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Der Norden Ein Kreuz am Straßenrand für Lara, die totgefahren wurde
Nachrichten Der Norden Ein Kreuz am Straßenrand für Lara, die totgefahren wurde
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00:16 22.04.2019
Gedenken am Straßenrand: Das Kreuz für die 16-jährige Lara an der Landesstraße 810 bei Hooksiel wird von Verwandten und Freunden immer mit frischen Blumen bestückt. Quelle: Bert Strebe
Hooksiel

Laras Mutter legt einen Ordner auf den Couchtisch. Er ist schwer. Das liegt auch daran, dass dieser Ordner mit seinem lilafarbenen Einband bis obenhin vollgepackt ist mit Klarsichthüllen, in denen Briefe, Notizen, Fotos, ausgedruckte E-Mails und Zeitungsartikel stecken. Sie alle sind mit Akkuratesse aufgeklebt und sortiert und abgeheftet.

Ein Ordner steht für Ordnung. In diesem Ordner stecken Laras Leben und ihr Tod. Sie ist auf einer Landstraße nahe der Küste von einem Auto erfasst und durch die Luft geschleudert worden. Da gibt es dann keine Ordnung mehr. Die Welt gerät aus den Fugen, wenn ein Kind vor den Eltern stirbt.

Laras Mutter gießt Mineralwasser ein und klappt den Ordner auf. Es ist hell im Raum, die Fenster reichen von der Decke bis zum Boden. Das Haus von Laras Mutter und Laras Stiefvater steht in der Nähe von Hooksiel im Wangerland, der Himmel über dem Wangerland ist friesisch blau, und die Augen von Laras Mutter sind genauso blau wie der Himmel.

Manchmal verändern sie sich. Wenn Laras Mutter Bilder ihrer Tochter anschaut, scheinen ihre Augen weicher zu werden, die Waben der Iris gleichzeitig klarer. Wenn sie von anderen Dingen erzählt, von dem, was jetzt schwer ist im Alltag, davon, wie sie auf jedem Weg zur Arbeit an der Unfallstelle vorbeifährt, dann bekommt ihre Iris etwas Metallisches.

Doch jetzt, in diesem Moment, ist alles gut. Laras Mutter schaut ein Foto an, auf dem Lara auf ihrem Pony Moritz in einen wunderschönen kitschigen Sonnenuntergang hineinreitet. Lara schaut sich um, schaut in die Kamera. Also schaut sie ihre Mutter an. „Das finde ich schön“, sagt Laras Mutter.

Der Unfall

Am 23. August 2015, es war ein Sonntag, fuhr Lara, die seit exakt fünf Wochen 16 Jahre alt war, nachmittags mit ihrem lilafarbenen Fahrrad die L 810 entlang zu einem Reitverein. Sie wollte sich zu einem Turnier anmelden, hinterher wollte sie zu ihrem Reitpferd Chianti, das sie gerade zum Geburtstag bekommen hatte.

Was dann passiert ist, ist nicht völlig geklärt, aber es wird sich etwa so zugetragen haben: An einer Stelle, an der Lara auf die andere Seite der Landstraße wechseln musste, stoppte sie am rechten Rand, um die Autos vorbeizulassen. Eine Urlauberfamilie, auf dem Weg zur Nordsee, bremste für Lara, bedeutete ihr, sie könne die Straße überqueren. Das versuchte sie auch. Im selben Moment, es war 16.15 Uhr, überholte ein Mercedes, der Wagen eines damals 25-Jährigen aus dem Ort, in hohem Tempo das Urlauberauto.

In dem Zeitungsartikel in der Klarsichthülle in dem lilafarbenen Ordner von Laras Mutter steht: „Die jugendliche Radfahrerin erlag noch an der Unfallstelle ihren schweren Verletzungen.“

Jetzt befindet sich dort, am Straßenrand, ein Kreuz. Ein helles, lackiertes Holzkreuz, es steht gar kein Name drauf, aber drum herum sind liebevoll Blumen und Windlichter arrangiert, und auf einem ausgesägten Pferdchen, das an einem Pfahl hängt, steht „Lara“. Das Kreuz hat der Großvater von Lara aufgestellt, der Vater ihres Vaters.

Lara kam am 19. Juli 1999 in Wilhelmshaven zur Welt. Sie war fünf, als sich ihre Eltern trennten, ihre Schwester vier Jahre älter. 2010 zog Lara mit ihrer Mutter zu deren neuem Lebensgefährten, die große Schwester entschied sich für den Vater. In dem neuen Haus war Platz, auch auf dem Grundstück, Lara bekam das Pony Moritz geschenkt, und weil Ponys nicht allein sein dürfen, kam später noch ein kleiner Esel dazu, Kasimir, genannt Kasi.

