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Kultur Eigenwilliger Gang durch die Kunstgeschichte
Nachrichten Kultur Eigenwilliger Gang durch die Kunstgeschichte
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11:47 11.09.2010
Von Simon Benne
Das Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ wurde im Stil von Disney-Enten verfremdet.
Das Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ wurde im Stil von Disney-Enten verfremdet. Quelle: dpa
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„Petersburger Hängung“ nennen es Museumsleute, wenn sie sich nicht so recht entscheiden können, welche Werke sie zeigen wollen, und stattdessen die Wände überfrachten. Wie in der Eremitage eben, wo die Fülle der Kunst den Betrachter sprachlos machen soll. Oder wie jetzt im Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim. Aber wer wollte auch entscheiden, welche Werke der Weltgeschichte weichen sollten? Schließlich lädt die Ausstellung „Duckomenta“, die dort am Sonntag eröffnet wird, zu einem höchst eigenwilligen Streifzug durch die gesamte Kunsthistorie ein. Zu einem Bummel im Entengang gewissermaßen. Denn von der Caesar-Büste bis zu Tischbeins berühmtem Goethe-Gemälde sind die Motive aller 400 Exponate im Stile von Disney-Figuren verfremdet. Entenhausen ist überall.

Wenn tatsächlich jede Satire ihren Gegenstand ehrt, ist diese Ausstellung eine einzige Verbeugung vor der Hochkultur. Auf einem Ölgemälde führt eine Delacroix-Daisy als „Marianne“ das Volk. Im matten Licht glänzt der Erpel mit dem Goldhelm, und die Mona Lisa lächelt so gut, wie man das mit einem Schnabel eben kann. Dürers betende Hände ähneln Flossen, zwischen den Seerosen von „Claude Monente“ taucht ein Federvieh hindurch, und Roms Kapitolinische Wölfin erinnert verdächtig an den DisneyHund Pluto.

Das Museum hat einige Vitrinen geräumt; statt Originalen haben dort jetzt Parodien ganz gleichberechtigt ihren Platz gefunden: etwa die geschnäbelte Gletschermumie „Dötzi“ als Exponat der Ur- und Frühgeschichte oder die steinzeitliche „Venus von Villenduck“. Museumsdirektorin Katja Lembke legt indes Wert darauf, mit der Ausstellung kein kulturelles Federgewicht ins Haus geholt zu haben: „Wir nehmen unseren Bildungsauftrag ernst“, versichert sie. So flankieren Texttafeln die Exponate, auf denen Besucher auch etwas über die Nofretete ohne Schnabel erfahren können.

Die „Duckomenta“ ist wie ein Bummel über die Wiese der Weltkultur, bei der ein Flaneur sich die schönsten Blüten pflückt, um daraus der Komik einen Kranz zu winden. Die Ausstellung huldigt dem Kulturkanon und ironisiert ihn zugleich. Sie funktioniert nur in dem historischen Augenblick, in dem das Publikum diesen Kanon noch nicht vergessen hat, ihn zugleich jedoch nicht mehr für sakrosankt hält.

Freilich dauert dieser Augenblick schon ziemlich lange an. Seit den Achtzigern präsentiert die fünfköpfige Künstlergruppe interDuck, hervorgegangen aus der Braunschweiger Kunsthochschule, ihre Entenwerke. Viele davon waren im hannoverschen Kubus schon 1993 ausgestellt, insgesamt sollen schon eine Million Besucher die Schau gesehen haben. Obwohl diese sich von Station zu Station verändert, ist die „Duckomenta“ – heul, schluchz, grein! – im Grunde ein alter Hut.

Einst stand so etwas wie die Kritik an der Amerikanisierung des Kulturbetriebes auf der Agenda von interDuck. Inzwischen firmiert die Gruppe als GmbH und profitiert vom kommerziellen Kulturbetrieb offenbar ganz gut. In Hildesheim wird die Schau im großen Stil beworben: Entenfußspuren führen durch die City zum Museum. Es gibt eigene Schokoladenkreationen mit Entenmotiven. T-Shirts zeigen Leonardos „Vitruvischen Mensch“ als Erpel, und Kaffeetassen ziert Che Guevaras revolutionäres Antlitz – natürlich geschnäbelt. Einige Werke, darunter das Bildnis eines gefiederten preußischen Offiziers, sind auch auf der Marienburg zu sehen, wo sie inmitten der echten Historiengemälde wieder etwas von ihrer anarchischen Komik zurückgewinnen.

Im Roemer- und Pelizaeus-Museum dagegen nutzt sich die Ironie vergleichsweise schnell ab: Wir begegnen Luther, wie Cranach ihn schuf, nur eben mit Schnabel. Wir sehen „Erasmus von Dotterdam“ mit seinem Pelzkragen, und unweit von Franz Marcs blauen Schnabelpferden watschelt Caspar David Friedrichs „Wanderer überm Nebelmeer“. Vergeblich wartet man nur auf den Gekreuzigten vom Isenheimer Altar. Die Stücke für sich sind meist originell. Doch in dieser Fülle sind sie wie ein guter Witz, der beim wiederholten Erzählen ja nicht schlechter wird, aber doch seine Pointe verliert. Disneys Figuren stehen bei Kindern heute nicht mehr so hoch im Kurs wie ehedem. Möglicherweise wird die kommende Generation die Mona Lisa noch kennen, aber nicht mehr verstehen, warum irgendjemand sie um die Jahrtausendwende einmal mit einem Schnabel gemalt hat. Aber vielleicht ist Entenhausen ja selbst längst im Kulturkanon angekommen. Vielleicht braucht es bald eine Ausstellung, die die „Duckomenta“-Parodien parodiert. Und vielleicht ist es dann nur noch eine Frage der Zeit, bis antiamerikanische Fanatiker die Verbrennung eines Donald-Duck-Comics ankündigen. Federmann, deine Tage sind gezählt!
In Hildesheim bis zum 1. Mai 2011. Infos unter (0 51 21) 9 36 90.