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Der Norden Das Jahr des Baumsterbens im Harz: Wie geht es nach der Katastrophe weiter?
Nachrichten Der Norden Das Jahr des Baumsterbens im Harz: Wie geht es nach der Katastrophe weiter?
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11:56 13.12.2019
„Nicht einmal ältere Kollegen haben so etwas erlebt“: Michael Rudolph von den Niedersächsischen Landesforsten zeigt einen fast kahlen Hang bei zwischen Torfhaus und Altenau im Oberharz. Quelle: Sebastian Stein
Torfhaus/Altenau

Wenn Förster Michael Rudolph auf den Hang im Harz bei Torfhaus blickt, sieht er die Katastrophe der vergangenen zwei Jahre in einem einzigen Bild. Die letzten Fichten, die hier noch stehen, verlieren ihre Nadeln. Die Bäume färben sich grau und rot. Die Rinde blättert vom Stamm. Rudolph von den Niedersächsischen Landesforsten neigt nicht zum Übertreiben. Aber heftige Stürme, extreme Trockenheit und eine schier unfassbare Menge an Borkenkäfern haben eine nie da gewesene Spur der Verwüstung hinterlassen. Der Wald ist am Ende.

Allein hier in der Blochschleife zwischen Torfhaus und Altenau im Oberharz sind in diesem Jahr 65 Hektar Wald abgestorben, in ganz Niedersachsen insgesamt 10.000 Hektar. Damit das Sterben nicht weiter geht, fällen Waldarbeiter im Revier die vom Borkenkäfer befallenen Bäume. Jetzt, im Winter, ziehen sich die Schädlinge zurück. Wenn es nach den Förstern geht, sollen sie nicht wiederkommen.

„Wir haben ein massives Schadholzangebot“: Michael Rudolph zeigt die durch Borkenkäferlarven gezeichnete Rinde von gefällten Fichten. Quelle: Sebastian Stein

Im Tal unterhalb des Hangs türmen sich die Holzberge. Hunderte Stämme liegen fein säuberlich aufgestapelt am Wegesrand. „Wir haben ein massives Schadholzangebot“, sagt Rudolph. Holz ist das Kapital der Landesforsten – und damit auch des Landes Niedersachsen, dem die Wälder gehören. Das Überangebot hat in Europa zu einem Preissturz auf dem Holzmarkt geführt. Derzeit gebe es nur 40 bis 50 Euro für den Kubikmeter. Das sei etwa die Hälfte des Normalpreises.

Nicht einmal die alten Kollegen haben so etwas erlebt

Derzeit stößt Rudolph bei Wanderern wie Einwohnern häufig zunächst auf Unverständnis für die massiven Fällungen. Er müsse häufig erklären, was hier im Harz gerade passiert. „Ich will, das andere wissen, das uns das kein Geld bringt.“ Dabei fällt es ihm selbst nicht leicht, die Situation zu fassen. Rudolph ist seit 30 Jahren Förster. Nicht einmal ältere Kollegen hätten so etwas erlebt, sagt er.

Schon 2018 verzeichneten die Landesforsten fast 6 Millionen Euro Defizit in ihrer Bilanz. Es wird mehr als 60 Jahre dauern, bis die Förster hier wieder Holz ernten können. Die Folgen sind noch gar nicht richtig abzusehen. Auch, weil es ökologische Probleme gibt. Der Wald ist einerseits Opfer des menschengemachten Klimawandels und soll andererseits als CO2-Speicher zum Klimaschutz beitragen. Zwar bleibt das CO2 auch nach dem Fällen in verarbeitetem Holz gebunden, der Lebensraum für Tiere verschwindet aber unwiederbringlich.

Das Baumsterben ist auch ein hausgemachtes Problem

Warum gerade der Harz ein solcher Brennpunkt des Baumsterbens ist, verrät ein Blick in die Vergangenheit. Es ist auch ein hausgemachtes Problem. Rudolph erklärt es mit einigen seiner Lieblingsfotos aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die sogenannten Kulturfrauen pflanzten Fichte für Fichte in den Harzer Boden. „Damals gab es kein anderes Saatgut und man brauchte das Bauholz“, sagt Rudolph. Die so in den Vierzigerjahren angelegten Monokulturen mit nur einer Baumart sind heute besonders anfällig, etwa für Wetterextreme – und den Borkenkäfer.

