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Kultur Christoph Maria Herbst liest den Knigge
Nachrichten Kultur Christoph Maria Herbst liest den Knigge
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08:51 01.03.2019
Cover Quelle: E-Mail-LN-Medien
Hannover

Der arme Knigge. Er gehört zu den am meisten missverstandenen Autoren der deutschen Geistesgeschichte. Denn so wie der Duden für die Rechtschreibung und der Brockhaus für ein Lexikon stehen, so verbinden die meisten Deutschen Adolph Freiherr Knigge mit Benimmregeln. Fälschlicherweise.

Was ziehe ich zu einer Hochzeit an? Wie halte ich das Besteck richtig? Welches Glas passt zum Rotwein, welches zum Weißwein? Antworten auf all diese Fragen findet man bei Knigge nicht. In seinem Werk „Über den Umgang mit Menschen“, das ein Jahr vor der Französischen Revolution erschien, betont der Freiherr gleich zu Beginn, er wolle „nicht etwa ein Komplimentierbuch“ schreiben. Stattdessen geht es um Umgangsregeln, eine Sittenlehre, heute würde man wohl Coaching sagen.

Denn der von der Aufklärung geprägte Adelige sieht seine Zeitgenossen nicht immer das beste Miteinander mit ihren Mitmenschen pflegen: „Wir sehen die klügsten, verständigsten Menschen im gemeinen Leben Schritte tun, wozu wir den Kopf schütteln müssen“, heißt es gleich zu Beginn des Werks. In Knigges Sittenlehre geht es aber eben nicht um nackte Regeln für ein besseres Verhalten, sondern um ein Verständnis dieser Regeln, um „Moral und Weltklugheit“: „Wenn die Regeln des Umgangs nicht bloß Vorschriften einer konventionellen Höflichkeit oder gar einer gefährlichen Politik sein sollen, so müssen sie auf die Lehren von den Pflichten gegründet sein, die wir allen Arten von Menschen schuldig sind, und wiederum von ihnen fordern können“, heißt es im Vorwort.

Die Hörprobe zu „Über den Umgang mit Menschen“

Erst nach Knigges Tod kamen Benimmregelen dazu

Wer nun diesen mehr als 230 Jahre alten und trotzdem hochaktuellen Text richtig kennenlernen will, kann ihn sich nun vornehm vorlesen lassen: Der Schauspieler Christoph Maria Herbst, vielen bekannt als „Stromberg“, hat Auszüge aus dem Werk in dem jetzt erschienenen Hörbuch „Knigge. Über den Umgang mit Menschen eingesprochen“ – „auf das Vortrefflichste“, wie Knigge sagen würde.

Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge wurde 1752 in Bredenbeck bei Hannover geboren. Seine Familie entstammte der alten, aber verarmten Adelsfamilie Knigge. Mit 14 Jahren war er Vollwaise und hatte einen großen Schuldenberg geerbt. Knigge studierte in Göttingen, lebte und wirkte in Frankfurt/Main, Heidelberg, erneut in Hannover und letztlich in Bremen, wo er 1796 starb. Sein Buch „Über den Umgang mit Menschen“, das gemeinhin als „Der Knigge“ bezeichnet wird, erschien erstmals 1788 in der Schmidtschen Buchhandlung in Hannover. Es war schon zu Knigges Lebzeiten ein Erfolg und wurde in verschiedene Sprachen übersetzt – ein europäischer Bestseller. Dass es heute mit einem Benimmratgeber verwechselt wird, haben die damaligen Herausgeber mitzuverantworten. Nach Knigges Tod fügten sie Benimmregeln hinzu, Tipps für gute Manieren.

Gesellschaftliche Beobachtungen und Leitsätze

„Über den Umgang mit Menschen“ ist in drei Teile unterteilt: Unter anderem geht es um den Umgang mit Eheleuten, mit Geistlichen, Handwerkern, Buchhändlern, Nachbarn und nicht zuletzt um den Umgang mit sich selbst. Knigge will seinen Leser auf die Gesellschaft mit vielen unterschiedlichen Menschen vorbereiten, nicht nur auf das Gespräch mit seinesgleichen. Heute mag das selbstverständlich klingen, doch Ende des 18. Jahrhunderts war der Standesdünkel noch groß. Aufklärer wie Knigge wollten hingegen Brücken schlagen zwischen den Ständen, zwischen den Menschen. Deshalb wolle er „einige Resultate aus den Erfahrungen ziehen, die ich gesammelt habe, während einer nicht kurzen Reihe von Jahren, in welchen ich mich unter Menschen aller Arten und Stände umhertreiben lassen und oft in der Stille beobachtet habe“. Menschen „aller Arten und Stände“, das war ihm wichtig.

Was Knigge der Nachwelt hinterlässt sind gesellschaftliche, geradezu soziologische Beobachtungen seiner Zeit, verbunden mit Leitsätzen und Gedankenanstößen. „Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem Scheine der Vollkommenheit und Unfehlbarkeit!“, lautet einer. Oder: „Sei aber nicht gar zu sehr ein Sklave der Meinungen andrer von Dir! Sei selbstständig! Was kümmert Dich am Ende das Urteil der ganzen Welt, wenn Du tust, was du sollst?“ Oder auch: „Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu erheben!“ Sätze, die man auch heute noch unterstreichen kann.

Christoph Maria Herbst gibt der schönen Sprache ihren Raum

In dem rund zweieinhalbstündigen Hörbuch liest Christoph Maria Herbst eine gekürzte Version dieses sprachgewaltigen Werks mit seiner wogenden Satzmelodie. Herbst gibt der schönen, altmodischen Sprache uneitel ihren Raum. Da er seine Hörer mitnimmt auf die Reise in die Vergangenheit, können sie sich schnell in das Deutsch des 18. Jahrhunderts hineinhören. Knigges Deutsch mit seinen langen, durchkomponierten, ausdrucksvollen Sätzen ist das wohltuende Gegenstück zu all der zeitgenössischen Kurzprosa auf Twitter oder bei WhatsApp.

Die Sprache sei es auch, die ihn an dem Buch so gereizt habe, sagt Herbst. Er schwärmt von diesen langen Sätzen, die den Spannungsbogen hoch halten und noch einen Gedanken transportieren und dann noch einen. „Ich habe mich selber beim Sprechen dirigiert“, sagt der Schauspieler. „Das unterscheidet sich schon sehr stark von anderen Büchern, die ich eingelesen habe.“ So überträgt sich das Vergnügen am Vorlesen auf die Freude am Zuhören. Und mit seinen zweieinhalb Stunden ist es auch nicht zu lang. Womit die Hörbuchmacher wiederum einen von Knigges Ratschlägen befolgt haben: „Vor allen Dingen vergesse man nie, dass die Leute unterhalten, amüsiert sein wollen; dass selbst der unterrichtendste Umgang ihnen in der Länge ermüdend vorkommt, wenn er nicht zuweilen durch Witz und gute Laune gewürzt wird.“

So ist „Knigge. Über den Umgang mit Menschen“ ein Hörbuch, das zu einem gemütlichen Abend auf dem Sofa und einem guten Glas Wein passt. Und wenn Sie dabei das falsche Glas für den Rotwein nehmen – Knigge wird’s egal sein.

Adolph Freiherr Knigge: „Über den Umgang mit Menschen“. Gekürzte Lesung mit Christoph Maria Herbst mit Musik, Pianist: Christoph Grund. Der Audio-Verlag. 2 CDs, circa 156 Minuten, 14,99 Euro.

Von Kristian Teetz/RND

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