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Digital „Zu viele zweidimensionale Angebote sind nicht gut für unser seelisches Wohlbefinden“
Nachrichten Digital „Zu viele zweidimensionale Angebote sind nicht gut für unser seelisches Wohlbefinden“
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13:33 28.03.2019
Kann Virtual Reality eine Brücke zwischen digitaler und dreidimensionaler Welt schlagen? Quelle: John Locher/AP/dpa
Hannover

Die Regale werden leer, Musik wird heruntergeladen, Serien und Filme gestreamt, auch die Gaming-Branche setzt zunehmend auf Streaming-Technologien. Was wir früher physisch besessen haben, bleibt heute oft virtuell. Mit welchen Folgen?

Martin Grunwald ist Psychologe und Gründer des Haptik-Forschungslabors an der Universität Leipzig. In seinem Buch „Homo hapticus“ erklärt er, warum Menschen ohne Tastsinn nicht leben können. Ein Gespräch darüber, warum wir den Tastsinn oft unterschätzen und welche Auswirkungen das in unserer immer digitaleren Welt hat.

Herr Grunwald, wenn man über die Sinne nachdenkt, fällt einem zuerst das Sehen, Hören oder Schmecken ein. Sie dagegen sagen: Der Tastsinn ist viel wichtiger. Warum?

Es gibt durchaus Lebewesen, die nicht sehen oder hören können. Auch Menschen können blind oder taub sein und trotzdem ein gutes Leben führen. Aber es gibt keinen einzigen Organismus, der nicht über einen Tastsinn verfügt. Das ist mit dem Prinzip Leben einfach nicht vereinbar. Denn ein Lebewesen muss wissen, wie seine Umwelt physisch beschaffen ist: Was ist heiß, was ist kalt, was ist schwer, was ist weich – das kann man nicht hören oder sehen, sondern das muss man körperlich erfahren. Dazu kommt die zweite Dimension des Tastsinnessystems, die nach innen gerichtet ist. Wie groß bin ich, wie bin ich geformt, ist mir heiß oder kalt? Das Tastsinnessystem gibt über all das Auskunft.

Was passiert, wenn der Tastsinn gestört ist?

Wenn Sie zum Beispiel keine Schmerzempfindung haben, dann sind Sie eigentlich zum Tode verurteilt. Das Tastsinnessystem schützt uns nämlich vor der Zerstörung unseres Körpers. Wenn man aber eine Mittelohrentzündung mit Fieber oder eine Hautverletzung nicht wahrnimmt, dann wird das auch nicht medizinisch behandelt. Die Kinder, die von solchen Störungen betroffen sind, überleben in der Regel nur kurze Zeit. Denn sie lernen nicht, ihren Körper zu schützen: sie verbrennen sich, brechen sich die Knochen, haben schwerste innere Verletzungen oder Entzündungen. Auch Magersucht-Patienten haben zum Beispiel eine Störung im Tastsinnessystem. Sie erleben ihre Körper ganz anders als er tatsächlich ist, nämlich viel breiter. Diese falsche Körperwahrnehmung wirkt als Motor dieser lebensbedrohlichen Erkrankung.

Wenn der Tastsinn so wichtig ist, warum unterschätzen wir ihn dann so oft?

Weil er so selbstverständlich ist. Nur ernsthafte biologische Fehler führen zu Problemen bei der Tastwahrnehmung. Im Alltag haben wir dagegen kaum einen Anlass, über den Tastsinn nachzudenken. Die anderen Sinnessysteme sind dagegen viel fragiler und anfälliger. So ist es viel wahrscheinlicher, dass uns Veränderungen des Auges und Ohrs durch kleine Irritationen bewusst werden. Störungen oder Leistungsverluste des Tastsinnes sind dagegen viel seltener.

Führt ein unterschätzter Tastsinn dazu, dass unsere Welt immer digitaler wird?