Die Tiere, das war Laras Welt. Anderen Menschen gegenüber war sie meist zurückhaltend, bei Pferden lebte sie auf. Lara wollte Tierarzthelferin werden, am Freitag vor ihrem Tod wurden die Bewerbungsfotos gemacht. Die Bilder stecken im Ordner und stehen im Wohnzimmerregal: „Zu brav“, sagt Laras Mutter und lächelt. „Zu gestriegelt.“

An dem Sonntagnachmittag hatte Laras Mutter Migräne und blieb im Haus. Sie hörte das Klappen der Polizeiautotüren, sie blickte aus dem Fenster, sie dachte nicht an Lara. Aber als die Beamten ins Haus kamen und sie sah, wie sie sie anschauten, da wusste sie es.

Ein Brief an die Tochter

Ein junger Polizist saß auf der Couch und weinte, ein älterer Polizist redete. „Ich habe ihn erst mal zusammengeschissen“, erzählt Laras Mutter. „Wieso sie ihre Scheißblitzer nur da aufstellen, wo sowieso alle 50 fahren, und nicht da, wo es nötig ist.“ Das war ungerecht. Aber dass Lara tot war, das war auch ungerecht.

Laras Mutter fuhr mit ihrem Lebensgefährten zu ihrem Ex-Mann und der großen Tochter und erzählte es ihnen. Sie tat da, was man vorher für sie getan hatte: berühren, halten, Wasser zu trinken geben, Zucker für die Energie.

Laras Mutter berichtet von einer Bekannten, die kurz nach dem Unfall Laras Fahrrad am Straßenrand liegen gesehen hatte, von einem Freund von Lara, der zur Unfallstelle kam und wegen der Straßensperrung nicht weiterfahren konnte, von der Seelsorgerin, die Lara identifiziert hatte. Sie alle seien da gewesen, in der Nähe ihrer Tochter: „Lara war nicht allein.“

Wenn Laras Mutter erzählt, liegt oft ein kleines Zögern in ihren Sätzen. Als würde sie erst in sich hineinhorchen, ob das, was sie sagen will, es wert ist, gesagt zu werden. So vieles ist unwichtig geworden seit Laras Tod. Die kaputte Tasse, die Beule im Auto, du lieber Himmel.

Sie schlief nicht in den Nächten nach dem Sonntag. Sie schrieb einen Brief an Lara, einen Brief für die Trauerfeier, den sie nicht selbst vorlesen konnte, das musste der Pastor tun. Vier Seiten voller Leben, und eine Feststellung, die dem Tod die Macht abspricht, Menschen zu trennen: „Sie ist bei uns, wir sind bei ihr.“

Am Mittwochabend nach Laras Tod kroch eine Kröte über die Terrasse von Laras Vater. Ungefähr zur selben Zeit tauchte eine Kröte am Haus von Laras Mutter auf. „Kröte“ war der liebevoll-ironische Spitzname, den Laras Vater seiner Tochter gegeben hatte. Am Morgen der Trauerfeier, als Laras Mutter im Bad vor dem Spiegel stand, hörte sie Laras Stimme: „Ich komme gleich.“ Sie antwortete: „Du kannst nicht kommen.“ Aber sie spürte, dass das nicht stimmte. Lara war nicht verschwunden.

Laras Mutter war acht, als ein Cousin von ihr starb. Onkel und Tante schwiegen danach viel. Laras Mutter wollte nicht schweigen. Sie wollte nicht in der Ecke sitzen und den ganzen Tag weinen.

Reden. Was tun. Rausgehen ins Leben. Briefe und Mails schreiben und von Lara erzählen und erzählt bekommen. Das Pony Moritz und den Esel Kasi versorgen, die Box ausmisten. Laras Mutter hatte nie was mit Pferden am Hut, sie hat die Tiere von ihrer Tochter übernommen. Vor allem das Pony brauchte Aufmerksamkeit, es ließ wochenlang den Kopf hängen, buchstäblich. Inzwischen lernt Laras Mutter sogar reiten.

Sie kümmert sich um das Grab und das Kreuz an der Unfallstelle, auch zusammen mit ihrem Ex-Mann, der Streit von früher ist verflogen. Neulich ist jemand vorbeigefahren, als Laras Mutter an der Unfallstelle war, und hat später eine Nachricht geschickt: „Ich habe dich bei deiner Tochter gesehen.“ Das tat Laras Mutter gut.

Gerade um das Kreuz kümmern sich aber auch Laras Freunde. Und sie kommen öfter zu Besuch, an Laras Geburtstagen ist die Bude voll, es wird gleichzeitig gelacht und geweint. Es wird immer was gebacken, das Lara mochte, Schokomuffins zum Beispiel. „Lara weiterleben lassen“, nennt das ihre Mutter. Zu jedem Geburtstag von Lara gibt es eine Anzeige in der Zeitung, ganz schlicht, Name, Daten, Herz. Auch wenn Lara nicht mehr älter wird. „Forever sixteen“, sagt ihre Mutter und lacht, ein kleines bisschen, dann wird sie still.

