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Kultur Lyrik der Zerrissenheit
Nachrichten Kultur Lyrik der Zerrissenheit
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21:19 07.04.2014
Yahya Hassan liest aus seinem Gedichtband.
Yahya Hassan liest aus seinem Gedichtband. Quelle: Thomas Lekfeldt
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Hannover

Sein literarisches Debüt machte Furore – erst in Dänemark, jetzt auch in Deutschland: Yahya Hassan, 18, Kind palästinensischer Eltern, in Aarhus aufgewachsen, Lyriker. Mit 300 Exemplaren startete sein phänomenaler Gedichtband; mittlerweile sind 100 000 Exemplare verkauft, das Buch ist in fünf Sprachen übersetzt, und er hat den wichtigsten dänischen Literaturpreis von der Tageszeitung „Politiken“ erhalten. Wer ihn trifft, begegnet einem zornigen jungen Mann.

Wie ist das, plötzlich mit drei Leibwächtern durch den Kopenhagener Alltag zu gehen, weil es Drohungen gibt und tätliche Angriffe? Yahya Hassan zuckt die Schultern. Und dass ihn viele als Politikum wahrnehmen, mit seinen wütenden Angriffen gegen die Einwanderergeneration der Eltern, die sich in ihrer Unbildung und Bigotterie eingerichtet hat und den Wohlfahrtsstaat Dänemark nach seinem Gefühl gründlich abzockt? „Es sind nur Gedichte. Da ist nichts politisch“, sagt er knapp. Und wie sich überhaupt plötzlich alles um ihn dreht, den Jungen aus Aarhus-Gellerup, dem Plattenbau-Stadtteil mit 84 Prozent Ausländeranteil? „Nervt, ein bisschen ...“ Fast grinst er nun doch.

Es ist ein zorniger junger Mann, dem man da begegnet. Gerade ist sein Buch auf Deutsch erschienen. Schwarzer Einband, darauf sein Name in Blockbuchstaben: Yahya Hassan. Sonst nichts. „Das Buch handelt von mir, von meinem Leben, meinen Erfahrungen, meinen Gedanken – es war einfach natürlich, meinen Namen für das Buch zu nehmen.“ Und die Versalien? „Eigentlich fand ich nur, dass es blöd aussah mit den kleinen Buchstaben.“ Ein bisschen Statement ist es aber doch: „Die Großbuchstaben zeigen, dass das, was da steht, das ist, was ich meine. Darüber gibt es nicht viel zu diskutieren.“

Der Vater, der die Kinder schlägt, bis Blut fließt, und sich nur am Freitag in der Moschee zu spontanen Gesten der Zärtlichkeit hinreißen lässt. Die Mutter, die wegschaut und irgendwann fort ist, ersetzt durch eine andere. Die vollbärtigen Männer, die an der Tür klingeln, um sich unter den Schwestern eine Hausfrau auszusuchen. Die Raubzüge auf geliehenen Mopeds. Die Gangsta-Rituale. Irgendwann auch die Anstalt mit ihren Pillen und psychiatrischen Maßnahmen.

Ein fortgesetztes Ausrufezeichen hinter der Zerrissenheit

Es sind Schlaglichter auf eine brutale Parallelwelt. Getto-Bilder. Gnadenlos klar beobachtet, präzise geschildert, dabei von großer Energie und Poesie: „Ich verschütte zwanzig Liter Dunkel / und eine Kindheit gegen die Wand / eine Steinzeithand und ein Taschenbuch-Koran / vielleicht hätte ich dich geliebt / wenn ich dein Vater wäre und nicht dein / Sohn.“ Wie ein fortgesetztes Ausrufezeichen hinter der Zerrissenheit liest sich das, und es passt zu dem monoton rappenden Stakkato, mit dem er seine Gedichte intoniert: „... in der Schule dürfen wir nicht Arabisch / sprechen / zu Hause dürfen wir nicht Dänisch sprechen ...“ Es gibt keine Schattierungen in diesen Texten zwischen Prosa und Litanei. Alles erlebt und erlitten, scheinen sie zu sagen, alles gleich wichtig und gleich schmerzhaft. Illusionslose Blicke auf Gewalt, Unwissenheit und Einsamkeit. Ob die Eltern das Buch gelesen haben? „Keine Ahnung.“

Yahya Hassan hat keine Lust, über seine Gedichte zu reden, auch nicht über seine Geschichte: „Steht alles in den Gedichten.“ Erzählt, was er zu sagen hatte, hat er schon immer, sagt er. Zuerst als Rapper, aber das fand er irgendwann „zu Gangsta, zu oberflächlich“. Teure Autos, schwere Jungs mit Goldketten und Frauen – „das war nicht das, worum es mir ging“. Auf seiner rechten Hand, zwischen Daumen Zeigefinger, sind drei Buchstaben tätowiert: „Ord“. Wort. Ein spontaner Einfall, zickt er. Aber ja, vielleicht ist die Sprache ein Gegengewicht zu der Wirklichkeit, die er erlebt hat. Auf jeden Fall ist sie ihm mehr Zuhause als Aarhus, wo er aufgewachsen ist, oder Kopenhagen, wo er jetzt am Schriftstellerinstitut studiert.

Irgendwann fängt er an, mit seinem Handy zu spielen, tröpfeln die Worte nur noch vereinzelt. „Was Aufregendes“ möchte er machen nach all den Interviews. „Ski fahren oder aus dem Flugzeug springen.“ Plötzlich ist der junge Dichter auch ein verlorener Teenager, das ehemalige Straßen- und Heimkind mit der kriminellen Vergangenheit, dem man wünscht, dass es ihm gelingt, aus dem frühen Ruhm, der Aufmerksamkeit eine Zukunft zu schaffen. Dann will er doch noch etwas sagen – „zur Sicherheit“: „Ich verabscheue Rechtsorientierte genauso wie radikale Islamisten. Die sind beide nicht mein Lager.“

Yahya Hassan

Aus dem Dänischen von Annette Hellmut und Michel Schleh.

Ullstein Verlag.

171 Seiten

Preis: 16 Euro

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