Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Kultur Der Inselkönig: 300 Jahre „Robinson Crusoe“
Nachrichten Kultur Der Inselkönig: 300 Jahre „Robinson Crusoe“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:00 20.04.2019
„Robinson Crusoe“ erschien vor drei Jahrhunderten am 25. April 1719 und steht am Anfang der modernen europäischen Erzählliteratur. Quelle: Gemeinfrei
Hannover

Die Insel ist gerade einmal 47 Quadratkilometer groß. Sie liegt im südlichen Pazifik 667 Kilometer westlich der chilenischen Hafenstadt Valparaíso. Der Anflug ist wegen steil aufragender Felswände und böiger Winde knifflig. Manchmal fährt ein Kreuzfahrtschiff auf dem Weg zwischen Feuerland und Galapagosinseln vorbei.

Ein paar Hundert Menschen sind auf der Insel zu Hause. Sie leben vom Langustenfang und vom Tourismus. Die Besucher kommen aus einem Grund: Sie wollen den Ort sehen, an dem mit einiger Wahrscheinlichkeit das Vorbild für Robinson Crusoe lebte. Seit 1966 heißt die Insel sogar so wie dieser: Robinson Crusoe Island.

Allerdings: Ein Robinson Crusoe hat niemals einen Fuß auf das Eiland gesetzt. Wie auch? Der Schiffbrüchige ist eine fiktive Figur im Roman von Daniel Defoe. Und doch hat der britische Schriftsteller seinen Crusoe nicht frei erfunden: Die Erlebnisse des schottischen Matrosen Alexander Selkirk dienten ihm als Inspiration.

Schriftstellerisches Schlitzohr: Daniel Defoe wurde von der Geschichte des schottischen Seefahrers Alexander Selkirk zu seinem Bestseller „Robinson Crusoe“ inspiriert. Quelle: Granger/Bridgeman Images.

Vier Jahre und vier Monate lang musste Selkirk, Sohn eines Schuhmachers, berüchtigter Säufer und Schläger, zwischen Oktober 1704 und Februar 1709 auf der Insel ausharren, die damals noch Isla Más a Tierra hieß. Auch andere Inseln reklamieren für sich, Robinson Crusoes Vorbild ein Zuhause geboten zu haben. Doch auf der abgelegenen Pazifikinsel stießen Wissenschaftler auf einen Beleg: Sie gruben einen Teil eines Stechzirkels aus, wie er zu Selkirks Navigationsbestecks gehört hatte.

In Defoes Roman dauern die „außergewöhnlich erstaunlichen Abenteuer des Seefahrers Robinson Crusoe aus York“ 28 Jahre. Die Insel verortet der Autor ganz woanders – „vor der Küste Amerikas unweit der Mündung des Orinoco, an deren Ufer es ihn nach einem Schiffbruch verschlagen hatte, bei dem außer ihm die gesamte Besatzung zu Tode kam“. So steht es in der Einleitung.

Eins der meistgelesenen Bücher des 18. Jahrhunderts

Robinson Crusoe“ erschien vor drei Jahrhunderten am 25. April 1719 und steht am Anfang der modernen europäischen Erzählliteratur. Der Roman wurde zum Bestseller. Die erste Ausgabe war innerhalb von drei Wochen vergriffen. Das Buch kostete immerhin fünf Schilling, gut den halben Wochenlohn eines Arbeiters.

Bald landeten Raubkopien mit ungelenken Holzschnitten auf dem Markt. Verstümmelte Ausgaben wurden als Kinderbuch umetikettiert. „Robinson Crusoe“ entwickelte sich zu einem der meistgelesenen Bücher des 18. Jahrhunderts – und ist nun pünktlich zum Jubiläum in einer neuen Übersetzung erschienen, die sich möglichst eng an das Original hält und mit einem kompakten Nachwort von Günther Wessel versehen ist. Die letzte – vollständige – Übertragung ins Deutsche war vor bald einem halben Jahrhundert erschienen.

Unters Volk gebracht wurde der Roman ursprünglich als wahre Geschichte: „Der Herausgeber hält den Bericht für die Beschreibung von Tatsachen; Erfundenes vermag er darin nicht zu erkennen“, hieß es in einer Vorrede.

Daniel Defoe: „Robinson Crusoe“. Aus dem Englischen von Rudolf Mast. Mare-Verlag. 400 Seiten, Leineneinband im ­Schuber, 42 Euro. Quelle: Mare Verlag

Defoe, damals bereits 59 Jahre alt, war ein schriftstellerisches Schlitzohr. Mit seinen satirischen Plädoyers für Religionsfreiheit brachte er sich immer wieder in die Bredouille und die Kirche gegen sich auf. Zwischenzeitlich wurde er steckbrieflich gesucht. Er musste sich auch schon mal, angekettet am Pranger, von Londoner Bürgern mit faulem Kohl und Schlimmerem bewerfen lassen.

