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Digital Ost-Nerd Paubel: „DDR war ein Paradies, jede Software gab es irgendwo kostenlos“
Nachrichten Digital Ost-Nerd Paubel: „DDR war ein Paradies, jede Software gab es irgendwo kostenlos“
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11:46 23.10.2019
Stefan Paubels Computerclub in der DDR war eine mädchenfreie Zone.

Der ganz große Durchbruch als Spieleentwickler blieb ihnen nach dem Ende der DDR verwehrt – zunächst. Aber eines kann Uwe Beneke, Tube Herre und Volker Strübing keiner nehmen: Sie hatten es 1991 als erste ostdeutsche Computernerds geschafft, ein selbst entwickeltes und produziertes Spiel an eine Firma aus dem Westen zu verkaufen. „Atomino“ war ein klassisches Tüftlerspiel. Mit Tastatur oder Joystick mussten die Spieler verschiedenfarbige Atome auf dem Bildschirm zu Molekülen zusammenfügen.

Die Grundlagen legten die drei Ost-Berliner Jungs auf dem Commodore 64, dem gängigsten Heimcomputer in der DDR. Der war den Kleincomputern aus heimischer Produktion nicht nur technisch haushoch überlegen. Da die „KC 85“ genannten Ost-Rechner, produziert im thüringischen Mühlhausen, vorrangig an Schulen oder Jugendklubs geliefert wurden, waren sie für Privatkunden kaum verfügbar, und wenn, dann nur für mehrere Tausend Ostmark.

Wir wollten den Jugendlichen zeigen, was möglich war – und nicht, was unsere Indus­trie gerade mal hinbekam.

Stefan Paubel

Für ähnliche Summen war auch der C 64 (liebevoll „Brotkasten“ getauft) zu erwerben. Er fiel nicht unter das Hochtechnologie-Embargo der Nato und konnte frei in die DDR eingeführt werden. Die sprichwörtliche Oma auf Einkaufstour war nur eine mögliche Quelle. Der Computer kam im Westpaket für die jugendlichen Nerds in der Verwandtschaft, er wurde tausendfach von privat in Fachzeitschriften inseriert und ab 1987 auch offiziell im Intershop angeboten.

Skurrile, unbekannte und witzige Fakten aus DDR-Zeiten.

Und einmal gab sogar die Jugendorganisation FDJ höchst offiziell Staatsgeld für den Computer aus, der im Westen die Jugendzimmer dominierte. Das war die Grundausstattung für den Computerklub im „Haus der jungen Talente“ in Berlin-Mitte.

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„Wir wollten den Jugendlichen zeigen, was möglich war – und nicht, was unsere Indus­trie gerade mal hinbekam“, berichtet Stefan Paubel. Er leitete den Klub, in dem Hunderte junge Nerds (die damals natürlich noch nicht so hießen, sondern höchstens „Computerfreaks“) ihre ersten Erfahrungen mit der digitalen Zukunft machten. Volker Strübing, Tube Herre und Uwe Beneke gehörten dazu.

Mädchen kamen kein einziges Mal vorbei

Bevor es losgehen konnte, fuhr Paubel in Begleitung der Buchhalterin in einen „An- und Verkauf“ in Köpenick, wo es neben allerhand Gebrauchtwaren auch West-Rechner gab. Die Finanzerin öffnete ihren Geldkoffer, blätterte eine fünfstellige Summe DDR-Mark auf den Ladentisch, und Paubel konnte mit einem C 64, einem Kassetten-Speichergeräte und einem Drucker wieder abziehen. Als Monitor diente ein Fernseher.

Später kamen weitere Rechner hinzu. „Wir waren der einzige offiziell mit West-Technik ausgestattete Computerklub der DDR“, berichtet Paubel stolz – und schiebt zwei Sätze hinterher: „Ich möchte die Arbeit der Robotron-Kollegen gar nicht schlechtmachen. Es ist bewundernswert, wie sie aus Scheiße Gold gemacht haben.“

Die Staatsführung konnten sie immerhin noch über den Zwangsrückstand gegenüber dem Westen täuschen: Am 14. August 1989 präsentierte das Erfurter Mikroelektronikwerk „Karl Marx“ dem Staats- und Parteivorsitzenden Erich Honecker den ersten volkseigenen 32-Bit-Mikroprozessor. Honecker triumphierte mit dem Satz: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“

Den Jungs – Mädchen kamen kein einziges Mal vorbei – im Klub war der Lauf des Sozialismus meist ziemlich egal. Wichtiger war eine andere Welt, die aus Bits, Bytes und Code bestand. Im Computer lag die Zukunft – und im Zocken die Ablenkung vom täglichen Trott.

