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Kultur Eröffnung mit Choreografien von Béjart
Nachrichten Kultur Eröffnung mit Choreografien von Béjart
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19:48 15.04.2012
Von Stefan Arndt
Sichtbar gemachte Musik: Das Béjart Ballett Lausanne in Wolfsburg.
Sichtbar gemachte Musik: Das Béjart Ballett Lausanne in Wolfsburg. Quelle: F. Levieux
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Wolfsburg.

Alles ist wie immer, und wie immer ist alles großartig: Das Movimentos-Festival, die „Festwochen der Autostadt in Wolfsburg“, bringen zum zehnten Mal Tanztheater in das ehemalige Kraftwerk auf dem VW-Werksgelände. Der Weg dorthin führt über einen schwimmenden Steg, innen sitzt man auf einer Metalltribüne inmitten der imposanten Industriekulisse. Das sind die seit der ersten Ausgabe von 2003 bewährten Zutaten, die das junge Festival zu einem weltweit erfolgreichen Tanzevent gemacht haben. Eine kleine Änderung hat man zum Jubiläum aber doch vorgenommen: Bei der Eröffnung gab es keine Ur- oder Erstaufführung, sondern Werke, die bereits ein halbes Jahrhundert alt sind. Der 2007 gestorbene Choreograf Maurice Béjart hat seinen Weltruhm 1959 mit seiner Version von Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ begründet. 53 Jahre später eröffnet die Arbeit nun die neue Movimentos-Ausgabe.

Für das Festival ist das zwar auch ein Blick in die eigene Historie, schließlich wurde Béjart 2004 mit dem ersten Movimentos-Tanzpreis für sein Lebenswerk geehrt. Die Aufführung selbst ist allerdings viel mehr als eine Geschichtsstunde. Die „Sacre“-Choreografie ist noch immer so plastisch und mitreißend, dass man ihr Alter kaum glauben mag. Natürlich kann man hier viel von dem sehen, was Béjart berühmt gemacht hat. Es gibt die hautengen Trikots, die man als Gegenteil der klassischen Tutu-Tradition begriffen hat und die die Tänzer fast nackt erscheinen lassen. Zudem kommen den Männern hier wichtige Aufgaben zu: Sie sind nicht länger vor allem für die Hilfestellung bei den Hebefiguren der Ballerinen zuständig, sondern selbst empfindsame Individuen.

Béjarts Bedeutung lässt sich auch daran ermessen, dass man das, was man 1959 als revolutionär empfunden hat, heute als klassisch gewohnt ist. Der Reiz der Choreografie ist damit aber längst nicht erschöpft. In der Aufführung des Béjart Ballet Lausanne glaubt man tatsächlich, Zeuge eines archaischen Ritus zu sein. In Strawinskys Musik geht es um die Anbetung der Natur, die schließlich mit einem Menschenopfer günstig gestimmt wird. Bei Béjart gibt es auch ohne Tote ein Fest des Lebens. Es beginnt mit einer Art Frühlingserwachen, wenn sich aus einer symmetrisch angeordneten Gruppe einzelne Männer lösen, um sich zu strecken und aufzublühen wie eine Pflanze im Licht. Ihre teils extremen Positionen mit hochgestrecken Ellenbogen und nach hinten gedehnten Schultern wirken dabei erstaunlich organisch: Mal erinnern die Bewegungen an Insekten, mal an Vögel.

Immer folgt die Choreografie dabei bewundernswert hellhörig der Musik. Bei den ersten aggressiven Klängen stehen sich prompt kämpfende Paare gegenüber, bei kraftvollen Rhythmen wird das ganze Ensemble bewegt, das bei wilden Lärm-ausbrüchen wieder erschrocken durcheinanderflattert. Zum Höhepunkt konzentrieren sich die Tänzer mit den letzten Tönen schlagartig in einem Kreis und erheben ein auserwähltes Paar. Es ist, als hätte Béjart die Musik sichtbar gemacht.

Das gilt auch für die beiden weiteren Arbeiten, die in Wolfsburg zu sehen waren. Béjarts Version von Strawinskys „Feuervogel“ aus dem Jahr 1960 ist berühmt für ihre politische Anmutung: Das Ensemble ist in die schlichten Gewänder der chinesischen Kulturrevolution gekleidet. Heute kann man darin eher etwas anderes entdecken: Béjart betont die weiche, zärtliche Seite in der Musik. Der Feuervogel, der als einzige Figur ein rotes Trikot trägt und von einem Mann (in Wolfsburg Keisuke Nasuno) dargestellt wird, ist eine Art Liebesbringer in dieser grauen Welt. Seine stilisierten Kusshände breiten sich im Ensemble aus wie ein Feuer.

Ganz ähnlich kann man heute auch Béjarts vielleicht bekannteste Choreografie verstehen. Ravels „Bolero“ hatte er 1961 seinem Schüler und späteren Lebensgefährten Jorge Donn auf den Leib choreografiert. Ein einzelner Tänzer (in Wolfsburg: Julien Favreau) tanzt als „Melodie“ auf einem von einer großen Männergruppe umgebenen Tisch. Während der gleich bleibende Rhythmus in seinen Füßen zu stecken scheint, dehnt sich der Körper zu den beiden sinnlichen Melodien des Stückes, bis er schließlich die lange passive Gruppe zum Tanzen mitreißt - und das Publikum zu begeistertem Beifall.

Vom 18. April an ist der Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui mit einer Deutschlandpremiere bei Movimentos zu sehen. Karten: (0800) 288678238.