sich Glamour und harsche Wirklichkeit doch wieder wunderbar miteinander.

Premiere vom neuen Mad-Max-Film

Am Donnerstag feiert außerdem der neue Film der "Mad Max"-Reihe seine Premiere in Cannes. Für dieses Actionspectakel "Fury Road" werden Tom Hardy und Charlize Theron in Südfrankreich erwartet.

„Mad Max“-Regisseur George Miller im Interview

Mr. Miller, was bedeutet Cannes für Sie?

Ich saß hier zwei Mal in der Jury. Das waren Wochen, in denen man nur über Filme sprach. Der reinste Himmel. Zudem waren die Franzosen zusammen mit den Japanern vor 35 Jahren auch die ersten, die auf „Mad Max I“ abfuhren. Ein gutes Gefühl, wieder hier zu sein.

Gab es Momente, in denen Sie dachten, „Mad Max 4“ schafft es niemals auf die Leinwand?

Oh ja, viele sogar. Das Drehbuch habe ich noch im vorigen Jahrtausend geschrieben. 2001 wollten wir drehen - mit Mel Gibson. Dann geschahen die Terroranschläge vom 11. September, der US-Dollar brach ein, wir verloren ein Viertel unseres Budgets. Vier Jahre lang habe er erst mal „Happy Feet“ inszeniet. Danach fing alles von vorne an - mit Tom Hardy und Charlize Theron.

Und warum hat es noch mal zehn Jahre gedauert?

Wir wollten in Australiens Outback drehen. Plötzlich regnete es dort - zum ersten Mal seit 15 Jahren. In der Wüste wuchsen Blumen, im Wasser schwammen Pelikane. Das passte schlecht zur Apokalypse. Das Warner-Studio sagte: Das trocknet wieder. Wir warteten 18 Monate, fuhren wieder hin: Die Pelikane paddelten noch immer. Da sind wir von Australiens Ostküste zur Westküste Afrikas umgezogen.

Welches Verhältnis haben Sie eigentlich zu Verkehrsunfällen?

Für mich ist ein Auto ein Ding, das sich in der Landschaft bewegt und filmen lässt. Für Buster Keaton war es der Zug, im Western das Pferd - und das hier ist ein Western auf Rädern. Moderne Autos mit Airbags und Mikroprozessoren hätten aber in der Wüste versagt. Einfache Mechanik war die Grundvoraussetzung - um die Autos dann umso schöner zusammenkrachen zu lassen.

Wie hat Ihr Freund Mel Gibson auf den neuen Film reagiert, in dem er nicht mehr mitspielt?

Er saß neben mir bei der Premiere in Los Angeles. Hinter uns beiden saß Tom Hardy. Ich sah, wie Mel in sich hineingluckste. Hinterher hat er mich umarmt. Wissen Sie, Mel hat mit fürchterlichen Problemen zu tun, er kämpft mit seinen Dämonen. Aber er ist ein guter Mann.

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