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Kultur Ach, du liebe Zeit: „Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart
Nachrichten Kultur Ach, du liebe Zeit: „Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart
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10:01 01.06.2019
Gary Shteyngart zieht nach Kanada, wenn Trump auch noch die Präsidentschaftswahl 2020 gewinnt – sagt der Autor zumindest. Quelle: Ulf Andersen/Getty Images
Hannover

Der Sekundenzeiger zeigt rhythmisch und unermüdlich das Verrinnen der Zeit. Wer ihm auf seiner Armbanduhr folgt, einatmet, ausatmet, der kommt runter. Der beruhigt sich. So geht es zumindest dem US-Schriftsteller Gary Shteyngart.

Ruft man ihn an und fragt nach seinen Uhren, antwortet er sofort ausgiebig. Nicht mit Marke oder Farbe, sondern mit dem exakten Modell und dessen Geschichte. „Äh, heute trage ich eine Rolex GMT von 1967. Die hat dem Nasa-Berater von Richard Nixon gehört“, sagt er dann.

Er ist am Telefon, sitzt in seinem Zimmer im Berliner Hotel, den Jetlag noch im Nacken. Nicht nur Shteyngart ist Uhrensammler. Auch Barry Cohen, Hauptfigur seines neuen Romans „Willkommen in Lake Success“ liebt Uhren auf dieselbe akribische Art.

Auf der Flucht vor Ehefrau und Börsenaufsicht

Allgemein betrachtet gibt Barry Cohen jedoch ein eher unpassendes Alter Ego für den 1972 im heutigen Sankt Petersburg geborenen Gary Shteyngart ab. Barry ist ein aufbrausender, wütender, unsicherer Mann mittleren Alters. Aber reich, er ist ein mächtiger Hedgefonds-Manager mit Vorzeigefrau Seema. Weniger ins Bild der perfekten Familie passt der kleine Sohn Shiva – er ist stark autistisch und schreit nahezu immer.

Barry und seine nicht perfekte Familie wohnen in einer unglaublich teuren Penthouse-Wohnung, Barry sammelt unglaublich teure Uhren – und er wird nicht müde zu erklären, wie unglaublich teuer der Schnaps ist, den er ausschenkt. Nach einem Streit mit Seema ergreift er die Flucht vor ihr und der Börsenaufsicht – im Gepäck nur seine sechs liebsten Uhren – und fährt mit einem Greyhoundbus quer durch die USA, um seine Jugendliebe Layla zu finden.

Rassismus, Hass und überraschende menschliche Nähe

Auf dem Weg schmeißt er sein Smartphone weg („Ich wünschte, ich könnte meins einfach wegschmeißen. Ich hasse die Dinger“, sagt Shteyngart), Barry zerhackt seine Kreditkarte, kauft einen Klumpen Chrystal Meth, schläft zum ersten Mal mit einer schwarzen Frau und befriedigt einen Biker auf einem Parkplatz.

Es ist ein beinahe klassischer Selbstfindungstrip. Und es wäre eigentlich schön, wenn Barry im Laufe der Reise Selbsterfahrung und Reife sammelte. Doch Shteyngart ist viel zu sehr Zyniker, um sich auf ein schmieriges Happy End mit einem geläuterten Hedgefonds-Manager einzulassen.

Barry fährt in diesem Amerika, es ist das Jahr 2016 und der Sommer vor der Präsidentschaftswahl, durch ein zerrissenes Land. Rassismus, Hass und überraschende menschliche Nähe wechseln sich ab wie die Ortsschilder, die Barry passiert. Der Schriftsteller Shteyngart hat selbst diese Busreise quer durch die USA gemacht. „Alle Anekdoten, die im Buch erzählt werden, sind so auch passiert“, sagt der Autor.

Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success Quelle: Penguin

Immer wieder lässt er seine eigenen Erfahrungen einfließen, nicht nur beim Roadtrip. Wie Barry ist er Jude – als Sohn jüdisch-russischer Eltern kam Shteyngart im Alter von sieben Jahren nach New York. Und wie der Schriftsteller Luis im Buch verdient auch er in Amerika mit den Honoraren von Vorträgen so gut, dass er sich eine Wohnung in New York leisten kann – und seine teuren Uhren.

„Ich sollte einen Workshop geben, wie man möglichst viel Geld für Lesungen herausquetschen kann“, erzählt der Autor lachend. Und kokett sagt er auch: „Ich habe keine Fantasie. So ist das mit Autoren.“

Schon mit seinen vorherigen Büchern – vor allem mit „Super Sad True Love Story“ – schuf er satirische Zerrbilder seiner zweiten Heimat. Eindeutig bedient er sich aus der Gegenwartskultur – zu erkennen etwa bei den vielen Anspielungen zu aktuellen HBO-Serien. Passenderweise hat der Sender sich schon die Rechte an dem neuen Buch für eine Serie mit Schauspieler Jake Gyllenhaal als Barry gesichert.

Donald Trump als allseits präsente Drohkulisse

In „Willkommen in Lake Success“ taucht auch Donald Trump auf – als allseits präsente Drohkulisse vor der Präsidentschaftswahl. „Eigentlich wollte ich ja ein Buch über einen Familienkonflikt schreiben, die Wahl mit Trump hat sich da nur so hineingeschlichen“, sagt Shteyngart, aber das glaubt man ihm nicht.

Das Buch ist als Roman zur Trump-Ära bekannt geworden – und der Autor hat an dieser Einschätzung kräftig mitgearbeitet. Im Gespräch dauert es nach dem Small Talk exakt zwei Fragen, bis man bei Donald Trump landet – auch wenn man nicht direkt danach gefragt hat. Und beim Lesen stößt man schon auf der zweiten Seite auf den Namen des 45. Präsidenten der USA.

Trump soll auch der Grund sein, warum Shteyngart überhaupt Uhren sammelt. „In so rastlosen Zeiten wie diesen braucht man das Gefühl, dass die Zeit vergeht, egal, was ist“, sagt er im Gespräch. So habe er angefangen mit dem Sammeln. Aber manchmal gibt er auch andere Gründe an.

Die Realität als Teil der Fantasie

Im Magazin „New Yorker“ schrieb er, dass er krampfhaft auf das Verrinnen der Sekunden schaute, als mal die U-Bahn stecken blieb und er Panik bekam. Dem High-End-Uhren-Blog Hodinkee sagt er, er sei einsam gewesen, weil er als Kind und russischer Emigrant kein Englisch sprach. Die Uhr sei sein einziger Freund gewesen.

Gary Shteyngart ist alles andere als einer, der fantasielos die Realität nur beschreibt. Für ihn ist, ganz Satiriker, die Realität bereits Teil der Fantasie.

Von Geraldine Oetken

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