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Der Norden Wie eine Anwältin Schüler über Mobbing im Internet aufklärt
Nachrichten Der Norden Wie eine Anwältin Schüler über Mobbing im Internet aufklärt
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00:00 20.11.2019
„Eltern haben oft keinen Überblick“: Gesa Stückmann. Quelle: Dietmar Lilienthal
Rostock

Es ist alles an seinem Platz. Die beiden Scheinwerfer, der große Bildschirm mit der Webcam, der Laptop, die Karaffe mit Wasser. Gleich geht’s los. Gesa Stückmann schaut auf die Uhr: 7.59 Uhr.

Die Rechtsanwältin aus Rostock ist Expertin für Cybermobbing und für das Thema Recht am eigenen Bild. Insbesondere im schulischen Bereich. Vor zwölf Jahren begann sie mit Vorträgen an Schulen, vor Eltern, Lehrern oder Schülern, um über die Gefahren im Internet aufzuklären, weil die Schattenseiten der Internetwelt immer bedrohlicher wurden. Seit sieben Jahren kommt sie über Online-Seminare, sogenannte Webinare, deutschlandweit in die Schulen. Auch Klassen aus Sofia, Warschau, Moskau und Belgrad waren schon dabei.

Die Eltern haben oft keine Ahnung

„Schönen guten Morgen aus Rostock“, begrüßt die Anwältin an diesem Morgen drei Schulklassen und zwei Berufsschulklassen gleichzeitig. Um dann gleich zur Sache zu kommen. Es geht um Mobbing im Internet, darum, wie junge Leute Mitschüler fertigmachen. Es geht um Gewalt- und Pornovideos, die gepostet werden. Es geht um Bilder mit unfassbar rassistischen und antisemitischen Inhalten, die immer mehr unter auch sehr jungen Schülern geteilt werden. Und oft haben die Eltern keine Ahnung oder Vorstellung davon, was da alles in Chatgruppen von Schülern verbreitet wird.

Gesa Stückmann in ihrem Ministudio: „Mobbing ist nicht witzig, sondern strafbar.“ Quelle: Dietmar Lilienthal

Gesa Stückmann, 51, gebürtig aus Düsseldorf, Mutter zweier Kinder, präsentiert konkrete Fälle. Da ist das Mädchen, das in einem Kanal der sozialen Medien übelst und hundertfach beschimpft wurde. Die vermeintlich „harmlosen“ Varianten klangen so: „Du bist hässlich, du stinkst! Schlampe, keiner mag dich!“ Die Juristin zitiert dann nüchtern weitere Beleidigungen, die schon beim Zuhören schmerzen. In einem anderen Fall behaupteten Schüler, dass ihr Lehrer kleine Kinder vergewaltige. „Das ist nicht witzig, sondern strafbar“, erläutert Stückmann in einem sachlich-konzentrierten und unterhaltsamen Ton.

Nicht die Eltern, die Kinder werden zur Verantwortung gezogen

Ohne die moralische Keule zu schwingen, zeigt sie beinahe beiläufig und vielleicht deshalb so eindrucksvoll die juristischen Konsequenzen solcher Äußerungen auf. „Nicht die Eltern der Kinder, sondern die Kinder, die sich derart äußern, werden zur Verantwortung gezogen“, sagt Stückmann. Zwar werden unter 14-Jährige nicht strafrechtlich belangt, aber zivilrechtlich. Ein paar Tausend Euro kommen da schnell auf die Täter zu, die sie später, wenn sie ihr erstes Geld verdienen, zahlen müssen.

Nach 45 Minuten Webinar gibt es für alle eine Pause von zehn Minuten.

Eine der Lehrerinnen, die das Wissen und Engagement der Anwältin seit Jahren zu schätzen wissen, ist Ute Schmidt, Leiterin des Schulzentrums Kühlungsborn. „Mit unseren fünften Klassen nehmen wir regelmäßig an den Webinaren teil“, sagt die Pädagogin. In der Altersklasse der Zehn- bis Elfjährigen seien ein Smartphone und der Umgang mit sozialen Medien meist schon normal.

