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Kultur Ermittler spüren gestohlene Picasso-Gemälde aus Hannover auf
Nachrichten Kultur Ermittler spüren gestohlene Picasso-Gemälde aus Hannover auf
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20:44 09.10.2011
Von Johanna Di Blasi
Bald wieder in Hannover? Die beiden 2008 aus einer Schweizer Ausstellung gestohlenen Picasso-Werke „Tête de Cheval“ und „Verre et Pichet“ (Bild) sind in Serbien aufgetaucht.
Bald wieder in Hannover? Die beiden 2008 aus einer Schweizer Ausstellung gestohlenen Picasso-Werke „Tête de Cheval“ und „Verre et Pichet“ (Bild) sind in Serbien aufgetaucht. Quelle: dpa
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Hannover

Diese Botschaft übermittelte der leitende Staatsanwalt der Schweizer Strafverfolgungsbehörden, Charles Fässler, auf dem Bildschirm – am Freitagabend in der Sendung „10 vor 10“ des Schweizer Fernsehens.

Nach dreieinhalb Jahren „harter Ermittlungstätigkeit“ sei es der Staatsanwaltschaft, den Behörden sowie „Dritten“ gelungen, die Bilder ausfindig zu machen. Der Wert des Stilllebens und des Pferdekopfes werden inzwischen auf 4,8 Millionen Franken (umgerechnet 3,88 Millionen Euro) geschätzt. Die Bilder befänden sich unversehrt an einem „sicheren Ort“. Zu den Tätern machte der Staatsanwalt bislang aber keine Angaben.

Der Durchbruch gelang offenbar erst in den vergangenen Tagen. Den Angaben Fässlers zufolge war die ermittelnde Schweizer Staatsanwältin Christina Müller kürzlich mit Vertretern der Kantonspolizei nach Belgrad gereist, um Verhandlungen zu führen. Bei der internationalen Fahndung war auch der prominente britische Kunstdetektiv Dick Ellis aktiv. Der frühere Scotland-Yard-Sergeant soll ebenfalls nach Serbien und Montenegro gereist sein. Er war in der Vergangenheit an zahlreichen spektakulären Fahndungen beteiligt, etwa bei der Suche nach Edvard Munchs „Schrei“ aus der Nationalgalerie in Oslo. Im Zusammenhang mit der Suche nach den geraubten Picasso-Bildern sei Ellis auch zu Gesprächen nach Hannover gekommen, sagte Ulrich Krempel, Direktor des Sprengel Museums.

Der Umstand, dass die hannoverschen Kunstwerke im ehemaligen Jugoslawien aufgetaucht sind, lädt zu Spekulationen ein. Versuchten Unterweltbosse, die musealen Werke an reiche Sammler in Osteuropa zu verkaufen? Müssen die Ermittler für die Rückgabe der Bilder „Lösegeld“ bezahlen? Steckt wie im Fall des spektakulären Schirn-Raubs 1994 gar die Serben-Mafia hinter dem Diebstahl im Seedamm-Kulturzentrum in Pfäffikon, wo die Leihgaben aus Hannover in einer Picasso-Schau hingen?

Stefan Horsthemke, bis vor Kurzem verantwortlich bei Axa Art, wo die Picasso-Werke versichert waren, sagte auf Anfrage: „Bis die Bilder nicht sicher nach Hannover zurückgelangt sind, ist es zu früh, über Hintergründe zu reden.“ Die Versicherung hat schon vor einiger Zeit an die Geschädigten – die Stadt Hannover und die Sprengel-Stiftung – eine Summe von rund drei Millionen Euro gezahlt. Üblicherweise wird nach dem Auftauchen geraubter Gemälde die Versicherungssumme gegen die Kunst eingetauscht.

Krempel zeigte sich am Wochen­ende zuversichtlich, dass die Werke schon bald wieder im Museum hängen. „Wir freuen uns, dass es den Ermittlern gelungen ist, die Picasso-Gemälde zu finden. Wir wissen, dass es den Bildern gut geht. Das Wichtigste ist jetzt, dass sie schnell wieder da sind“, sagte der Museumsdirektor. Die Kunstwerke seien intakt, lediglich ein Rahmen zeige Schäden. Die Rückfuhr solle über die Schweiz abgewickelt werden. Die Schweizer Staatsanwaltschaft hat bei den serbischen Behörden ein Rechtshilfegesuch gestellt.