Der Computerklub wurde nach dem Mauerfall geschlossen – jetzt hatten alle einen eigenen Computer zu Hause.

Stasi überprüft den Klub

Um sich abzusichern, hängte Paubel im „Haus der jungen Talente“ ein Schild an die Wand: „In diesen Räumen ist es verboten, kriegsverherrlichende Spiele zu spielen.“ Das sollte vor der Stasi schützen. Die hat den Klub 1987 einmal überprüft und eine Liste der dort zugänglichen Spiele angelegt – mit teilweise skurrilen Übersetzungen, wie der Journalist Denis Gießler in Stasi-Unterlagen herausfand.

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Aus „Samantha Fox Strip Poker“ wurde da etwa „Samantha Fuchs Entkleidungspoker“. Mit Entkleidungsübungen hatte die Stasi weniger ein Problem, umso mehr mit Ballerspielen wie „Raid over Moscow“ („Angriff auf Moskau“), in dem der Nachwuchs den Kreml in Schutt und Asche legte. Zu antikommunistischen Anwandlungen im realen Leben führte das Spiel bei niemandem. Und die Stasi ließ den Klub wieder in Ruhe. Schließlich waren die dort versammelten Nerds, viele davon in der Ausbildung zum „Facharbeiter für Datenverarbeitung“, die Fachkräfte der Zukunft.

Die DDR war ein Paradies, jede Software gab es irgendwo kostenlos.

Stefan Paubel

Stefan Paubel legt Wert darauf, dass er keine reine Zockerrunde beaufsichtigte. „Ich wollte die jungen Leute an die Mikroelektronik heranführen“, erzählt er. Es gab Programmierkurse, Vorträge und technische Unterstützung. Und natürlich wurden kräftig Programme getauscht und kopiert. Kopierschutz gab’s nicht, Abmahnanwälte kamen auch erst nach der Vereinigung.

„Die DDR war ein Paradies“, schwärmt Paubel, „jede Software gab es irgendwo kostenlos.“ Und was man nicht hatte, schrieb man selbst – oder schrieb es zumindest ab.

Mit dem Mauerfall schloss der Klub

In Jugendzeitschriften wie der französischen „Jeunesse“ war in langen Tabellen der Code für Spiele und Grafikprogramme abgedruckt. Paubel fuhr regelmäßig in die Berliner Stadtbibliothek, wo er – mangels Fotokopierer – die Zahlen- und Buchstabenreihen per Hand abschrieb und dann wieder in den Commodore eintippte.

Als 1989 die Mauer fiel, war der C 64 im Westen eigentlich schon vom Markt verschwunden. Doch die DDR-Bürger verlangten nach dem gewohnten Modell – weil sie ja überall an kostenlose Software kamen.

„Palettenweise gingen die Posten im Weihnachtsgeschäft 1989 weg“, erinnert sich Paubel. Im Frühjahr 1990 schloss er dann den Klub im „Haus der jungen Talente“. Es kam keiner mehr – die Jungs hatten jetzt alle einen Rechner zu Hause. Und viele blieben ihrer Leidenschaft bis heute treu. Der „Ato­mino“-Miterfinder Uwe Beneke ist heute einer der Chefs der Berliner Spieleschmiede Yager.

Und Volker Strübing hat unter dem Titel „Auferstanden aus Platinen“ eine wunderschöne Dokumentation über seine Computerleidenschaft in der DDR gedreht. Sie läuft am 21. September bei 3sat.

30 Jahre Mauerfall: "Das ist unser Traum von Deutschland"

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Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Das Jahr 1989 gehört zu den bewegendsten in der deutschen Geschichte. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat mit Zeitzeugen gesprochen, prominenten und nicht prominenten. Was sie zu erzählen haben, lesen Sie in der Serie „Mein Traum von Deutschland“. Jeden Tag erscheint eine neue Geschichte. Die Serie läuft bis zum Tag des Mauerfalls am 9. November.

Von Jan Sternberg/RND

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