Musik kann sie noch nicht so gut haben. Wenn an Weihnachten die Verwandten da sind und singen, geht sie raus. Stille Sonntage fallen ihr aber auch schwer. „Die Stille erstickt mich.“

Nur ein Strafbefehl

Laras Mutter ist Ergotherapeutin in einer Klinik, gibt auch Sportkurse. Als sie wieder anfing zu arbeiten, kam eine Frau auf sie zu, umarmte sie und heulte hemmungslos. Laras Mutter musste die Frau trösten, nicht umgekehrt. Ein Mann aus einem Kurs dagegen begrüßte sie wie immer: „Tschakka!“ Das war ihr lieber.

Eine Zeit lang wollten viele mit ihr über Laras Tod reden, das war gut, dann wurden es weniger, das tat weh. Dass die Schulklasse zum Abschluss der zehnten Klasse Pullover für alle mit allen Namen bedrucken ließ, auch mit Laras Namen, das tat gut. Manchmal sagt jemand: „Es ist schon so lange her.“ Das tut weh. Laras Mutter sagt: „Lange her, das gibt es nicht.“

Der junge Mann, der Lara totgefahren hat, bekam einen Strafbefehl über 2700 Euro, außerdem neun Monate Fahrverbot. Laras Vater war empört, es gibt Zeugen, die den Fahrer als Verkehrsrowdy darstellen. 2700 Euro, das sei doch nichts, sagt auch Laras Mutter. Und neun Monate Führerscheinentzug? Sie holt Luft, sie atmet aus. Es habe neun Monate gedauert, Lara auf die Welt zu bringen.

Aber eigentlich geht es ihr nicht um Schuld. Der junge Mann hat ihr und Laras Stiefvater einen Brief geschrieben, es tue ihm leid. Für Laras Mutter klang es, als habe sein Anwalt oder ein Therapeut ihm zu dem Brief geraten. Doch er sei bestimmt gestraft fürs Leben, sagt sie. Sie lauscht dem Satz einen Moment hinterher.

Nein, es werde nicht leichter mit der Zeit, sagt sie. Es werde anders. Sie hat vor Kurzem einen zweiten Ordner angefangen, ein paar Seiten sind schon eingeheftet.

Wie hat Laras Tod sie verändert? Laras Mutter schaut kurz aus dem Fenster, zum friesisch blauen Himmel. Sie sagt, sie sei stärker geworden. Man kann das auch sehen, wenn man ihr Gesicht mit einem Foto von früher vergleicht. Klarere Züge, größere Entschlossenheit, mehr Selbstbewusstsein.

So etwas Ähnliches hatte sie kurz vor ihrem Tod auch bei Lara gesehen. „Sie sah reifer aus. Sie war an ein Ziel gekommen. Es war alles rund.“

Laras Mutter schweigt eine kleine Weile. „Lara ist mir nahe“, sagt sie dann. „Sie hilft mir.“

Unfallkreuze: Nicht erlaubt, aber toleriert

Etwas mehr als 3000 Menschen sterben nach Angaben des Deutschen Verkehrssicherheitsrats jährlich in Deutschland im Straßenverkehr. Das sind weniger als halb so viele wie früher: Vor 20 Jahren waren es jedes Jahr 7000 bis 8000 Tote.

Die Zahl der Unfallkreuze am Straßenrand hat im gleichen Zeitraum deutlich zugenommen. Unfallkreuze sind nicht erlaubt, werden von den Behörden aber meist toleriert, wenn sie keine Gefahr für den Straßenverkehr darstellen.

Auch früher gab es vereinzelt Unfallkreuze, meist aus Stein, als Aufforderung, für die Seelen der Toten zu beten. Seit den Neunzigerjahren ist das Aufstellen und Schmücken von Holzkreuzen nach Unfällen einer Untersuchung der Ethnologin Christine Aka zufolge („Unfallkreuze – Trauer am Straßenrand“, Waxmann-Verlag Münster) nahezu ein Brauch geworden.

Die Autorin zeigt, dass der Unfallort für die Hinterbliebenen oft eher mit dem plötzlichen Tod verbunden ist als ein Grab, er helfe beim Akzeptieren der Realität und bei der Trauer, auch, weil es sich um einen öffentlich wahrnehmbaren Platz handelt. Die Kreuze sind dabei manchmal nur ein Todessymbol, sie stehen nicht unbedingt für eine religiöse Haltung.

Von Bert Strebe

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