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Der Norden Zecken-Forscherin: Kühe helfen gegen Borreliose-Übertragung
Nachrichten Der Norden Zecken-Forscherin: Kühe helfen gegen Borreliose-Übertragung
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00:15 06.06.2019
Können keinen Schaden mehr anrichten: Zecken, die von Galloway-Rindern auf einer Weide bei Flensburg abgesammelt wurden. Quelle: Gerd Kämmer
Braunschweig

Rinder sind gut für die Gesundheit. Jedenfalls dann, wenn sie auf Weiden umherstreifen. Der Grund: Auf diesen Weiden leben auch Zecken, die die für Menschen gefährlichen Erreger der Borreliose übertragen können. Haben die Zecken aber vorher ein Rind gebissen, sind die Erreger abgetötet. Sagt Dania Richter, Biologin in der Abteilung für Landschaftsökologie und Umweltsystemanalyse der Technischen Universität Braunschweig.

Forschung in Berlin und Boston

Dania Richter befasst sich seit 20 Jahren mit dem komplizierten Verhältnis zwischen Parasiten und ihren Wirten, sie hat zu dem Thema schon in Berlin und in Boston geforscht. Jetzt arbeitet sie in Braunschweig, wo man die Auswirkungen von Umweltveränderungen auf Tier- und Pflanzenwelt untersucht. Zecken, erzählt sie, sind Parasiten, die sich mit allen Wirbeltieren außer Fischen und Amphibien einlassen. Die häufigste Zeckenart in unseren Breitengraden ist der Gemeine Holzbock. Der wiederum überträgt beim Blutsaugen vorzugsweise die Erreger der Lyme-Borreliose, die so heißt, weil sie zuerst in dem amerikanischen Ort Lyme beschrieben wurde. Aber auch das sogenannte FSME-Virus, das zu einer Gehirnentzündung führen kann, wird vom Holzbock übertragen.

Die Zecken transportieren jeweils spezielle Arten von Borreliose-Erregern, die sie aus dem Blut von Nagetieren, Vögeln oder Eidechsen mitnehmen. Eine Art hat Dania Richter selbst entdeckt und nach ihrem ehemaligen Chef und Mentor in Boston, Andrew Spielman, „Borrelia spielmanii“ genannt: Sie kommt in Haselmäusen und Gartenschläfern (auch eine Nagetierart) vor.

Normalerweise, erläutert die Biologin, sehe der Ablauf so aus: Die Zecke beißt eine Maus, die Borrelien im Blut hat, und infiziert sich, dann fällt die Zecke vollgesogen ab und entwickelt sich zu ihrem nächsten Stadium, während die Erreger in ihrem Darm abwarten. Und nach einer Weile ist die Zecke wieder hungrig und lässt sich vom nächsten Nagetier auflesen, beißt es und saugt sein Blut und gibt den Erreger mit ihrem Speichel weiter. Die Nagetiere werden dadurch aber nicht krank.

Rinderblut tötet Bakterien

Der Kreislauf wird durchbrochen, wenn die Zecke einen Menschen beißt. Der kann dadurch krank werden, auch sehr krank. Ausnahme: Wenn die Zecke, bevor sie den Menschen beißt, bei einem Wiederkäuer Blut gesaugt hat, sind die Borreliose-Erreger nicht mehr da. „Ausgelöscht“, sagt Dania Richter.

Wie kommt das? „Es wäre schön, wenn wir das schon wüssten.“ Die bisherigen Tests hätten noch keine Klarheit geschaffen. Irgendwas im Blut von Kühen, Hirschen, Rehen, Schafen oder Ziegen töte die Bakterien ab, sagt die Biologin.

Das Phänomen ist vor fast drei Jahrzehnten bei ersten Untersuchungen des Parasitologen Franz-Rainer Matuschka von der Charité in der Schorfheide nördlich von Berlin entdeckt worden. Später haben Dania Richter und Matuschka auf Weiden und im Wald im Elsass und in Baden-Württemberg und hoch im Norden bei Flensburg weitergeforscht, haben Zecken gesammelt und molekularbiologisch untersucht: Wo keine Rinder waren, fanden sie im Schnitt 160 Zecken pro Stunde, wo Rinder grasten, waren es nur 14. Wo keine Rinder waren, trugen 17 Prozent der Zecken die Borreliose-Erreger in sich, wo es Rinder gab, waren es nur 4 Prozent.

Was bei Wildtieren schon nachgewiesen war, war nun auch bei Nutztieren gesichert: Wiederkäuer desinfizieren Zecken. „Die Rinder durchbrechen den Infektionszyklus“, sagt die Biologin. Von 450 Zecken, die sie Galloway-Rindern bei Flensburg abgenommen hatte, hätten 150 die Bakterien enthalten müssen, denn ein Drittel der sonstigen Zecken auf der Weide war infiziert. Aber nicht eine einzige hatte die Erreger im Darm, wenn sie vorher am Rind gesaugt hatte.

Wenn man also Kühe nicht im Stall, sondern in extensiver Form auf offener Weide halte, dann tue man nicht nur was für die ökologische und biologische Vielfalt in der Natur und sorge für gute regionale landwirtschaftliche Produkte. Man schütze offenbar auch die Gesundheit der Spaziergänger, sagt Dania Richter. Jetzt untersucht sie, ob man die Rahmenbedingungen noch präziser fassen kann: Wie viele Kühe müssen wann und wie lange auf der Weide stehen, und funktioniert es auch anderswo? Dafür hofft sie, in absehbarer Zeit auch in Projekten zur Waldbeweidung in Niedersachsen mitarbeiten zu können.

Und warum gibt es überhaupt Zecken? Dania Richter lacht. Hinter der Frage, sagt sie, stehe oft der Gedanke, dass Zecken uns doch gar nichts nützten. Das sei sehr vom Menschen her gedacht. Und sie erzählt von einer winzigen Schlupfwespenart, die nur existiert, weil es Zecken gibt, denn nur in ihnen kann sie ihre Eier ablegen. Da sind die Parasiten dann selbst Wirtstiere. Und das nützt zwar vielleicht nicht dem Menschen. Aber der Biodiversität.

Wie kann man Zeckenbisse vermeiden?

Zecken wie der Gemeine Holzbock lieben Wälder, Gärten, halbschattige Bereiche und hohes Gras. Sie springen ihre Opfer nicht an, sondern halten sich fest, wenn man an ihnen entlangstreift. Gegen Bisse hilft geschlossene Kleidung. Auf hellem Stoff kann man die Parasiten eher entdecken. Nach einem Spaziergang sollte man sich absuchen.

Für Aufregung sorgt in Deutschland derzeit die Hyalomma-Zecke aus Südeuropa, Afrika oder Südasien. Sie läuft, anders als heimische Zecken, aktiv auf ihren Wirt zu. Sie ist deutlich größer als der hiesige Gemeine Holzbock und fällt durch ihre gestreifte Beine auf.

Die Hyalomma befällt in frühen Stadien Zugvögel und kann so bis nach Deutschland kommen. Sie braucht aber warmes Wetter im Frühjahr. Im vergangenen Jahr ist ihre Entwicklung offenbar von den hohen Temperaturen begünstigt worden. Ob sie den jetzigen kühlen Mai überlebt hat, wird von Fachleuten bezweifelt. Ohnehin saugt diese Zeckenart lieber an großen Säugetieren als an Menschen.

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