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Der Norden Nach den Regeln des Koran: Warum Schlachter Piepmeier schächten lässt
Nachrichten Der Norden Nach den Regeln des Koran: Warum Schlachter Piepmeier schächten lässt
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07:55 10.08.2019
„Wenn sie nicht wären, hätte ich dichtmachen müssen“: Rolf Piepmeier ist dankbar für die Treue seiner muslimischen Kunden. Quelle: Gabriele Schulte
Elsfleth

Das Wandtelefon schrillt schon wieder, Rolf Piepmeier nimmt ab, die Frage hat er erwartet. „Nein, Sonntag schlachten wir nicht“, ruft er in den Hörer, in dem ihm eigenen herzlich-herben Ton: „Samstag ausnahmsweise Rinder, Montag Schafe.“ Diesmal müssen seine Kunden auf ein ganz frisches Lamm zum Beginn des Opferfestes verzichten, weil er auf einen Sonntag fällt. Doch schon jetzt stehen die Käufer am Tresen in seinem Schlachthof in Elsfleth (Wesermarsch) Schlange für das Fleisch von Schafen und Rindern, die eine halbe Stunde zuvor noch gelebt haben.

Rolf Piepmeier, Schlachter seit 60 Jahren, hat sich spezialisiert, um mit seinem mittelständischen Betrieb überleben zu können. Er ist nach eigenen Angaben im Umkreis von 300 Kilometern der einzige Schlachthofbetreiber, der ausschließlich Muslime die Tiere töten lässt. „Ich bin der Türkenschlachter“, sagt der 77-Jährige und lacht. Um gleich klarzustellen, dass er, der Protestant, seinen türkischen Kunden alles verdankt: „Wenn sie nicht wären, hätte ich dichtmachen müssen.“

Schlachthofskandale andernorts

Piepmeier steht zu dem, was er tut. Andere Schlachthofbetreiber fürchten die Öffentlichkeit, Piepmeier gewährt Einblick – von der Ankunft der Tiere im Elsflether Gewerbegebiet bis zu dem Moment, in dem die Kunden die Fleischstücke in weißen Tüten zu ihren Autos tragen. Er distanziert sich von den Schlachthofskandalen, die in den vergangenen Monaten andernorts in Niedersachsen bekannt wurden. „Tierquälerei, schlimm!“, brüllt er. „Ein Rind, das nicht mehr selbst laufen kann, kommt hier bei uns niemals rein.“ Er habe den Weg zum Schlachtplatz extra so gebaut, dass die Tiere nicht liegend hindurchpassen.

Die Schafe und Rinder haben hier auch keinen weiten Transport hinter sich, ein Großteil stammt direkt von den Wiesen der Wesermarsch. Deichschäfer Hans Gerd Strothhoff-Schneider liefert alle seine Tiere an Piepmeier, 62 fleischige Suffolk sind es an diesem Morgen. Wieder wird der Schäfer zugucken, wie ein Teil seiner Herde geschlachtet wird. Halal, nach muslimischem Ritus? Kein Problem. „Das läuft alles sauber hier“, sagt der Mann aus Rodenkirchen. Der Schäfer bringt seine Tiere vom Anhänger über eine Rampe in den Pferch. Minuten später treten vier Schlachter in weißen Gummischürzen und weißer Kopfbedeckung hinzu. „Yhalla“, rufen sie – los! Ein Schaf nach dem anderen treiben sie ihrem Kollegen zu, der mit einer Elektrozange hinter der Eingangsschleuse in der Halle wartet.

