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Kultur „Dann macht es bumm“ – warum die DFB-Elf zur EM 2020 unbedingt wieder einen Schlager braucht
Nachrichten Kultur „Dann macht es bumm“ – warum die DFB-Elf zur EM 2020 unbedingt wieder einen Schlager braucht
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08:03 25.10.2019
„Fußball ist unser Leben“: Als „Fußball-Nationalchor“ trat die Nationalmannschaft der Bundesrepublik am 27. August 1973 vor die Mikrofone eines hessischen Tonstudios. In der ersten Reihe (v. l.) Herbert Wimmer, Jupp Heynckes, Jupp Kapellmann, Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Georg Schwarzenbeck, Rainer Flohe, Rainer Cullmann, Erwin Kremers, Paul Breitner. In der zweiten Reihe (v. l.) Horst Köppel, Helmut Schön, Wolfgang Kleff (vorn), Bernd Franke (dahinter), Gerd Müller, Ulli Hoeness, Klaus Wunder, Horst Höttges, Wolfgang Overath, Berti Vogts und Jürgen Grabowski. Quelle: picture-alliance / dpa

Franz Beckenbauer war ein talentierter Libero, selbstbewusster Schulterpolsterträger und miserabler Sänger. Das hielt ihn nicht davon ab, 1966 noch in krustigem Schwarz-Weiß mit mildem Bariton „Gute Freunde kann niemand trennen“ auf Platte zu murmeln. Um ihn herum saßen nickende und halbherzig klatschende Mannschaftskameraden, die allesamt guckten, als würden sie dem Chef in Wahrheit gern eine reinhauen.

1965: „Bin i Radi, Bin i König“

Musikalisches Vorbild für den schmachtenden Kaiser war 1965 Torwart Petar „Radi“ Radenkovic mit „Bin i Radi, Bin i König“, damals Torwart beim TSV 1860 München. Textprobe: „Bin i Radi, bin i König / Alles andere stört mich wenig / was andere Leute sagen, ist mir gleich, gleich, gleich / Bin i Radi ja ja ja / Bin i König ja ja ja." Das Lied erreichte Platz fünf der deutschen Hitparade und wurde 400.000-mal verkauft. FC-Bayern-Torhüter Sepp Meier antwortete kurze Zeit später mit der folgenden selbst gereimten Zeile: „Bin i Radi, bin i Depp – König is da Maier Sepp“. Hach, unschuldige Zeiten.

1984: Beckenbauer erklärt Mitsingen zur Pflicht

Zurück zu Beckenbauer. Die Leidenschaft für den Gesang hat ihn nie verlassen: Vor 35 Jahren, nach seinem ersten Spiel als neuer Teamchef der DFB-Elf, erklärte er das Mitsingen der Hymne für deutsche Nationalspieler zur Pflicht. Denn was er bei seiner Premiere als Chef gesehen beziehungsweise nicht gehört hatte, sorgte für emotionale Missklänge in der Kaiserseele: „Der eine bohrt in der Nase, der nächste kaut Kaugummi, und ein anderer schaut in der Gegend herum!“ Gegner Argentinien dagegen sang damals aus Leibeskräften mit, die Hände auf den Herzen – und siegte 3:1.

Also verordnete Beckenbauer seinen Chorknaben 1984 vor Spiel zwei gegen Schweden Gesangstraining: „Singen hilft siegen!“ – und ließ sicherheitshalber Textzettel mit der dritten Strophe des Deutschlandliedes verteilen, damit nicht irgendwer versehentlich, wie es die deutschen Schlachtenbummler bis in die Achtzigerjahre immer wieder gern taten, „Deutschland, Deutschland über alles“ anstimmte.

Seinen ersten Auftritt hatte der hoch motivierte DFB-Knabenchor dann am 17. Oktober 1984 in Köln. Man tat vor dem Spiel musikalisch sein Möglichstes – und ARD-Kommentator Wilfried Mohren urteilte nach huldvollem Absingen der Hymne im Stile eines Weltklassefeuilletonisten: „Das schwarz-rot-goldene Empfinden scheint nach den wohl dirigistischen Anweisungen von oben etwas ausgeprägter zu sein.“ Seither wird in der Regel mitgesungen. Wenngleich noch kein deutsches DFB-Team auch nur annähernd die Leidenschaft von Brasiliens Elf erreicht hat, die sich regelmäßig bis kurz vor den Herzinfarkt barmt, gern auch weit über den Schlusston hinaus.

Die ersten musikalischen Dammbrüche im DFB hatte es allerdings weit früher gegeben. Legendär waren jene akustischen Totalschäden, mit denen sich die deutsche Elf vor größeren Turnieren mit allerlei Gastbarden unter Verzicht auf Würde und Tonstabilität um Leib und Leben sang.

