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Kultur 125 Jahre Saxofon: Ein Loblied vom legendären Jazz-Saxofonisten Klaus Doldinger
Nachrichten Kultur 125 Jahre Saxofon: Ein Loblied vom legendären Jazz-Saxofonisten Klaus Doldinger
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08:01 07.02.2019
Das Saxofon hat seine Bestimmung im Jazz gefunden, findet der Komponist Klaus Doldinger. Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa
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Lübeck

Klaus Doldinger (82) ist einer der renommiertesten deutschen Saxofonisten. Mit Bands wie Passport (mit Udo Lindenberg am Schlagzeug) schrieb er auch international Jazz-Geschichte und machte immer wieder Ausflüge in den Jazzrock. Bekannt ist der vielfach Ausgezeichnete und Geehrte auch als Komponist von Filmmusik („Tatort“, „Das Boot“).

Was wäre uns entgangen, wenn Adolphe Sax nicht das Saxofon erfunden hätte?

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Dann hätte es sicher jemand anderes erfunden, nehme ich an. Es haben sich ja einige Bereiche herausgestellt, in denen das Saxofon der Klarinette auf jeden Fall vorzuziehen wäre. Etwa im Bereich der Militärmusik, wo das Saxofon bei gewissen Tönen tragfähiger ist und bei der Färbung zum Blech hier und da etwas passender. Die Klarinette ist natürlich vom Klang her so angelegt, dass man sie wunderbar heraushören kann. Aber durch die Höhenlage und die Feinheit des Tones ist sie nicht so durchsetzungsfähig wie etwa das Altsaxofon.

Sie haben ja selbst erst Klarinette und Klavier studiert.

Aber zu der Zeit hatte ich schon ein Sopransaxofon. Ich war neben dem Gymnasium Schüler am Robert-Schumann-Konservatorium in Düsseldorf, dort konnt man Klarinette lernen. Das habe ich gern wahrgenommen, um meine Holzblaserfahrung auszubauen. Ich war in den Fünfzigerjahren ein großer Fan von Sidney Bechet und habe ihn auch live öfter gehört. Das hat mich derart überzeugt, dass ich da nicht mehr dran vorbeikonnte. Am liebsten spiele ich das Tenor- und das Sopransaxofon. Die liegen mir klanglich am nächsten.

Das Instrument des Jahres

Am Donnerstag vor 125 Jahren, am 7. Februar 1894, ist Adolphe Sax gestorben. Mit Jazz-Sessions, Sinfoniekonzerten und Opernaufführungen wird der Erfinder des Saxofons weltweit gefeiert. In Deutschland hat der Landesmusikrat Schleswig-Holstein das Saxofon gar zum Instrument des Jahres 2019 gekürt.

Sax wurde im belgischen Dinant als Sohn eines Instrumentenbauers geboren. Früh entpuppte er sich als virtuoser Flötist und Klarinettist. Den Klang der Bass-Klarinette optimierte er durch zusätzliche Klappen und entwickelte Saxhörner, Saxtromben und Saxtuben. Das Saxofon erfand er für Freiluftkonzerte, um den „erbärmlichen Ton“ von Holzblasinstrumenten in tieferen Lagen zu verbessern. 1846 ließ er das Saxofon in Paris patentieren.

Es gab viele Neider, auch viel Unverständnis, aber in dem Komponisten Hector Berlioz fand er einen seiner bedeutendsten Verfechter. „Einmal tief und ruhig, dann träumerisch und melancholisch, zuweilen zart, wie der Hauch eines Echos“, schrieb Berlioz in einem Zeitungsartikel. Den Siegeszug seines Instruments erlebte Sax aber nicht mehr. Er starb in ärmlichen Verhältnissen in Paris.

Komponieren Sie auch auf dem Saxofon?

Das mache ich inzwischen meist am Klavier oder am Keyboard. Mit der Technik heute kann man die Ton- oder Akkordfolgen ja sofort abspeichern und sich in Notenform auf dem Bildschirm zeigen lassen. Das ist ein Riesenvorteil. Auf dem Saxofon habe ich selten komponiert. Aber wenn man vom Herzen her Saxofonist ist, versucht man natürlich auch so zu komponieren, dass es beim Spielen Spaß macht.

Warum spielt das Saxofon in der klassischen Musik keine so große Rolle?

Um Mozart, Debussy oder Bartók aufzuführen, hat das Saxofon vielleicht etwas zu Volkstümliches. Man kann es natürlich von der Intonation her so steuern, dass es dann auch im klassischen Sinne interessant klingt. Aber es wird dann leicht etwas gewöhnlicher. Die Klarinette ist da immer etwas vornehmer und feiner vom Klang her, etwas kammermusikalischer. Das Saxofon wird sie nie ersetzen können.

Also ist es im Grunde ein klassisches Jazz-Instrument?

Ja. Weil es natürlich auch Tonentwicklungen möglich macht, die sich der menschlichen Stimme annähern, gerade auch im Blues. Es transportiert etwas Vulgäres, so könnte man das vielleicht nennen. Das würde der Klarinette nie gelingen. Auch wenn es da natürlich Beispiele aus der Swingmusik gibt, die mit rauer Stimme Töne produzierten, die dem etwas näher kamen. Aber eigentlich war das Saxofon wohl eher dazu angetan, straßennäher zu klingen. Es sticht überall da hervor, wo es um den Jazz geht.

Es hat im Jazz erst seine eigentliche Bestimmung gefunden?

Ja, auch wenn es natürlich bei der Marschmusik oder der Militärkapelle durchaus seine Berechtigung hat. Allein schon durch die Stärke seines Klanges. Diese Blasmusiker spielen ja meist ohne Mikrofon.

An wem führt unter all den großen Saxofonisten kein Weg vorbei?

Ach, ich habe die ganzen Etappen der Musikentwicklung mitgemacht und war anfangs, wie gesagt, sehr von Sydney Bechet beeindruckt, später von Lester Young, Coleman Hawkins, natürlich von John Coltrane. Oder von Lee Konitz und Gerry Mulligan, die ich noch kennengelernt habe. Ich habe die ganze Geschichte eigentlich lebendig durchleben dürfen, dadurch dass ich in diesen Jahren unterwegs war und sehr oft die Gelegenheit hatte, mit anderen Musikern auf der Bühne zu musizieren.

Von Peter Intelmann