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19:51 20.11.2014
Foto: „Alle wollen als Weltmarke gelten, die Tate ist eine“: Chris Dercon im Kunstverein.
„Alle wollen als Weltmarke gelten, die Tate ist eine“: Chris Dercon im Kunstverein. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Woody Allen nennt Museen den perfekten Dating Place“, sagt Chris Dercon. „Und er hat recht.“ Wo sonst könne man schließlich ungezügelt Voyeur sein, ungestraft alles und alle anschauen? „Das Museum ist der Ort, wo wirklich alles möglich ist.“ Wie bitte? Sind Museen nicht nach landläufiger Beobachtung bisweilen auch recht verstaubte Stätten gepflegter Langeweile? Der Mann mit der silbernen Haartolle, der auf Einladung des Kunstvereins mit dessen Chefin Kathleen Rahn plaudert, hält lächelnd dagegen: „Museen sind Orte für Malerei und Musik, für Tanz, Theater und Film - wenn man sie nur lässt.“

Genau das tut Chris Dercon wie weltweit wohl kaum ein anderer. Er hat dafür aber auch Spielraum wie wohl nur wenige Ausstellungsmacher auf der Welt. Denn er leitet die Tate Britain. Und die verfügt nicht nur über die weltgrößte Sammlung britischer Kunst, sie ist überhaupt das größte Museum der Welt - mit sechs Millionen Besuchern, einem Etat von 87 Millionen Pfund und einer Ausstellungsfläche, die gerade auf 38 000 Quadratmeter erweitert wird.

Das sind deutlich andere Dimensionen als bei Hannovers Kunstverein mit seinen 700 Quadratmetern. Vielleicht gerade deshalb übt der dortige Auftritt des Museumsmannes - in der Reihe Kunstsalon unter dem sperrigen Titel „Diskussion zur gegenwärtigen Rolle der Kunstinstitution im internationalen Kunstbetrieb“ - so große Anziehungskraft aus, dass der Kunstvereinssaal dicht gefüllt ist. Nicht wenige im Publikum arbeiten selbst in Museen oder Galerien. Und viele würden gewiss gern Dercons Erfolgsrezept kennenlernen. Um zu schauen, ob es auch außerhalb Londons anwendbar ist.

Für Dercon selbst hat der Erfolg nicht erst in London begonnen. Der polyglotte Belgier hat nach dem Studium von Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften schon am P.S. 1, der besonders experimentellen Dependance des New Yorker Museum of Modern Art in Queens, gearbeitet. Er war für die Documenta X. und das Pariser Centre Pompidou tätig, bevor er Museumschef in Rotterdam, Leiter des Münchener Hauses der Kunst und dann 2011 Tate-Chef wurde. Für die Tate war die Initialzündung des Erfolges nach seinen Worten 2003 eine Olafur-Eliasson-Ausstellung. „Da haben die Gäste die Tate wie nie zuvor in Besitz genommen - mit Picknicks, Tänzen, Happenings“, erzählt Dercon. „Die haben das Museum nach eigenem Belieben programmiert, einfach ihr Ding gemacht.“

Das Museum als „Ding“ der Besucher statt von Kuratoren oder Kunstverständigen - dieser Perspektivwechsel hat an der Tate zur Einstellung von Kuratoren für Performance, Tanz und Theater, für Film und Musik geführt, die nicht nur die Sammlung, sondern auch das Publikum im Blick haben und Ausstellungen minutiös inszenieren. „Kuratieren kann nicht mehr darin bestehen, Fotos an die Wand zu hängen“, sagt Dercon, umringt von den Fotos der aktuellen Ricarda-Roggan-Schau im Kunstverein.

Aber nicht nur so begleitet die Tate die Inbesitznahme durch das eigene Publikum. „Wir brauchen Experten für alle Disziplinen - Soziologen, Architekten, Informatiker“sagt Dercon. Wegen der explodierenden Besucherzahlen seien auch Fachleute für Choreografie und Kinästhetik nötig, für Bewegungsströme und andere Bedürfnisse. „Schon das Wachstum von 1,2 auf drei Millionen Besucher war ein Drama für unsere Toilettenanlagen.“ Im Erfolg seines Hauses, dessen Freundeskreis 240 000 Mitglieder hat, sonnen sich auch sonst Erfolgsverwöhnte: „Bei uns treten Jude Law oder Beyoncé auf, zeigen sich Pharrell Williams oder Lady Gaga.“ Stars wie diese treten mal bei einer Pop-Art-Schau im Museum auf, mal bei den schon rituellen Protestdemos gegen den Tate-Sponsor BP vor dem Museum im ehemaligen Kraftwerk Southwark. Auch Autokonzerne treten als Sponsoren auf, vielleicht, wie Kathleen Rahn vermutet, weil Kunst und Künstlertum à la Tate Britain geradezu „Sexiness“ besitzen? „Alle wollen als World Brand gelten“, sagt Dercon, als Weltmarken eben, „und die Tate trägt zu diesem Image bei.“

BMW bezahlt dafür die opulenten Online-Auftritte des Hauses, die der crossmedialen Vielfalt der Tate mit vielen Filmen globale Präsenz verschaffen. Immerhin 26 Millionen Menschen sind auf der Tate-Website akkreditiert - und das ist nur die virtuelle Seite des Erfolges. Eine Paul-Klee-Ausstellung hat 180 000 Besucher gefunden, Gerhard Richter hat 250 000, Henri Matisse sogar 560 000 Menschen in das Museum gelockt.

Von solchen Zahlen können andere Ausstellungsmacher nur träumen. Aber Dercon warnt auch vor schierer Größe. „Wir leben gerade von der Mischung großer und kleiner Ausstellungen.“ Gerade die Vielfalt der Angebote mache den Reiz der Tate aus. Und seit einiger Zeit richteten sich immer mehr gesellschaftliche Gruppen auf das Museum aus. „Wir hatten jetzt eine Ausstellung zur Modefotografie - gerade weil die wegen der Krise der Magazine vom Aussterben bedroht ist.“ Wer sich marginalisiert fühle, könne im Museum ein prinzipiell offenes Forum finden. Eine neue Wertschätzung für den öffentlichen Raum des Museums - als Haltepflock in stürmischen Zeiten?

Das könnte durchaus außerhalb der 15-Millionen-Metropole London funktionieren. Und auch in Provinzmuseen - wenn die ähnlich flexibel auf Publikumsbedürfnisse zu reagieren vermögen wie die Tate Britain. Und vielleicht kann die dabei ja sogar als Partner assistieren. Dercon, dessen Eloquenz für die Kunst- vereinschefin Kathleen Rahn kaum mehr als eine Stichwortgeberrolle überlässt, schlägt vor, man könne doch mal drei Monate einen Theatermacher im Kunstverein arbeiten lassen. Tja, und warum nicht eine gemeinsame Ausstellung von Tate und Kunstverein? „Aber das wird teuer“, sagt er - irgendwo zwischen Drohung und Verheißung, zwischen Ironie und Kalkül. „Denn die Tate ist eine Weltmarke.“

Der nächste Kunstsalon widmet sich Stefan Schwerdtfeger am 8. Dezember, 19 Uhr, im Kunstverein, Sophienstraße 2.

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