Ja, das denke ich schon. Wir sind auf dem Weg, die analoge Welt auf ein Minimum zu reduzieren. Selbst Autofahren soll man in Zukunft nicht mehr selbst. Solche Technologien bedienen den körperlosen Trend und sind anti-haptisch. Aber ein dreidimensionaler Organismus – wie wir es sind – ist evolutionär darauf ausgelegt, in einer dreidimensionalen Welt zu leben. Dafür sind wir optimiert. Wenn wir ständig mit zweidimensionalen Welten konfrontiert sind, hat das Folgen.

Martin Grunwald, Haptikforscher an der Universität Leipzig Quelle: Margarete Cane

Zum Beispiel?

Wir wissen seit vielen Jahren, dass zu viele zweidimensionale Angebote, sei es Fernsehen oder das Internet, für unser seelisches Wohlbefinden nicht gut sind. Unsere Spezies muss sich mehr bewegen, um gesund zu bleiben – körperlich und seelisch. Wenn man sich am Bildschirm in zweidimensionalen Welten aufhält, kann das zwar auch viel Freude machen oder die Kreativität fördern. Aber meiner Meinung nach, fühlt sich das dreidimensionale Säugetier Mensch wohler, wenn es auch dreidimensionale Umwelten verändern kann. Es gibt ja schon analoge Gegenbewegungen, wie beispielsweise die Do-it-Yourself-Szene. Diese Szene zeigt, welche Freude und Befriedigung das aktive Verändern der materiellen dreidimensionalen Welt – zum Beispiel beim Bau eines Tisches – erzeugen kann.

Ob ich ein Buch auf dem Kindle lese oder auf gedrucktem Papier – macht das wirklich einen Unterschied?

Sogar einen ganz elementaren. Es gibt Studien, die zeigen, dass der digital gelesene Text immer schlechter behalten wird, als ein analog gelesener Text. Die E-Books haben aber auch noch einen weiteren Nachteil: Sie sind nicht räumlich. Wenn Sie einen Roman lesen, dann fühlt es sich anders an, die erste Seite zu lesen als die letzte. Das Gefühl des Buchs in Ihren Händen verändert sich beim Lesen. Beim E-Book fehlt diese analog-räumliche Rückkopplung. Deswegen haben sich die E-Books auch nicht wirklich durchgesetzt. Der Mensch ist stark auf die haptische Erfahrung der Dreidimensionalität angewiesen.

Es gibt auch Technologie wie zum Beispiel Virtual Reality, die diese Verankerung im Raum suchen. Könnte das ein sinnvoller Ansatz sein, um das digitale mit dem Dreidimensionalen zu versöhnen?

Ich denke nicht, dass das gelingt. Das sind nette Versuche, aber virtuelle Welten werden immer Kompromisse bleiben. Die sensorische Komplexität unserer dreidimensionalen analogen Umwelt ist in Relation dazu einfach viel so groß, unsere reale Umwelt viel zu reichhaltig. Virtuelle Umwelten sind dagegen extreme Vereinfachungen und häufig ist die zeitliche Kopplung der sensorischen Inputs mangelhaft. Deshalb kann man beobachten, dass die meisten Menschen nach wenigen Minuten in virtuellen Umgebungen erschöpft und teilweise auch frustriert sind.

Wenn das also keine Lösung ist, wie sollten wir als Menschen dann mit der schwindenden Haptik im Alltag umgehen?

Wir müssen die Technologien einfach in den richtigen Dosen nutzen. Die digitale Umwelt hat einen großen Anteil daran, dass wir immer mehr visuelle und auditive Informationen verarbeiten müssen. Gleichzeitig nimmt unsere körperlich-analoge Aktivität immer mehr ab. Vielfach fehlt einfach der körperliche Ausgleich. Das kann zu einer Überlastung des perzeptiv-kognitiven Systems führen, die sich in Burn-Out-Symptomen oder anderen seelischen Erkrankungen äußert. Wir müssen deshalb lernen, die neuen Technologien so zu nutzen, dass sie uns als Säugetier-Spezies bei der Erreichung unserer Ziele unterstützt und uns gleichzeitig nicht schadet.

Von Anna Schughart/RND

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