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Kultur Berlin Festival: Bass für Hipster
Nachrichten Kultur Berlin Festival: Bass für Hipster
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06:15 12.09.2012
Das Berlin Festival ist nicht nur Sammelbecken musikalischer Trends, sondern auch modischer.
Das Berlin Festival ist nicht nur Sammelbecken musikalischer Trends, sondern auch modischer. Quelle: dpa
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Berlin

Es gibt sie, die zuverlässigen Bands. Bonaparte zum Beispiel. Verrückte Kostüme, Männer in Pferdekostümen, Showkämpfe barbusiger Tänzerinnen, die „Pussy Riot“-Plakate gen Himmel strecken. Dazu altbewährte Elektro-Rock-Tanznummern wie „Anti Anti“, ein bisschen was vom neuen Album „Sorry We‘re Open“. Das Kollektiv hat sich über Jahre den Ruf einer Partyband aufgebaut, und wird ihm gerecht. Anders gesagt: Da tanzt der Hipster auch mal. Keine Überraschung.

Das Berlin Festival ist nicht nur Sammelbecken musikalischer Trends, sondern auch modischer. Die großen Hornbrillen sind langsam out, der moderne Berliner trägt aber immer noch (zu) enge Jeans, dazu Bart und Jutebeutel, Sportschuhe und eine „interessiert mich nicht“-Attitüde zwingend erforderlich. Am liebsten hört er elektronische Musik, wobei Headliner wie Paul Kalkbrenner eigentlich schon viel zu groß sind, als dass man sie gut finden könnte. Es sei denn, man vergisst nach ein paar Schnäpsen, dass man doch viel lieber die geheimnisvolle iamwhoami gesehen hätte, die im Hangar 5 entrückt durch die Basswände ausdruckstanzt.

Tatsächlich ereignen sich die musikalischen Überraschungen auf dem Berlin Festival eher abseits der Hauptbühne, die eingerahmt von zwei riesigen Plakaten mit Flügelaufdruck an ein Flugzeug erinnern soll. Dahinter, im Hangar 4 zum Beispiel, singt Kate Nash. Die hatte mal mit „Foundations“ einen respektabeln Radio-Hit, dann eine kurze Karriere-Belebung in Deutschland, als Lena ihre Lieder coverte, geriet dann etwas in Vergessenheit. Jetzt bereitet sie ihr Comeback vor, allerdings wird es der rotzigen Songwriterin eher ein Riot Girl: Gerade mal drei bekannte Songs, ansonsten Punk-inspirierte Krawallmusik. Das hinterlässt manch Hipster enttäuscht, klingt aber überraschend richtig.

Anders krawallig sind Major Lazer, erfunden vom Produzentengespann Diplo und Switch. Dancehall mit Dubstep, Bass versus Beat. Wild flackernde Videoprojektionen, wild wackelnde Tänzerinnen-Hintern. Ausnahmezustand. Etwas, dass bei den gleichzeitig spielenden Killers zwar auch vorkommt (siehe Hits wie „Mr. Brightside“), aber deutlich kalkulierter. Sängern Brandon Flowers inszeniert sich immer stärker als pompöser Popgott, die Gitarre verlor auf dem letzten Album „Day & Age“ schon an Bedeutung. Wie das neue wird, ist nach dem Auftritt weiterhin spannend - Festivals scheinen für die Killers und die Kollegen Franz Ferdinand nicht die optimale Spielfläche für Experimente zu sein. Dann lieber Joy Division und Alphaville covern.

Rapper Cro dagegen ist noch zu neu auf der großen Bühne, als dass nicht alles noch ein wenig Experiment wäre, läuft aber „Easy“, dafür kommen Sonnabend viele der 15000 Gäste auch gern schon um 15 Uhr aufs Gelände. Auch Of Monsters and Men sind noch frisch, zugänglich fröhlicher am Nachmittag als die ebenfalls isländischen, getragenen Sigur Rós. Schwer melancholisch entwerfen sie Soundgebilde zum Durchatmen. Süße Melancholie zwischen wummernden Bässen. Noch recht neu auf den großen Bühnen auch Kraftklub, die zwar laut Songtext von ihrer Karl-Marx-Stadt ziemlich viel halten und eigentlich gar nicht nach Berlin wollen. Dass man sich dort aber recht einig ist, dass Kraftklub ziemlich gut ist, scheint Sänger Felix Brummer dann aber doch zu gefallen.

Besonders in der Nacht kann die hauptstädtische Szene dann ihre fotwährende Lust auf elektronische Musik ausleben. Der Berliner DJ Paul Kalkbrenner beendet Sonnabend das Bühnenprogramm, anschließend geht es in den „Club XBerg“. Simian Mobile Disco, Modeselektor, Totally Enormous Extinct Dinosaurs - das klingt schon sehr nach Hipster-Playlist.

Von Sebastian Scherer

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