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Kultur Eingesperrte Bücher: Warum E-Books nicht die Zukunft des Lesens sind
Nachrichten Kultur Eingesperrte Bücher: Warum E-Books nicht die Zukunft des Lesens sind
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18:48 10.10.2019
Der E-Book-Markt stagniert seit fünf Jahren: Ein E-Book fühlt sich an wie ein Gast hinter Glas. Die Vorteile eines Buches kann es nicht ersetzen. Quelle: vectorfusionart - stock.adobe.com

Nein, dies wird nicht schon wieder so ein nostalgisch-verklärter Text über die sinnlichen Segnungen von Papier, über das gute Gefühl bildungsbürgerlicher Erhabenheit, ausgelöst durch die knisternde Haptik eines Druckwerkes im Zusammenklang mit einer friedvollen Tasse Kaffee. Derlei Analog-Romantik hilft nicht weiter. In Wahrheit hat der Journalismus zum Beispiel mehrheitlich ja längst erkannt, dass die trotzig-sentimentale Rückschau auf netzlose Zeiten der suchenden Branche den, Verzeihung, Arsch nicht retten wird. Die Druckauflagen sinken, die digitale Nutzung steigt. Zwar wird mit Liebe Gedrucktes auf absehbare Zeit ein warmes Plätzchen behalten. Die Zukunft aber gehört in der Medienwelt klar dem Digitalen.

Selbst die Jüngeren bevorzugen Literatur gedruckt

In der Literaturwelt aber sieht das ganz anders aus. Gedrucktes hält sich hartnäckig. Und dabei dachte auch diese Branche lange, E-Book und Hörbuch würden dem gedruckten Buch früher oder später den Garaus machen. Warum soll man einzelne Romane auf 400 Seiten gepresste Zellulose drucken, wenn ein E-Reader Hunderte Titel speichert? Warum sollte mit Büchern nicht auch funktionieren, was mit Musik und Filmen seit Jahren klappt? Die Nutzerzahlen von E-Books würden in immer neue Höhen steigen, orakelten die Kulturpropheten. Und das gedruckte Buch werde allenfalls zur Bildungsfolklore für Kulturbürger mit Eigelb im Bart, zu einem geschätzten, aber vom Normalleser ignorierten Anachronismus.

Nichts da. Das Gegenteil passiert. Der Markt für E-Books stagniert. Und zwar schon seit Jahren. Das belegen frische Zahlen des Digitalverbandes Bitkom. Seit 2014 ist die Zahl der E-Book-Nutzer praktisch unverändert. Ein Viertel aller Deutschen ab 16 Jahre (26 Prozent) liest aktuell elektronische Bücher. Es sind fast exakt so viele wie vor fünf Jahren – damals waren es 24 Prozent. Drei Viertel aller E-Book-Nutzer (77 Prozent) lesen dabei hauptsächlich auf Geräten mit E-Ink-Displays, die mit hohem Kontrast und ohne Hintergrundbeleuchtung Buchseiten simulieren. Das zeigt: Auch digitale Leser suchen bei Büchern das analoge Leseerlebnis. „E-Books haben echte Fans“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. „Aber es kommen keine neuen hinzu.“ Selbst die Jüngeren bevorzugen, wenn es um Bücher geht, Gedrucktes.

Nur jeder vierte Deutsche liest überhaupt E-Books – Tendenz stagnierend. 80 Prozent dagegen lesen unverändert lieber gedruckte Bücher. Quelle: Zacharie Scheurer/dpa-tmn

Ein gutes Buch ist ein schweigsamer Kumpan

Fünf Jahre Stillstand – in digitaler Währung ist das eine Ewigkeit. Warum ist das so? Warum stagnieren E-Books, obwohl digitale Medien insgesamt boomen? Warum lesen unverändert etwa 80 Prozent der Deutschen gedruckte Bücher, aber die Buchbranche macht nur 6 Prozent ihres Umsatzes mit E-Books? Weil es beim Genuss eines Buches um etwas anderes geht als beim Lesen von Nachrichten. Der „Verzehr“ eines guten Buches ist hirntechnisch ein anderer Vorgang als das interessierte Scannen von Neuigkeiten. Über die Qualität des aktuellen Literaturangebots sagt das zwar wenig aus – technisch aber scheint die Sache entschieden. Das Buch ist tot. Es lebe das Buch.

Ein Buch ist ein Gegenstand der Kontemplation. Das echte, in sich selbst verlorene Lesen ist ein intimer Vorgang. Wir erlauben einem fremden Autor über Stunden den direkten Zugriff auf unser Unterbewusstsein, unsere Gefühlswelt, unsere Assoziationen und damit unsere Seele. Dabei entsteht ein magischer Raum, in dem die Fantasie tanzen geht. Ein gutes Buch ist ein schweigsamer Kumpan, ein Lebensabschnittsgefährte. Der Geruch des Buches und die Schwere seiner Seiten gehört zum emotionalen Erlebnis. Ein E-Book dagegen fühlt sich abends im Bett an wie ein Gast hinter Glas. Wie ein Kunstwerk in der Vitrine. Als drücke man im Transitbereich eines Flughafens seine Nase an die Scheibe, um die Geliebte wenigstens aus der Ferne zu sehen. E-Books duften nicht. E-Books kann man nicht lieben. E-Books sind eingesperrte Bücher.

