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Der Norden Ungenutzter Kran dreht sich seit 14 Jahren im Wind
Nachrichten Der Norden Ungenutzter Kran dreht sich seit 14 Jahren im Wind
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00:18 20.09.2018
Gebaut wird nicht: Anwohner in Winsen (Aller) fühlen sich seit 14 Jahren durch den Kran bedroht, der über ihren Wohnhäusern kreist. Quelle: Gabriele Schulte
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Winsen

Der Baukran dreht sich seit vierzehn Jahren im Wind. Er dreht sich knatternd und bedrohlich mitten in einem Neubaugebiet in Winsen (Aller), direkt über den Dächern der Nachbarn. Gebaut allerdings wird hier nicht. Der Kran steht ungenutzt einfach so da. „So-da-Kran“ wird er deshalb genannt, sogar bei Google-Maps ist unter diesem Namen ein Eintrag zu finden. Die Gemeinde im Kreis Celle würde das Ding lieber heute als morgen loswerden. „Ich würde mir auch unbehaglich vorkommen, wenn ich daneben wohnen würde“, sagt Bürgermeister Dirk Oelmann. Aber er könne gegen das mehr als 15 Meter hohe Gerät einfach nichts machen.

Winsen ist, wie Oelmann berichtet, die einzige wachsende Kommune im Landkreis Celle und nicht zuletzt wegen der guten Infrastruktur mit ausreichend Kitas, Schulen und Ärzten beliebt. Die örtliche Presse schreibt von „Boomtown Winsen“ und „blühenden Landschaften“. Der Besitzer des besagten unbebauten Grundstücks im Ortsteil Südwinsen hat in dem neuen Baugebiet dort als einer der Ersten zugegriffen; laut Bauantrag will er dort zwei Doppelhäuser errichten. 2004 stellte der Mann, ein Handwerker aus Winsen, den Kran auf, den er nach Angaben des Bürgermeisters damals „günstig geschossen“ hatte. Viel mehr passierte die Jahre über nicht. Denn noch immer warte der Bauherr auf die Auszahlung einer Lebensversicherung, die er in die geplanten Mietshäuser stecken will. Bisher hat das Geld offenbar nur für eine Garage und eine Betonplatte gereicht.

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Nachbarn berichten von gefährlichem Eiswurf des So-da-Krans

„Ab und zu kommt jemand auf das Baugrundstück, Änderungen sind jedoch leider kaum oder gar nicht zu bemerken“, erzählt Nachbar Ralph Wißgott. Mindestens alle drei Jahre, so das Baurecht, muss auf einem Baugrundstück ein „Baufortschritt“ erkennbar sein, eine Garagenmauer kann da schon reichen. Von seinem Schreibtisch im ersten Stock blickt der Unternehmensberater auf den Kran; der dreht sich an diesem Tag still. Kehlig ahmt Wißgott das Geräusch nach, das das Ungetüm stets bei Wind aus Süd oder West in seinem Büro hört: „Drrr, drrr, drrr, drrr.“

Ein Paar in der Nachbarschaft, heißt es, habe das Schlafzimmer wegen dieses Geräuschs auf die andere Seite ihres Hauses verlegt. Ein direkter Nachbar zeigt auf einen Carport, den er eigens gebaut habe: ,„Im Winter fallen von dem Kran ständig Eisstücke runter.“ Über dem dazugehörigen Garten und Hausdach kreist der Drehkran besonders weit ausholend im Wind. Festgestellt werden darf er nicht, weil er sonst bei Sturm umkippen könnte. „Angst, dass er auf ein Dach fällt oder sogar einen Menschen trifft, haben wir trotzdem“, sagt Nachbar Wißgott. Dass der TÜV den untätigen Kran regelmäßig prüft, beruhige nicht wirklich. Wißgott ist seit 2008 mit dem Kran konfrontiert. Andere Nachbarn, die 2004 herzogen, erzählen, auch bei ihrer Ankunft sei der Kran schon da gewesen. Dass er bleiben würde, konnte wohl niemand ahnen.

Zusammengeklappt werden darf der So-da-Kran nicht

Zusammengeklappt werden darf der Kran nicht, erläutert Bürgermeister Oelmann – das sei nur auf einem Gewerbegrundstück erlaubt: „Er wird also wohl noch Jahre stehen bleiben.“ Maximilian Schmidt, SPD-Vorsitzender im Landkreis Celle, hat es als Landtagsabgeordneter mit einer Kleinen Anfrage an die Landesregierung probiert. Sein Ansatz: Niedersachsen sollte eine klare Frist für die Geltung von Baugenehmigungen einführen. „Anlagen wie der Dauerkran geben Anlass, über eine Rechtsänderung nachzudenken“, meint Schmidt: „Baukräne oder vergleichbare Anlagen, die in Wohngebieten über viele Jahre nicht genutzt werden, müssten zu Lasten des Bauherrn rückgebaut werden.“ In Deutschland benennt bisher nur Berlin eine klare zeitliche Begrenzung für Baugenehmigungen, wonach der Bau nach sechs Jahren fertig sein muss.

Eine Sprecherin von Bauminister Olaf Lies (SPD) sagt, baurechtlich sei gegen den Kran nichts zu machen. Mit dem Gesetz zur Änderung des Baurechts von 2002 seien Kräne und Krananlagen aus dem Geltungsbereich der Niedersächsischen Bauordnung herausgenommen worden. „Der Landkreis Celle überwacht zurzeit halbjährlich die Baumaßnahmen auf dem Grundstück“, ergänzt sie. „Das, was der Bauherr derzeit dort macht, ist bauaufsichtlich nicht zu beanstanden.“

Eine Anfrage beim Kranbesitzer in Winsen, sich selbst zu äußern, wird mit einem barschen „Kein Bedarf“ beschieden – bevor der Mann den Hörer auflegt. Die Nachbarn melden unterdessen Bedarf, dass sich bald etwas ändern möge. Einen einzigen Vorteil allerdings habe der Kran: „Wir können Besuchern den Weg zu uns leicht erklären“, erzählen mehrere Anwohner. „Es reicht zu sagen: ,Da wo der Kran steht´.“

Von Gabriele Schulte