200 Online-Seminare im Jahr – ehrenamtlich

„Kinder denken meist nicht über die Konsequenzen nach, wenn sie heimlich Mitschüler filmen oder fotografieren und die Ergebnisse ins Netz stellen, womöglich noch mit beleidigenden Kommentaren versehen“, sagt Schmidt. Stückmann mache mit ihrem Mix aus praktischen Beispielen und gesetzlichen Grundlagen deutlich, wie gefährlich so etwas sei. „Das ist einfach nur toll, wie sie das Schülern nahe bringt.“ Gut 10.000 Schüler erreicht die Juristin pro Jahr, bundesweit. Im vergangenen Oktober hatten 28 Klassen aus dem Bundesgebiet Webinartermine bei ihr gebucht. 200 Online-Seminare pro Jahr sei der Schnitt, sagt Stückmann.

Zuschauer beim Online-Seminar: 10.000 Schüler erreicht die Juristin bundesweit. Quelle: Dietmar Lilienthal

Was sie nicht sagt: Für die Webinare schreibt sie keine Rechnungen. Sie engagiert sich ehrenamtlich. Lediglich eine Aufwandsentschädigung erhält die Anwältin, die seit 25 Jahren an der Ostseeküste lebt. Nach eigener Aussage ist sie die Einzige in der Branche, die solche Präventivseminare anbietet. „Weil ich das Gefühl habe, dass sie viel bringen.“ Schülern sei die strafrechtliche Dimension ihres Verhaltens in den Chats oft nicht bewusst. Und Eltern hätten oft keinen Überblick, was der Nachwuchs online treibe. Dabei müssten sie sich kümmern – nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit Argumenten, auch juristischen.

3600 Euro Strafe für ein „Like“

Nach der Pause hört man Stückmann im Webinar weiter beinahe atemlos zu: Ein 13-Jähriger lästert und hetzt im Netz über Ausländer. Strafanzeige und Abmahnung sind die Folge. Ein 16-Jähriger bittet eine Elfjährige um ein Nacktfoto – der Jugendliche macht sich strafbar, weil er sich ein Kinderpornobild schicken lassen will. Ein Jugendlicher verschickt an seine Freunde das erotische Selfie einer 13-Jährigen – es hagelt 81 Abmahnungen, zudem ist das Verbreitung von Kinderpornografie. Ein Schüler setzt ein „Like“ zu einem volksverhetzenden Spruch: „Dunkelhäutige sollen überfahren werden.“ Die Folge: 3600 Euro Strafe.

Stückmann betont, dass Unwissenheit nicht vor Strafe schütze. Sie verdeutlicht, welche Folgen Cybermobbing für die Opfer hat. Sie erläutert ebenso, was man beachten sollte, um möglichst gar nicht erst im Netz missbraucht, erpresst und beleidigt zu werden. „Sehr schnell macht man von sich ein Bild und stellt es ins Netz – schnell gelangt so ein Bild in falsche Hände.“ Die digitale Distanz und vermeintliche Anonymität mache nicht nur Jugendliche leichtfertig.

Der Mann hält ihr den Rücken frei

Nach weiteren 45 Minuten endet das Webinar. Stückmann verabschiedet sich, als keine Nachfragen mehr kommen. Im Nebenraum sitzt Ehemann Peter Stückmann, ebenfalls Jurist. Zu seinen Füßen der Familienhund Zeus. Gesa Stückmann schaut kurz zu beiden, bevor das zweite Webinar des Tages startet. „Ich bewundere wirklich die Zielstrebigkeit meiner Frau“, schwärmt Peter Stückmann. Er hält ihr den Rücken frei. „Er ist meine Bank“, sagt Gesa Stückmann. „Wann geht’s weiter?“, fragt er. „Gleich!“, lautet die Antwort. Es ist 9.59 Uhr.

„Schönen guten Tag aus Rostock!“

Gesa Stückmann informiert über ihre Web-Seminare auf www.law4school.de

Bis zum Sonnabend porträtiert die HAZ gemeinsam mit den „Kieler Nachrichten“, der „Ostsee-Zeitung“ aus Rostock, dem „Hamburger Abendblatt“ und NDR Info Menschen, die Dinge mit viel Engagement verändern und verbessern wollen. NDR Info sendet die Geschichten morgens um 7.48 Uhr und eine Wiederholung im Laufe des Vormittags.

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