Zeitweilig gab Defoe eine eigene Zeitschrift, „The Review“, heraus. Ebenso organisierte er im Auftrag der Torys ein Netz von Geheimagenten im schottischen Parlament, um die schließlich 1707 beschlossene Union zwischen England und Schottland voranzutreiben. Als Kaufmann für Textilien oder Spirituosen überwogen die Pleiten die Erfolge. Immer wieder mal befand er sich auf der Flucht vor seinen Gläubigern.

Dann hörte er von den Abenteuern des wohlbehalten zurückgekehrten Selkirk. Womöglich haben sich die beiden im Pub getroffen und einige Pints getrunken. Der Autor war elektrisiert von dem Bericht.

Der renitente Steuermann wurde ausgesetzt

Selkirk hatte 1704 auf einem Schiff des berüchtigten Freibeuters William Dampier angeheuert. Damals reisten britische Piraten in staatlichem Auftrag. Dampier trug einen „Kaperbrief“ der Krone in der Tasche. Das Ziel: die konkurrierende spanische Weltmacht zu schädigen, die ihrerseits skrupellos Südamerika ausraubte.

Die Überfahrt nach Südamerika muss damals eine Qual gewesen sein. Der Skorbut hatte Opfer gefordert. Die einsame Pazifikinsel steuerte das Schiff an, um Proviant und Frischwasser zu laden. Selkirk wollte den wurmstichigen Rumpf reparieren, sein Kapitän möglichst rasch ans spanische Gold. Kurzerhand setzte er seinen renitenten Steuermann mit Muskete, Pistole, Schießpulver, Beil, Messer, Navigationsinstrumenten, Topf und einer Bibel aus.

Das Schiff ging kurz darauf unter, Selkirk saß fest. Sein Überleben gestaltete sich wohl weniger gemütlich als das im literarischem Inselparadies, wo sich Crusoe über die Jahrzehnte ein gemütliches Eigenheim plus Sommerdomizil einrichtete und wo die Trauben von den Bäumen hingen. Als britische Seeleute Selkirk im Februar 1709 entdeckten, hätten sie ihn beinahe erschossen: Am Strand hüpfte eine seltsame Figur in einem zotteligen Ziegenkostüm herum.

Trost in der Einsamkeit

Selkirk konnte sich nicht wie Crusoe zum „Herren“ über einen gehorsamen Diener aufschwingen: Es kam kein „edler Wilder“ vorbei, den er Freitag taufen konnte. Robinson Crusoe dagegen tritt wie ein europäischer Eroberer auf, der sich die Welt untertan macht. Er fühlt sich als Inselkönig.

Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Ebenso hadert hier ein Individuum mit seinem Schicksal und mit Gott, von dem es sich im Stich gelassen fühlt. Oder hat Robinson Crusoe als einziger Überlebender viel mehr Grund zur Dankbarkeit? Er findet Trost in der Einsamkeit: „Ich lernte, die positiven Aspekte meiner Lage wichtiger zu nehmen als die negativen, mich an dem zu freuen, was ich hatte, statt darüber zu grübeln, was mir fehlte, und mitunter bezog ich daraus so viel Trost, dass ich es nicht in Worte fassen konnte.“

Wie ein europäischer Eroberer, der sich die Welt – und die „edlen Wilden“ – untertan macht.: Robinson Crusoe und Freitag auf einem Gemälde von Carl Offterdinger (1829–1889) Quelle: Carl Offterdinger/Wikipedia

Eine Pfeife für seinen von Bord geretteten Tabak ist ihm wichtiger als Gold, mit dem er sowieso nichts anfangen kann. Er sucht nicht das Abenteuer, sondern verbringt seine Tage nach einem festen Ablauf: Spaziergang, Hausarbeit, Kochen. Ganz wichtig: „Von zwölf bis zwei hielt ich Mittagsschlaf.“ Eine „Sehnsucht nach Weltflucht“ bescheinigt ihm Günther Wessel in seinem Nachwort.

Defoe gönnt seinem Helden ein Happy End. Er stattet ihn mit reichlich Wohlstand aus und widmet ihm, ganz moderner Autor mit Marketinggespür, sogar noch ein, zwei Fortsetzungen. Dem echten Schiffbrüchigen war nicht so viel Glück beschieden: Das Gelbfieber raffte Alexander Selkirk am 13. Dezember 1721 vor der westafrikanischen Küste dahin. Den Leichnam warf man über Bord.

Von Stefan Stosch

Die Stimme klingt so rau, wie man sie aus dem Kino kennt, aber man hört sofort die Freundlichkeit heraus: Willem Dafoe gehört zu den großen Charakterdarstellern Hollywoods. Nun verwandelt er sich im Kino in Vincent van Gogh. Stefan Stosch hat mit ihm über Wahnsinn, Kunst und deutsche Effizienz gesprochen.

19.04.2019

Vor zwei Jahren verschwand die Ehefrau von Andreas Martin. Nachdem sie tot aufgefunden wurde, zog sich der Schlagersänger aus dem Showgeschäft zurück. Bis jetzt.

19.04.2019

Eine Stiftung will in Stuttgart provozieren: Am Karfreitag will sie trotz Filmverbot die Filmsatire „Das Leben des Brian“ zeigen. Ein Gericht gibt ihr nun Recht.

19.04.2019