Angela Kriesel von der Sprengel-Stiftung sprach am Sonntag von einer „wunderbaren Nachricht“. Es sei absolut richtig gewesen, die Versicherungssumme nicht in andere Kunst zu investieren. Hannovers Kulturdezernentin Marlis Drevermann sagte, man habe die Summe immer für die Rückabwicklung der Kunstwerke eingeplant.

Nach Spekulationen der auf Kunst­kriminalität spezialisierten Internetplattform arthostage.blogspot.com ist die Zitterpartie noch nicht ganz ausgestanden. Nach derartigen „Deals“ komme es darauf an, dass alle Seiten Wort hielten. Frühere Fälle hätten gezeigt, dass in Serbien und Montenegro gestohlene Kunst mitunter nur wiederzuerlangen sei, wenn Zahlungen an Diebe und Händler geleistet würden. Staatsanwalt Fässler sagte: „Ob Geld geflossen ist, wissen wir nicht.“

„Es gab verschiedene Theorien, beispielsweise vom reichen Milliardär, der den Diebstahl in Auftrag gegeben hat“, sagte Krempel. „Wir sind immer davon ausgegangen, dass es ein absurder Schritt ist, Dinge aus öffentlichem Besitz zu stehlen. Die Bilder sind bekannt und im Art-Loss-Register gelistet.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass die Werke wieder auftauchten, sei von Anfang an als hoch eingeschätzt worden: „Alle Leute, die sich professionell mit dem Thema Kunstdiebstahl auseinandersetzen, sagten uns, dass die Chance, dass die Bilder gefunden werden, groß sei.“ Nähere Hintergründe habe ihm die Schweizer Staatsanwaltschaft nicht verraten, sagte Krempel. Die Umstände erinnern den Museumsdirektor an den Schirn-Raub von 1994. Der Autor und Kunstraubexperte Stefan Koldehoff („Aktenzeichen Kunst“) sieht ebenfalls Parallelen zwischen dem Pfäffikon-Raub und dem Frankfurter Fall, wie er auf Anfrage dieser Zeitung sagte.

Auch beim Schirn-Raub sind Kunstwerke – zwei Turner und ein Spitzweg aus der Tate in London und der Hamburger Kunsthalle – aus dem früheren Jugoslawien zurückgekehrt. Allerdings gab es hier erst nach fünf Jahren die ersten ernst zu nehmenden Hinweise.

Museumsleute aus London und Kunstdetektive gingen damals pfiffig ans Werk – und hatten Erfolg. Die einzelnen Winkelzüge sind indes nicht unumstritten. Die Tate London soll bei dem Coup einen 20-Millionen-Euro-Überschuss erwirtschaftet haben, auf Kosten des Kunstversicherers. Inzwischen gibt es Bücher über den Frankfurter Fall, über viele Details aber wird bis heute geschwiegen.

Kurze Zeit nach dem Picasso-Raub in Pfäffikon 2008 waren in der Züricher Sammlung Bührle vier Gemälde mit einem Schätzwert von 180 Millionen Franken (145 Millionen Euro) gestohlen worden. Zwei tauchten bald darauf wieder auf. Von zwei weiteren Werken – einem Cézanne und einem Degas – fehlt weiterhin jede Spur. Nach wie vor ist unklar, ob die Täter von Pfäffikon auch für den Raubüberfall in Zürich verantwortlich sind.

Ein Fahndungserfolg wurde kürzlich im Fall der 2010 aus dem damals unzureichend gesicherten Musée d’Art Moderne in Paris geraubten Kunstwerke im geschätzten Wert von rund 100 Millionen Euro gemeldet. Vor wenigen Tagen wurden in Paris drei Verdächtige festgenommen – die Kunstwerke wurden noch nicht aufgespürt.

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