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Kultur Elftes M’era Luna Festival in Hildesheim
Nachrichten Kultur Elftes M’era Luna Festival in Hildesheim
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22:51 08.08.2010
Sehen und gesehen werden: Beim  M’era Luna Festival in Hildesheim am Wochenende posierte jeder für jeden. Mehr als 40 Bands begleiteten das Schaulaufen musikalisch.
Sehen und gesehen werden: Beim M’era Luna Festival in Hildesheim am Wochenende posierte jeder für jeden. Mehr als 40 Bands begleiteten das Schaulaufen musikalisch. Quelle: dpa
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Erst die Band Samsas Traum – der Name ist eine Anspielung auf Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung – weckt die müden Massen. Die Dark-Metaller spielen schon zum dritten Mal bei M’era Luna und singen oder schreien sich auch diesmal in die Herzen ihrer Fans. Nach dem Auftritt dösen die Plateaubesohlten und Netzbestrumpften aber wieder ein.

Das Gelände des Flughafens rund um die Hauptbühne dient den Besuchern als Liegewiese. Das düstere Schwarz beherrscht das Bild – aber es gibt in diesem Jahr auch neue Trends. Neben Barock- und Mittelalterfans, Gothic-Punks, Metallern und Emos sieht man nun Offiziere, Matrosen und Stewardessen auf dem Gelände flanieren. Und Cyborgs. Was diese Maschinenmenschen ausmacht, wird Sonnabendnachmittag während der M’era Luna ­Modenschau gezeigt. Drahtmaske, Halskrause, Folterwerkzeug und dabei viel Haut präsentieren die auf düster gestylten Models. Die Produkte der Labels Lucardis Feist, Cyberesque, AMF Corsets und Bibian Blue werden dabei mit theatralischer Phantasie präsentiert.

Im zum Bersten gefüllten Hangar filmen neben Fetischleuten Rastakinder mit Haaren bis zum Boden – auch das ein neuer Trend – die Show. Es ist schwer, auf dem M’era Luna noch ausgefallen zu sein. Die Zeile „Wenn du spürst, dass du anders bist, dann musst du lauter schreien“ aus dem Lied „Freiheit“ der Band Unheilig ziert manches T-Shirt. Die einen schreien, die anderen ziehen sich aus. So lässt sich eine kleiderlose Grazie mit bemaltem Körper brav fotografieren, um anschließend an der Hand ihres Dominus demütig weiterzuziehen.

Den Sound dazu liefert die Band „Stolen Babies“, die angesichts ihrer opulenten Roben die neuesten Trends in der Gothic-Szene offenbar schon kannte. Die Amerikaner verbinden Metall mit Ska-Rhythmen und Zirkusmusik, abwechselnd brüllt Frontfrau Dominique Lenore Persi heiser oder singt über Kindheitserinnerungen der düsteren Art. Nebenbei spielt und scherzt die Band mit dem Publikum. Die Show kommt an.

Ein paar Rüschenröcke, Vampirzähne und Uniformen weiter geht es zur Autogrammstunde der Band „Lacrimas profundere“. Auch nach einer halben Stunde Unterschreiben ist die Schlange vor dem Zelt noch knapp fünfzig Meter lang. Zur zweiten Bühne, der Hangar-Stage, kommt schon niemand mehr. „Das Ich“ spielt, die Halle ist voll, die Sicherheitsleute machen Ernst und schließen den Eingang. Manche ärgert das, die meisten reagieren aber verständnisvoll. Der Begriff „Duisburg“ fällt.

Später, nachdem sich die Halle wieder etwas geleert hat, strömen neue Massen zur Show von „Rotersand“. Hier wird exzessiv zu Technobeats getanzt. Vor dem Hangar stehen Lina und Verena, die aus Berlin und Bremerhaven gekommen sind. Ihre langen Röcke streifen den Boden, enge Korsetts und ausladender Tüll schränken die Bewegungsfreiheit ein. Wie passt so etwas nur in eines der Zweimannzelte? „Wir zelten nicht. Sonst kann man das Stylen ziemlich vergessen“, sagt Lina in der blauen Latexkombi. „Mit viel gutem Willen und mehreren Koffern kann man die Outfits schon transportieren und im Zelt verstauen. Aber mit der Bahn anreisen? Könnte schwer werden“, fügt Verena hinzu.

Während die Sonne langsam sinkt, füllt sich der Bereich um die Hauptbühne. Die slowenische Band „Laibach“ raunt die letzten Töne ins Mikrofon. Tausende Hände klatschen im Takt. Dann kommen die drei Engländer von „Nitzer Ebb“, die bereits seit 17 Jahren im Geschäft sind. Alles wartet auf die Band „Unheilig“ um Frontmann „Graf“, die es mit dem Lied „Geboren, um zu leben“ seit Langem wieder einmal in die Charts geschafft hat.

Der „Graf“ tritt geschniegelt im Frack auf, den er nach drei Liedern allerdings zur Seite legt. Bei Kerzenschein singt er „Unter deiner Flagge“, statt Feuerzeuge werden gerüschte Sonnenschirmchen hin und her geschwenkt. Die letzten Sonnenstrahlen fallen auf die dunkle Menge vor der Bühne, schwarze Luftballons tanzen über dem Publikum. Nach dem schwermütigen Sound der Balladen geht es jetzt wieder wilder zu. „Graf“ tanzt zuckend, marschiert über die Bühne, bringt das Publikum zum Hocken (und damit wahrscheinlich das ein oder andere Korsett zum Platzen). „Sage ja“ heißt es, und die Menge springt auf – Arme gen Himmel gereckt.

Die „Sisters of Mercy“ sind die letzte Band des Sonnabends, bevor am Sonntag „In Extremo“ und „Placebo“ die Bühne stürmen. Die Show der Altrocker zeichnet sich durch viel Farbe und noch mehr Nebel aus. Darüber hinaus passiert nicht allzu viel, nach fast 30 Jahren im Geschäft wirkt die Show der „Sisters of Mercy“ müde, routiniert. Und wäre da nicht der künstliche Nebel, der von der Bühne aus über das Publikum wabert, so hätte die „Era Luna“ – das Zeitalter des Mondes – längst begonnen. So verschwindet der Halbmond hinter einer dicken Wolke.

Johanna Günther