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Kultur „Das schönste Paar“ – Von Liebe und von Rache
Nachrichten Kultur „Das schönste Paar“ – Von Liebe und von Rache
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15:15 30.04.2019
Was tun, wenn die Erinnerung quält: Liv Blendermann (Luise Heyer). Quelle: Foto: Koryphäen Film
Hannover

Schön ist dieses Paar auf jeden Fall anzuschauen: dieses stille Einverständnis zwischen Liv und Malte, diese Aufmerksamkeit für- und die Lust aufeinander. Allein der Moment, in dem sich die beiden Lehrer Liv (Luise Heyer) und Malte (Maximilian Brückner) zufällig auf dem Schulflur über den Weg laufen: Wie in einer Choreografie steuern sie aufeinander zu, verhaken für einen winzigen Moment die Hände ineinander und geben sie erst einen Moment später mit einem kleinen Nachschwingen wieder frei. Dann setzen sie, aufgetankt mit neuem Glück, ihren jeweiligen Weg in den Unterricht fort.

Taddicken entwickelt das Unglück des Paars feinfühlig

Wundervoll ist diese Szene in Sven Taddickens Drama „Das schönste Paar“ beobachtet – so wie auch das Unglück, das Liv und Malte auf Mallorca ereilt, psychologisch feinfühlig entwickelt wird. Und danach stellen sich plötzlich Fragen für Liv und Malte: Lassen sie sich von dem Geschehnis auseinanderbringen? Zerbricht sie daran, zufällig Opfer geworden zu sein? Zerstören Scham und Schuld ihre Beziehung?

Liv und Malte waren auf Mallorca, ein romantischer Urlaub. Nachts hatten sie Sex am Strand. „Wurden wir beobachtet?“, hat Liv noch halb sorgenvoll, halb belustigt gefragt, als sie oben an der Straße Geräusche wahrnahmen. Und Malte hat gesagt: „Ist doch egal.“ Ist es aber nicht.

Wenig später drängen sich drei junge Männer in ihren Ferienbungalow hinein. Zunächst scheinen sie sich mit Handys, Kamera und Geld als Beute zu begnügen. Dann wollen sie das Paar zwingen, den Sex vom Strand vor ihren Augen fortzusetzen. Schließlich vergewaltigt der Anführer Liv. Malte liegt nackt und gefesselt daneben.

Weitere Kinostarts im Mai 2019:

„Royal Corgi“ – Ein Hund kommt vor die Hunde

Zwei müssen nach der Gewalt weitermachen mit ihrem Leben

Für einen Moment fühlt man sich wie in Michael Hanekes schockierender Mediensatire „Funny Game“. Aber hier gibt es keine zweite Ebene, hier gibt es auch keine Fernbedienung, um den Terror wenigstens für einen kurzen Moment zurückzuspulen. Hier gibt es nur Liv und Malte. Die beiden müssen weitermachen mit ihrem Leben.

Schnitt. Zurück in Deutschland. Viele Monate später. Wir wissen nicht, was auf Mallorca danach geschehen ist. Ob die Polizei involviert war, und wieso die Vergewaltiger nicht erwischt wurden.

Liv hat ihre Therapie endlich beendet und glaubt, die Vergewaltigung vergessen zu können. Sie will sich nicht mehr vor sich selbst und vor anderen dafür entschuldigen, dass sie überfallen wurde: „Irgendwann steht man vor der Entscheidung, ob man sich sein Leben versauen lässt von drei Arschlöchern, die man zufällig getroffen hat, oder ob man das einfach mal wegpackt“, sagt sie. „Weder Malte noch ich haben etwas falsch gemacht.“ Alles soll so sein, wie es einmal war.

Risse tun sich auf beim schönsten Paar

Und dann, bald zwei Jahre später, läuft Malte im Dönerladen um die Ecke dem Täter über den Weg. Malte setzt sich auf seine Spur, folgt ihm bis in die Wohnung und bald auch zusammen mit der ungläubigen Liv bis in den Baumarkt, in dem der Vergewaltiger arbeitet. Malte wird zum Stalker. Er spricht sogar die Freundin des Vergewaltigers in einer Karaokebar an. Was sollen Malte und Liv tun? Mehr als eine Jugendstrafe dürfte der Mann nicht zu erwarten haben – falls man ihm die Tat auf Mallorca überhaupt nachweisen kann. Malte ist erfüllt von Rachegefühlen.

Und was will Liv? Sie sagt: „Du kommst mir wie ein Kater vor, der mir seine tote Maus vor die Füße legt und darauf stolz wie Bolle ist.“ Jetzt kann sie das Geschehene nicht mehr „wegpacken“. Jetzt ist es unmöglich zu vergessen. Risse tun sich auf beim schönsten Paar.

Jederzeit hat man in diesem Drama das Gefühl, in die Köpfe der beiden Protagonisten hineinschauen zu können – so ähnlich war das auch schon bei Taddickens vorigem Film „Gleißendes Glück“ mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur der Fall. Die Reaktionen von Malte und Liv sind in jedem Moment nachvollziehbar, auch scheinbar überraschende Wendungen bleiben plausibel – zum Beispiel, wenn sich Liv versuchsweise von einem anderen Mann küssen lässt. Ließe sich so vielleicht ein Neubeginn ohne peinigende Erinnerungen hinkriegen?

Wird Malte sich rächen, und was ist der Preis?

Regisseur Taddicken braucht keine langen Erklärungen – nur ein feinjustiertes Drehbuch, das er ebenfalls selbst geschrieben hat, und zwei hochsensible Schauspieler. Unverständlich, dass nur Luise Heyer für den Deutschen Filmpreis Anfang Mai nominiert ist. Maximilian Brückner fehlt in der Konkurrenz um den besten Darsteller.

Vieles könnte passieren in diesem Psychodrama, vielleicht könnte sogar ein Rachethriller nach Liam-Neeson-Art daraus werden. Malte hat inzwischen Boxen gelernt: Mit unnachgiebiger körperlicher Entschlossenheit hetzt er dem Täter nach. Der Zuschauer wartet angespannt darauf, ob er sich rächen wird und wie hoch der Preis dafür ist.

Es gibt in diesem bis zur letzen Minute sehenswerten Film aber noch eine wichtigere Frage als die, was mit dem Täter passiert. Und diese Frage lautet: Was wird mit Liv und Malte passieren?

„Das schönste Paar“ – Filminfo

Kinostart Deutschland: 2. Mai 2019

• Produktionsland: Deutschland

• Regie: Sven Taddicken

• Besetzung: Maximilian Brückner, Luise Heyer, Florian Bartholomäi

• Genre: Drama

• Laufzeit: 97 Min

• Altersbeschränkung: FSK ab 16

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