Schafe liegen Richtung Mekka

Danach geht alles ganz schnell. Nach der kurzen Betäubung, die das Schaf bewusstlos macht, greift ein weiterer muslimischer Schlachter das Tier und richtet es mit dem Kopf nach Südosten gen Mekka aus. Er murmelt ein kurzes Gebet: „Bismillah Allahu Akbar“, im Namen Gottes, Gott ist groß. Dann setzt er das Messer an, das er kurz zuvor an einem Wetzstein geschärft hat. Anschließend geht es ähnlich weiter wie in einem gewöhnlichen Schlachthof. Der Kopf wird abgetrennt, mit einer Seilwinde wird das Schaf hochgehievt, das Fell wird abgezogen. Ein Veterinär ist immer dabei, auch beim Zerteilen des Fleisches. Er hat hier nichts zu beanstanden.

Gegen Piepmeier gab es vor vier Jahren Schmähungen der islamfeindlichen Bewegung Pegida, die ihm unterstellte, Tiere ohne Betäubung zu töten. Das stimmte damals wie heute nicht. Ganz spurlos ist die Kampagne an dem Schlachter nicht vorbeigegangen. Er, der sonst so Mitteilsame, spricht nicht gern darüber. Aber er hat sich nicht einschüchtern lassen.

Piepmeier warb auf türkischen Hochzeiten

Zu seinen Kunden gehören auch Christen, die das Regionale und den guten Preis schätzen. Die meisten aber sind Muslime mit Migrationshintergrund. Seit den Sechzigerjahren bedient Piepmeier sie, zu jener Zeit waren es Gastarbeiter, die unter anderem in der Bleihütte in Nordenham tätig waren. Andere Schlachter seien sich zu schade gewesen, auf die Wünsche der Muslime einzugehen, erinnert sich der 77-Jährige. Später, als die BSE-Krise in Deutschland den Rindfleischmarkt lahmlegte, habe sich diese Käufergruppe vom angeblich hohen Ansteckungsrisiko nicht irritieren lassen. Der Schlachter warb auf türkischen Hochzeiten und vergrößerte seinen Kundenstamm. Inzwischen beliefert er im weiten Umkreis Halal-Märkte und die Gastronomie.

Als möglichen Nachfolger hat Piepmeier seinen Tierschutzbeauftragten Issam Hijazi ausgeguckt. Auch der Mann aus dem Libanon hält überhaupt nichts von Schächten ohne Betäubung. „Als Mohammed das sagte, gab es die elektrische Zange noch nicht,“ sagt der gläubige Muslim. Das Tier, davon ist er überzeugt, soll so stressfrei wie möglich sterben: „Es hat auch eine Seele.“

Das ist das Opferfest

Das Opferfest ist eines der höchsten Feste des Islam. Muslime erinnern damit an Abraham, der nach der Überlieferung auch im Koran im Vertrauen zu Gott bereit war, seinen Sohn zu opfern. Gott verhinderte dies und Abraham opferte stattdessen ein Lamm. Der Termin des viertägigen Festes richtet sich nach den Mondphasen. In diesem Jahr dauert das Fest vom 11. bis 14. August.

 Traditionell gehört zum Opferfest ein Lamm oder Rind, das nach muslimischem Ritus geschlachtet wird. Nach deutschem Recht geschieht dies –mit wenigen Ausnahmen – unter Betäubung. Ein gläubiger Muslim muss ein Gebet sprechen und das Tier gen Mekka ausrichten. Dann schächtert er, indem er die Halsschlagader durchtrennt und das Tier ausbluten lässt – den Verzehr von Blut hat Mohammed verboten. Das so produzierte Fleisch, das zudem nicht mit Schweinefleisch in Berührung gekommen sein darf, gilt als erlaubt (halal).

Halal-Produkte werden durch die Einwanderung von Muslimen aus dem arabischen Raum verstärkt nachgefragt. Auch für viele Menschen mit türkischen Wurzeln sind sie ein wichtiger Teil ihrer Identität. Es gibt Halal-Metzger, Halal-Imbisse und Halal-Supermärkte. Die Deutsche Messe AG hat für das kommende Jahr in Hannover eine erste Halal Messe angekündigt.

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Von Gabriele Schulte

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