In E-Books kann man nichts hineinkritzeln

Die Nachteile des E-Books wiegen die Vorteile schlicht nicht auf:

  • E-Books können nicht durch Freundeskreise wandern.
  • E-Books kann man nicht verleihen.
  • E-Books gehen am Strand kaputt.
  • In E-Books kann man nichts hineinkritzeln.
  • Es gibt keine gebrauchten E-Books günstiger.
  • E-Books sind wegen der komplizierten Rechtelage viel zu teuer (auch wenn die Bundesregierung den Mehrwertsteuersatz wie bei gedruckten Büchern von 19 Prozent auf 7 senken wird).
  • E-Books lassen sich, einmal gelesen, nach Jahren kaum je im Regal wiederentdecken.
  • E-Books sind oft an ihr Gerät gebunden (Tolino-Reader verstehen nur das Format ePub, Kindle-Geräte nur mobi).
  • Und über einem E-Book in einer stillen Mondnacht sanft in den Schlaf hinüberzudämmern fühlt sich morgens an, als habe man einen Spaten im Gesicht.

Ein Buch braucht keine Batterie

Das gedruckte Buch dagegen bietet – abgesehen von Download und Speicherplatz – genügend Vorteile, um seine Existenz auch im Digitalzeitalter dauerhaft zu rechtfertigen:

  • Ein Buch darf herunterfallen.
  • In einem gedruckten Buch zu „springen“ ist sehr viel leichter.
  • Einem gedruckten Buch fühlt man stets an, wie weit man schon ist.
  • Ein Buch braucht keine Batterie.
  • Du musst nicht 150 Euro für ein Gerät bezahlen, das es dir überhaupt erst ermöglicht, Bücher zu lesen.

Das sind Fragen des Komforts. Doch beim Zweikampf zwischen Buch und E-Book geht um viel mehr. Hirnforscher arbeiten daran, die Folgen des Bildschirmlesens zu entschlüsseln. Was sie wissen: Das menschliche Gehirn interpretiert Texte ähnlich wie reale Landschaften. Es erkennt nicht nur Buchstabenkombinationen als feste Wortbilder, es liebt auch die feste Struktur. In einem gedruckten Buch mit klarer Seitenaufteilung fällt es ihm deshalb leichter, sich zu orientieren, als in einem E-Book mit variabler Schriftgröße oder Gestaltung.

Microsoft verkauft gar keine E-Books mehr

Zwar flimmert Schrift auf dem Bildschirm längst nicht mehr sichtbar, weil Abtastraten und Auflösung hoch genug sind. Die Netzhaut des Auges freilich unterscheidet weiterhin zwischen Gedrucktem und Angezeigtem. Da kann Apple seine hochauflösenden Bildschirme gern „Retina Display“ nennen – die Netzhaut löst das äußerlich unsichtbare Flimmern noch immer auf „und sendet diese diskontinuierlichen Reize zur Hirnrinde“, wie der Hirnforscher Wolf Singer der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sagte. Und dieser „nicht wahrnehmbare Flickerreiz“ könne auch neuronale Prozesse beeinflussen. „Wir wissen, dass manche Tiere über ein besseres zeitliches Auflösevermögen verfügen, das Flickern wahrnehmen und deshalb ungern auf Bildschirme schauen.“

Doch es ist nicht die Sorge um die Sehkraft oder die Gehirnhygiene, die das E-Book in die Krise getrieben haben dürfte. Es sind: zu hohe Preise, zu wenig Titel, eine enervierende Rechteverwaltung und unsere tiefe kulturelle Prägung. E-Books drohen damit zur Minidisc unter den Lesemedien zu werden: nette Idee, kurze Blüte, keine Zukunft. Microsoft verkauft seit diesem Sommer gar keine E-Books mehr. Der Grund: Es lohnt sich nicht. Seit Juli ist der Zugriff auf gekaufte oder geliehene Bücher im Microsoft Store nicht mehr möglich. Klicks führen ins Leere. Kunden erhalten ihr Geld zurück oder eine Gutschrift.

Das Buch war schon perfekt, so wie es war

Möglich, dass eine flotte Harry-Potter-Technologie mit flexiblem Papier und bunter „Zaubertinte“ das analoge Bucherlebnis einst erfolgreich auf die Digitalwelt übertragen wird. Doch bis dahin gilt: E-Books sind nicht die Zukunft des Lesens. Mit der papierlosen Literatur ist es wie einst mit dem „papierlosen Büro“: theoretisch erfolgreich, praktisch nicht.

Das Buch hat eine 500 Jahre alte Kulturgeschichte. Das klingt dann doch wieder ziemlich nostalgisch, aber es ist eine ganz rationale Erklärung dafür, dass die Erwartungen an Bücher eben völlig andere sind. Für Zeitungen, Radio und Fernsehen brachte die Digitalisierung zahllose Vorteile mit sich: höheres Tempo, massenhafte Verbreitung, smarterer Vertrieb, gezieltere Werbung, globale Wahrnehmung, mehr Komfort. Das Buch dagegen soll andere Ansprüche erfüllen. Es ist da. Es ist anfassbar. Es ist eine Schatztruhe. Man könnte auch sagen: Es war schon perfekt, so wie es war.

Von Imre Grimm/RND

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