„Damals gab es kein anderes Saatgut“: Nach dem Zweiten Weltkrieg pflanzten die sogenannten Kulturfrauen fast ausschließlich Fichten im Harz. Quelle: Susanne Döpke

Wie unterschiedlich die Reaktionen vor Ort auf das Baumsterben sind, lässt sich in der Blochschleife beobachten. Hier verläuft quasi eine neue Grenze durch den Harz. Auf der einen Seite liegen die Flächen der Landesforsten, auf der anderen Seite die des Nationalparks. Zwar starben auf beiden Seiten viele Bäume ab, sichtbar wurde die Grenze aber durch den Kahlschlag aufseiten des Forstamtes. Die in den Vierzigerjahren in mühevoller Handarbeit gesetzten Fichten fielen dort Forstmaschinen zum Opfer, die binnen weniger Minuten mehrere Bäume zerlegen. Sie fällen, damit der Käfer nicht wiederkommt. Sie produzieren Löcher im Harz wie in einem Käse.

Im Nationalpark ist der Borkenkäfer kein Problem

Der Nationalpark, auf der anderen Seite der Grenze, überlässt die Sache der Natur selbst. Hier sterben die Bäume langsam ab, brechen zusammen, bleiben liegen. Die Verantwortlichen setzen auf eine natürliche Walderneuerung. Für sie ist der Borkenkäfer keine Plage, kein ökonomischer Schaden. Sabine Bauling, die stellvertretende Leiterin des Parks, spricht bloß von einer „gewaltigen Dynamik“. Nur Schutzgebiete ohne wirtschaftliche Nutzung wie der Nationalpark könnten eine Antwort geben, wie die Natur auf den Klimawandel reagiere, sagt sie. Daher sei es wichtig, dass der Mensch in den Kernzonen weiterhin nicht eingreife.

„Die Situation der letzten beiden Jahre war eine Ausnahme, wie es sie in dieser Form noch nicht gab“: Sabine Bauling, stellvertretende Leiterin des Nationalparks Harz. Quelle: Sabrina Gorges/dpa

Am Rand des Nationalparks sieht das gegenwärtig noch anders aus. Dort gibt es eine sogenannte Pufferzone von 500 Metern, wo Landesforsten und Park gemeinsam gegen die weitere Ausbreitung des Borkenkäfers auf das Revier der Förster kämpfen und ausnahmsweise auch im Nationalpark Bäume fällen. Unter normalen Umständen habe sich der Pufferstreifen bewährt, meint Bauling vom Nationalpark. „Die Situation der letzten beiden Jahre war eine Ausnahme, wie es sie in dieser Form noch nicht gab.“ Der Nationalpark hatte deshalb im Herbst angekündigt, 400.000 Laubbäume zu pflanzen – unter anderem Rotbuchen, Ebereschen und Bergahorne. Das könnte dann tatsächlich einer der letzten großen Eingriffe im Nationalpark sein, bevor hier in einigen Jahrzehnten wieder eine Art ursprünglicher Naturwald steht.

Wie sieht der Wald der Zukunft aus?

Wie sich der Wald in den Landesforsten entwickelt, hängt hingegen von anderen Faktoren ab. Ob sich der explosionsartig vermehrende Borkenkäfer an die Pufferzone hält und nicht weiter auf die Flächen der Forstämter fliegt, mag Rudolph zu bezweifeln. „Das ist eine tickende Zeitbombe.“ Unabhängig davon werden die Förster nach dem Kahlschlag wieder Bäume pflanzen. Damit der Wald dann ökologisch stabiler wird, planen sie einen Mischwald. Doch die Aufforstung ist teuer. 8000 bis 10000 Euro pro Hektar koste das für die kahlen, steilen Flächen, meint Rudolph. Eine neue Monokultur aus Fichten können sich die Waldbesitzer nicht noch einmal leisten.

Den Bäumen im Harz geht es nicht gut. Förster Michael Rudolph führt durch den Wald und zeigt die Folgen von Stürmen, Dürre und Schädlingen.

Wie der Wald der Zukunft im Harz aussehen könnte, der auch widrige Umstände überlebt, zeigt Rudolph in einem kleinen Waldstück wenige Kilometer weiter. Hier stehen riesige 80 Jahre alte Douglasien. Alle Bäume glänzen grün, kein Borkenkäfer ist in Sicht. „Ein riesiger Schatz an Wissen, steht in diesem Testgebiet“, meint Rudolph. Ob die Douglasie unter veränderten klimatischen Bedingungen tatsächlich nicht anfällig ist, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

Sieht so der Wald der Zukunft aus? Die noch grünen Douglasien in einem kleinen Waldstück sind bislang nicht vom Borkenkäfer befallen. Quelle: Sebastian Stein

Grundsätzlich hat der Baum der Fichte einiges voraus: Er verträgt Kälte besser und braucht weniger Wasser. Rund vier Prozent der Flächen könnten damit im Harz bepflanzt werden, meint Rudolph. Die Douglasie wäre dann neben Buche und Fichte das dritte Standbein der Förster. Aber diese Prognosen hält Rudolph noch für zu früh. „Der Gau wäre, wenn sich die Katastrophe 2020 wiederholt.“

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Von Sebastian Stein

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