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Kultur „Es fühlt sich ein wenig paradox an“
Nachrichten Kultur „Es fühlt sich ein wenig paradox an“
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20:05 26.10.2011
Der Künstler Timm Ulrichs und der Schauspieler Mathias Max Hermann auf Zukunftstrip.
Der Künstler Timm Ulrichs und der Schauspieler Mathias Max Hermann auf Zukunftstrip. Quelle: Ribbe
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Da sage noch einer, das zeitgenössische Theater sei nicht visionär. Das Schauspiel Hannover blickt in die nähere Zukunft, und was sieht es da? Der jetzige hannoversche Oberbürgermeister und Schirmherr des „Botanischen Langzeittheaters“ des Schauspiels ist niedersächsischer Ministerpräsident. Dann blickt es noch weiter, in die Zeit exakt 150 Jahre nach Aussterben der Menschheit, da ist dann Hannover allerdings – wie der Rest der Welt – überwuchert von dichtem Wald und Gestrüpp.

Mit der Erderwärmung scheint es allerdings nicht ganz so dramatisch weitergegangen zu sein: Das Publikum, das für die Zeitreise nach 30-minütiger Fahrt irgendwo am Stadtrand abgesetzt worden ist, blickt von seinen Sitzplätzen in einem engen Container keineswegs auf tropische Lianenvegetation, sondern auf ein paar Haselstauden und deutsche Eichen, ein herbstliches Waldstück, wie man es auch 2011 in Hannovers Umgebung hätte sehen können.

Immerhin gibt es in der Zukunft noch Scheinwerfer und Theaternebel. Der Nebel kommt aus dem Unterholz. Man könnte denken, dort brodelten Chemieabfälle vor sich hin. Dahinter bläst sich wie von Zauberhand eine Klimablase auf. Darin, dank Zukunftsbeamer (die Technik wird erst in der Zukunft erfunden), der bekannte hannoversche Konzeptkünstler Timm Ulrichs (gespielt von ihm selbst) und der Schauspieler Mathias Max Hermann. Letzterer gibt den sensiblen Künstlerversteher und Feingeist.

Der Beamer hat die beiden an einen Ort versetzt, von dem Ulrichs vermutet, es handle sich wahrscheinlich um die Stelle, an der ein dritter Bauabschnitt des Sprengel Museums geplant war. Statt einer Bauruine findet sich dort in der Zukunft ein Timm-Ulrichs-Gedächtnispark: mit einem witterungsfesten Flachbildschirm für die Videoarbeiten, dem berühmten Grabstein mit der Inschrift „Denken Sie immer daran, mich zu vergessen!“, den der heute über Siebzigjährige mit 29 Jahren anfertigen ließ, und noch ein paar weiteren Geniestreichen.

Das Futur II, das „es wird gewesen sein“, das die Schauspiel-Reihe „Die Welt ohne uns“ beschwört – das Ulrichs-Stück ist Teil VI der von Tobias Rausch konzipierten Reihe – ist die Form, in der Künstler ohnedies denken. Ulrichs muss sich auf keine Fiktion einlassen. Nachruhmsorge treibt ihn ständig um. Als einziger Künstler in der Zukunft noch übrig zu sein fühle sich „ein wenig paradox an“, sagt er, aber offenbar nicht schlecht. Endlich kann der Künstler einiges zurechtrücken. Den chinesischen Kollegen, der teure Vasen fallen lässt (Ai Weiwei), nennt er Mittelmaß. Warhol hält er für überschätzt („Kennen Sie Andy Warhol? Der war mal ziemlich berühmt.“).

Vom Container aus folgt man gespannt dem espritvollen Gespräch draußen in der Blase. Die Stimmen klingen dank Tontechnik ganz nah am Zuhörerohr. Es geht um Kunst und Religion, ästhetische und existenzielle Fragen. Immanuel Kant, James Joyce und Stéphane Mallarmé werden zitiert. Beide Gesprächspartner sind beneidenswert belesen. Trotzdem sagt Timm Ulrichs an einer Stelle säuerlich: „Sie zitieren immer Autoren, um mich zu demütigen.“

Noch lange könnte man den beiden zuhören, doch allmählich macht sich die Zeit bemerkbar. Die Natur rückt dem Timm-Ulrichs-Gedächtnispark zu Leibe. Oder um genau zu sein: Zwei Helfer, Marius und Michael, vollbringen in silbergrauen Schutzanzügen in ein paar Minuten, was Erosion in 150 Jahren, Schimmel in 40 Jahren und saurer Regen in 15 Jahren schaffen. Was genau in dem Park passiert, sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Timm Ulrichs nimmt die Zerstörung seines Lebenswerks erstaunlich gelassen hin.

Nächste Vorstellungen: 28. und 29. Oktober. Es gibt noch einige Restkarten. Treffpunkt 19.30 Uhr vorm Schauspielhaus.

Johanna di Blasi

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