Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Kultur Aber bitte mit Aura
Nachrichten Kultur Aber bitte mit Aura
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:03 15.08.2009
Von Stefan Arndt
Das etwas andere Konzert: Die französische Pianistin Hélène Grimaud tritt in der „Yellow Lounge“-Reihe in Berlin auf.
Das etwas andere Konzert: Die französische Pianistin Hélène Grimaud tritt in der „Yellow Lounge“-Reihe in Berlin auf. Quelle: afp
Anzeige

Jetzt rächt es sich, dass Walter Benjamin nie einen iPod besessen hat. In seinem Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ von 1936 untersuchte er, wie die damals noch jungen Medien Film und Fotografie das Theater und die bildende Kunst beeinflussten. Benjamin befürchtete, das Erlebnis der Kunst könne künftig an Intensität verlieren und die „Aura“ der Kunst zerstört werden. Seither haben sich die Arten, Theater zu machen oder Kunst zu zeigen, erheblich entwickelt: Dem Regisseur des modernen Theaters ist der Kurator als ein Interpret und künstlerischer Forscher im Ausstellungsbereich zur Seite getreten.

Die Musik spielte in diesem Zusammenhang für Benjamin noch keine Rolle – ganz einfach, weil das Grammofon mit seinem blechernen Klang noch nicht ernsthaft als Reproduktionsquelle angesehen werden konnte. Und als ob sich seit damals nichts geändert hätte, verharrt das Konzertwesen noch immer in der Form, die es Ende des 19. Jahrhunderts angenommen hatte.

Doch verliert das Erfolgsmodell von vor 150 Jahren dramatisch an Anziehungskraft: Der Deutsche Musikrat hat zwischen 1993 und 2006 einen Rückgang der Besucherzahlen um 21,3 Prozent registriert; das Durchschnittsalter der Zuhörer liegt heute zwischen 55 und 60 Jahren, und es gilt als unwahrscheinlich, dass heute 30-Jährige mit 50 die Klassik für sich entdecken. Wenn man solche Statistiken vorsichtig auf die kommenden Jahrzehnte hochrechnet, ergeben sich apokalyptische Szenarien – den meisten Orchestern, Opernhäusern und Konzertveranstaltern wäre jede Existenzgrundlage entzogen. Bisher ist man dem erwarteten Zuhörerschwund mit zwei Strategien entgegengetreten: mit pädagogischen Maßnahmen vor allem für Kinder und Jugendliche und mit den Mitteln des Marketings, die neue Besucher werben sollen.

Der Musiker und Kulturwissenschaftler Martin Tröndle fügt in dem von ihm herausgegebenen Buch „Das Konzert – Neue Aufführungskonzepte für eine klassische Form“ (Transcribt-Verlag, 333 Seiten, 29,80 Euro) einen dritten, womöglich entscheidenden Ansatz hinzu. Er wendet den Blick weg vom Publikum auf das Konzertereignis selbst. Tröndle, der bis vor einem Jahr als Musikreferent im niedersächsischen Kulturministerium arbeitete, untersucht gemeinsam mit Wissenschaftlern und Künstlern unterschiedlicher Disziplinen die Formen und Rituale des Konzerts – und entdeckt dabei großes Veränderungspotenzial, das in einer überraschenden These gipfelt: Die Krise der klassischen Musik ist keine Krise der Musik, sondern eine ihrer Aufführungskultur. Um das Konzert zu erhalten, so Tröndle, müsse man es verändern.

Sein Buch zeigt, dass das Konzert­wesen in der Vergangenheit tatsächlich ständig variiert wurde. Die Orte, an denen Musik gespielt wurde, wuchsen vom privaten Musikzimmer zum prunkvollen öffentlichen Konzertsaal. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Programme bunt gemischt und so lang, dass es selbstverständlich war, das Konzert zwischendurch für andere Dinge zu verlassen. Erst danach wurde das Repertoire auf wenige „Meisterwerke“ reduziert und die Programmabfolge auf Ouvertüre, Konzert, Pause, Sinfonie normiert. Diese „Kulmination des bürgerlichen Konzertes“, die sich nicht zuletzt durch Subventionen bis heute erhalten hat, traf laut Tröndle im letzten Drittel des 19.  Jahrhunderts den Nerv der Zeit: Man besuchte ein Konzert nicht zuletzt auch, „um das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe zu befriedigen“.

In den vergangenen Jahrzehnten fiel diese Motivation weg. Identitätsstiftend war eher die Sozialisierung durch eine bestimmte Art der Popmusik, Klassik hat ihr gegenüber an Relevanz verloren. Doch gerade das scheint sich nun wieder zu ändern: Christian Kellersmann vom Musikgiganten Universal Music zumindest sieht in seinem Buchbeitrag die Pop­musik im Abschwung. Sie beschränke sich immer mehr auf postmoderne Zitatverweise und habe den lange behaupteten Anspruch auf musikalische Erneuerung verloren: „Popmusik entwickelt sich mehr und mehr zum großen Musical, das täglich von einer Stadt zur anderen reist.“ Auf der anderen Seite belegten die Verkaufserfolge von Klassikalben, dass immer mehr junge Menschen auf der Suche nach Alternativen „die große Substanz, die Vielfalt, die Schönheit und die Geschichte von klassischer Musik“ entdeckten.

Diese Entwicklung müsse nur verstärkt werden. Kellersmann benennt dafür drei Kernpunkte, bei denen er dringenden Veränderungsbedarf im Konzertwesen sieht: Das Image der Klassik muss verbessert werden, die Aufführungskultur muss den Bedürfnissen eines jungen Publikums angepasst werden, und das Repertoire muss sich um zeitgemäße Stücke erweitern. Mit Projekten wie der „Yellow Lounge“, die Klassik in populären Berliner Klubs präsentiert, führt Kellersmann bereits erfolgreich vor, wie das geht.

Natürlich kann ein Projekt allein nicht den Weg aus der Krise weisen. Er ist nur eine von vielen Anregungen, die das Buch gibt. Der Intendant der Niedersäch­sischen Musiktage, Markus Fein, der als „Konzertkurator“ selbst beispielhaft arbeitet, plädiert für eine neue Dramaturgie der Programme. Weitere Buchbeiträge geben Beispiele für „inszenierte Konzerte“, für das „Regiekonzert“ oder das „Featurekonzert“.

Albert Schmitt, Manager der Bremer Kammerphilharmonie, sieht dagegen ganz andere Probleme: „Eine schöne Frau braucht nicht viel Make-up, und eine Frau, die im tiefsten Inneren nicht von ihrer Schönheit überzeugt ist, wird auch durch das raffinierteste Make-up niemals wirklich attraktiv sein.“ Wichtig ist ihm vor allem die Authentizität der Spieler – ein Konzert werde dann museal, wenn man das „Feuer der Ausführenden“ nicht mehr spüren könne. Statt der Berufsmusiker brauche man „berufene“ Musiker.

Eindeutige Lösungen kann niemand bieten, auch Tröndles Buch nicht. Doch es zeigt, dass es sich lohnt, die gegenwärtige Form des Konzerts zu überdenken. Nicht nur, weil es notwendig ist, um das Konzertleben für die Zukunft zu erhalten. Viel wichtiger ist, dass auratische Konzerte im Sinne Walter Benjamins den Hörern längst ungewohnte Glücksmomente mit Musik wiederbringen könnten. So ist die Zukunft nicht düster, sondern so bunt wie nie.