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Kultur „Ein Becken voller Männer“: Von Kerlen, die zu träumen lernen
Nachrichten Kultur „Ein Becken voller Männer“: Von Kerlen, die zu träumen lernen
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13:30 23.06.2019
Synchronschwimmer unter sich: Diese Männergruppe (Jean-Hugues Anglade, Mathieu Amalric, Guillaume Canet, Benoît Poelvoorde, Philippe Katerine, Balasingham Thamilchelvan und Alban Ivanov, v.l.n.r.) geht gleich baden. Quelle: Foto: Studiocanal
Hannover

Die Reaktion kann kaum ausbleiben: Synchronschwimmen? Ob das nicht die Sache mit Frauen und einer Choreografie im Wasser sei, die man aus dem Kino kenne, feixt der böswillige Schwager von Bertrand – und spielt damit wohl an auf Hollywoodstar Esther Williams, die „Badende Venus“. Um sogleich hinzuzufügen: „Na ja, Frauen spielen ja auch Fußball.“

So ist das, wenn Männer sich in vermeintlichen Frauengefilden oder Frauen sich in Männergefilden tummeln. Und hier setzen sich wenig trainierte, mittelalte Männer eine Klammer auf die Nase und eine Badekappe auf den Kopf, um sodann in knappen Höschen im Schwimmbecken abzutauchen und dabei eher komische als elegante Formationen zu bilden.

Sie sollten ihre Bäuchlein ruhig vorzeigen, hat Regisseur Gilles Lellouche seine namhaften Darsteller vor dem Dreh wissen lassen. Sixpacks seien gar nicht erwünscht. Wer hat die auch schon im wirklichen Leben?

„Ein Becken voller Männer“ ist ein Film über Angst und Verunsicherung

Doch geht es dem Franzosen Lellouche („Das Leben ist ein Fest“) in „Ein Becken voller Männer“ im Kern um etwas anderes als darum, die Skurrilität eines untypischen Männerhobbys auszureizen. Seine Komödie ist zuerst ein Film über Angst und Verunsicherung, von der hier quasi alle Männer zwischen vierzig und fünfzig befallen sind. Für jeden von ihnen gilt es, seine Furcht zu überwinden.

Bertrand (Mathieu Amalric) zum Beispiel rührt sich morgens Antidepressiva wie Schokostreusel unter die Cornflakes. Sobald seine Familie aus dem Haus ist, lässt er sich wieder aufs Sofa fallen und dudelt im Halbdunkeln Computerspiele. Seit zwei Jahren hat er keinen Job mehr, und jede Bewerbung um einen neuen kommt für ihn einer psychischen Folter gleich.

„Ein Becken voller Männer“ – Ist Frankreich von Mutlosigkeit erfasst?

Simon (Jean-Hugues Anglade) ist ein zauseliger Altrocker, der in einem Wohnwagen lebt und immer noch hofft, irgendwann einen Nummer-Eins-Hit nach Bob-Dylan-Art zu landen. Bis dahin arbeitet der Dauerjugendliche in der Schulmensa seiner Teenager-Tochter, der er nur peinlich ist. Der aggressive Laurent (Guillaume Canet) wiederum hat sich mit seiner Familie überworfen, und Unternehmer Marcus (Benôit Poelvoorde) treibt eine Firma nach der anderen in die Pleite.

Es dauert in dem Zwei-Stunden-Film lange, zu lange, bis der Regisseur die ganze Misere vor uns ausgebreitet hat – zumal da auch noch die beiden ehrgeizigen Trainerinnen sind, die eine davon eine ehemalige Alkoholikerin (Virginie Efira), die andere eine prügelnde Rollstuhlfahrerin (Leila Bekhti). Ja, wird denn ganz Frankreich von Mutlosigkeit und Untergangsfantasien beherrscht?

Ein Trüpplein Männer beweist, was in ihm steckt

Zugute muss man Lellouche halten, dass er die Niederlagen und Enttäuschungen seiner Synchronschwimmer nicht als bloßen Vorwand benutzt. Das ist mehr, als man bei Komödien dieser Art erwarten kann. Die Grundstruktur erinnert unvermeidlich an die arbeitslosen Stahlarbeiter auf Stripteasetrip in „Ganz oder gar nicht“ oder an die Pin-up-Girls im Seniorenalter in „Kalender Girls“, vielleicht auch an das jamaikanische Bobteam, das in „Cool Runnings“ unbedingt zu den Olympischen Winterspielen fahren will.

Und dann stößt Bademeister Thierry (Philippe Katerine) im Internet zufällig auf eine Notiz: In Norwegen finden die Weltmeisterschaften im Synchronschwimmen für Männer statt. Ein französisches Team hat sich offenbar noch nicht angemeldet (wohl aber ein beeindruckendes deutsches). Das ändert sich noch in derselben Nacht. Die Begeisterung kennt keine Grenzen: Endlich haben die Underdogs eine Chance zu beweisen, was in ihnen steckt.

„Ein Becken voller Männer“ – Ein neues Kinogenre entsteht

Kommt jemandem diese Geschichte bekannt vor? Das könnte daran liegen, dass sich schon zwei andere Regisseure für ganz ähnliche Storys begeistern ließen.

Der schwedische Regisseur Måns Herngren brachte 2008 einem männlichen Team Eleganz und Anmut im Schwimmbecken bei („Männer im Wasser“), der Brite Oliver Parker ließ 2018 einen Buchhalter in der Midlife-Crisis als Synchronschwimmer neuen Lebensmut finden („Swimming with Men“). Fast sieht es so aus, als sei ein eigenes Genre über schwimmende männliche Synchronschwimmer im Entstehen begriffen. Da sollten Therapeuten ein Auge drauf haben.

Solidarität ist möglich

Sobald es ans Training geht, kitzelt Regisseur Lellouche die komischen Momente heraus („Du schwimmst nicht, du sinkst!“). Aber auch da zielt er auf Wichtigeres ab: Stellvertretend entdecken die Synchronschwimmer, dass Solidarität und Zusammenhalt möglich sind und sich der Einzelne ohne diese Eigenschaften nicht entwickeln kann – und dass nichts lächerlich ist, wenn man nur dran glaubt.

Am Ende hat „Ein Becken voller Männer“ märchenhafte Züge. Man kann es aber auch so sagen: Bertrand und seine Kumpel haben wieder gelernt zu träumen. Das ist nicht unbedingt eine überraschende Filmbotschaft, dafür aber eine sympathische.

„Ein Becken voller Männer“ – Filminfo

Kinostart in Deutschland: 27.06.2019

Originaltitel: „Le grand bain“ (Frankreich)

Regie: Gilles Lellouche

Darsteller: Mathieu Amalric, Jean-Hughes Anglade, Benoît Poelvoorde

Filmlänge: 121 Minuten

Altersfreigabe: ab 6 Jahren

Von Stefan Stosch

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