Die Spieler der bundesdeutschen Nationalmannschaft nahmen insgesamt sogar neun Lieder auf, darunter „Fußball ist unser Leben“. Hintere Reihe (v. l.): Bernd Franke, Gerd Müller, Uli Hoeneß; Vordere Reihe (v. l.): Jupp Heynckes, Josef Kapellmann, Franz Beckenbauer. Quelle: picture-alliance / dpa

1974: „Fußball ist unser Leben“ - Ein Hit für Weltmeister

Zur WM 1974 komponierte Jack White für die späteren Weltmeister das Fußballbekenntnis „Fußball ist unser Leben“ (Und jetzt alle: „HOH, HEY, HEYAHEYA HO!“). Die zeitgemäß haarreichen deutschen Spieler in entzückenden hellblauen Hosen und mit Kopfhörern halten ihre Textblätter mit spitzen Fingern wie tote Eichhörnchen und singen, als wollten sie nicht weiter auffallen.

Und was war hinter dem Eisernen Vorhang?

Die DDR schickte im selben Jahr anlässlich ihrer einzigen WM-Teilnahme Frank Schöbel ins Rennen („Ja, der Fußball ist rund wie die Welt“), obwohl „die Welt“ nun leider nicht die Sache der DDR-Fans war. Vier Jahre später hieß es mit Udo Jürgens „Buenos dias Argentina“ – mit Berti Vogts im Mezzosopran.

Bei Michael Schanzes „Olé España“ von 1982 sang dann wenigstens die Bundestrainerfrohnatur Jupp Derwall heftig mit. 1986 saßen Pierre Littbarski und Lothar Matthäus zu Peter Alexanders „Mexico mi amor“ mit riesigen Sombreros traurig in Ponchos an einem Tischchen – und Toni Schumacher „spielte“ dazu Trompete. Es war der Tiefpunkt im musikalischen Wirken der DFB-Marketingabteilung.

1990 erhielt dann wieder Udo Jürgens den Auftrag, das Land musikalisch auf das Äußerste vorzubereiten – mit dem schlimmen „Wir sind schon auf dem Brenner, wir brennen schon darauf“. Deutschland wurde trotzdem Weltmeister.

1969: Gerd Müllers Welthit „Dann macht es Bumm“

Allein in Deutschland gab es bisher mehr als 105 Fälle von singenden Fußballern. Dazu kommt „Oei Oei Oei (dat was me eer een loei)“ von Johan Cruyff oder der Titel „World in Motion“ von der englischen Post-Punk-Band New Order (1990), den der „Rolling Stone“ einst zum besten Fußballlied aller Zeiten kürte. Was für ein Fehler. Das war in Wirklichkeit natürlich Gerd Müllers Welthit „Dann macht es Bumm“ („Alle rufen laut im Chor: Müller vor! Müller vor!“).

Heute: Deutschland singt nicht mehr

Was ihre musikalischen Ambitionen angeht, hält sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft seit 25 Jahren zurück. Der letzte Zwischenfall war 1994 „Far Away in America“ zur WM in den USA – im Verbund mit den Village People und einem lustlos zappelnden Jürgen Klinsmann. Im selben Jahr rappte (!) Thomas Helmer mit den 4Reeves „Everybody’s Going to the USA“.

Und jetzt? Warum gibt's das nicht mehr, dass sich die DFB-Elf als Männerchor vor internationalen Turnieren kollektiv zum Affen macht? Gut – eine Antwort ist: Weil Lothar Matthäus mit Sombrero albern aussieht. Gewiss. Und weil niemand jemals wieder so schön Mezzosopran gesungen hat wie Berti Vogts. Und weil Jack White, der eigentlich Horst Nussbaum heißt, im Ruhestand ist. Und weil der andere Jack White, der von den White Stripes, mit seiner Fußballhymne „Seven Nation Army“ sowieso unerreichbar cool ist.

Die Hymne mitsingen – das hülfe schon mal. Hätte Mesut Özil 2018 in Russland die Hymne mitgesungen, wären wir natürlich Weltmeister geworden.

Für die Europameisterschaft 2020 aber kann Franz Beckenbauers Mitsingappell von 1984 nur Folgendes bedeuten: Wir müssen dringend an die Tradition des DFB-Liedguts anknüpfen. Vorschlag für die EM-Hymne der deutschen Fußballnationallmannschaft 2020: „Besuchen Sie Europa, solange es noch steht“ – mit Geier Sturzflug als musikalischem Stützkorsett. Oder gleich Helene Fischer mit „Die Hölle morgen früh ist mir egal“.

Von Imre Grimm/RND

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