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Der Norden Sexarbeit an Niedersachsens Landstraßen: „Sie vergessen, dass du ein Mensch bist“
Nachrichten Der Norden Sexarbeit an Niedersachsens Landstraßen: „Sie vergessen, dass du ein Mensch bist“
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20:13 29.12.2019
Rita aus Nigeria. Verborgen hinter einem Vorhang sieht sie durch das Fenster ihres Campers. Quelle: Lehrenkrauss/Rohrscheidt
Gifhorn/Wolfsburg

Draußen rasen Scheinwerfer vorbei, es ist Nacht an einer Bundesstraße bei Wolfsburg. In einer Nische am Waldrand parkt ein Wohnmobil, am Fenster leuchtet eine herzförmige Lichtergirlande. Drinnen wartet Rita, 24. Übers Meer, das sie hasst, flüchtete sie aus Nigeria, jetzt bedient sie Männer. Gerade ist ein Kunde mit einem sehr speziellen Wunsch da. 100 Euro will er zahlen. Geld, das fürs erste die Miete für ihren Camper sichert. Rita bekreuzigt sich, zieht den Vorhang zu, dann stellt sie sich zur Verfügung. Der Zuschauer ahnt, dass der Freier beginnt, seine Fantasie in die Tat umzusetzen.

Mit Augen voll Trauer erzählt Rita später im spärlich beleuchteten Wohnmobil von ihrer Arbeit, die Worte kommen langsam. „Diese Männer – sie sind ekelhaft. Sie vergessen, dass du ein Mensch bist. Sie benutzen dich nur.“ Blinkende Herzen draußen am Wohnmobil? Nur missbrauchte Symbole.  

Seit Langem wollte die Regisseurin diesen Film machen

Die Erschütterung der jungen Frau ist einer der bewegenden Momente aus dem neuen Dokumentarfilm „Lovemobil“. Regisseurin Elke Lehrenkrauss, 40 Jahre alt und in Gifhorn aufgewachsen, hat ein Jahr lang das Leben von Prostituierten im Milieu begleitet. Es ist ein Film, den sie seit Langem machen wollte, oft fuhr sie selbst vorbei an diesen Wohnwagen. Sein eigentlicher Beginn ist vielleicht der Moment, als sie eine afrikanische Frau im dunklen deutschen Wald am Rand einer niedersächsischen Bundesstraße sah. Es war der Augenblick, von dem Lehrenkrauss glaubt, dass er in einer Sekunde festhielt, was Prostitution ausmacht: „Dieses unsägliche Bild steht für Globalisierung, Kapitalismus und Ausbeutung.“

Hinter der Frontscheibe wartet Milena auf Kunden. Quelle: Lehrenkrauss/Rohrscheidt

Bei Kräutertee und Kaffee erzählt Elke Lehrenkrauss in einer Berliner Küche sehr aufgeräumt von ihrem Projekt. Inzwischen hat der Film einen erfolgreichen Weg hinter sich. Er lief auf vielen Festivals, bekam Auszeichnungen und schaffte es in die Vorauswahl zum Deutschen Filmpreis 2020. Da ist es wohl ein Glück, dass Lehrenkrauss ihre erste Idee verwarf: „Zuerst dachte ich an einen experimentellen Kurzfilm, Interviews, die in assoziative Bilder montiert werden“, was sehr nach Nachtprogramm im Spartensender klingt. Stattdessen ist ein Film entstanden, der tiefe Einblicke in ein Milieu erlaubt, das sich üblicherweise vor neugierigen Blicken abschottet. Es ist zynisch und brutal, manchmal fürsorglich und mitfühlend und immer ein Geschäft.

„Ich will ja an das Schmerzhafte ran“

Das Projekt begann schwierig. Lehrenkrauss klopfte an Türen vieler Wohnmobile und erzählte von ihrem Plan, doch was sie hörte war: „Nö. Nö. Nö.“ Jede verschlossene Tür gefährdete den Film ein bisschen mehr. Manche Frauen sagten zu, stiegen nach ersten Gesprächen aber wieder aus. „Ich will ja an das Schmerzhafte ran, die Oberfläche interessiert mich nicht, da haben viele Frauen dicht gemacht“, sagt Lehrenkrauss. Schmerzhaft ist das, was Menschen oft vor sich selbst verbergen wollen. Lehrenkrauss glaubt deshalb, dass sich Kamera und Interview nur Prostituierte stellen können, die schon auf dem Absprung aus dem Gewerbe sind.

Weil Beharrlichkeit für Dokumentarfilmer praktisch zum Handwerk gehört, suchte Elke Lehrenkrauss also weiter nach Protagonisten. Dann lief ihr Uschi über den Weg. Wie alle Menschen im Film ohne Nachnamen, dafür mit Raucherstimme, widerspenstigen Haaren und hausgemachtem Englisch. Ihr Geschäft ist es, Wohnmobile zu vermieten. Uschi versteht, wie übel es da draußen zugehen kann. Manchmal, wenn Rita reden möchte, hört sie zu, erklärt ihre Sicht aufs Leben und wie man Männer am besten behandelt. Doch bei allem Verständnis verlangt sie ihr Geld, jeden Tag.

Uschi (links) tröstet Rita. Quelle: Lehrenkrauss/Rohrscheidt

Auch Freier ließen sich bereitwillig filmen

Die ehemalige Prostituierte Uschi war für Elke Lehrenkrauss der Türöffner ins Milieu. Das Filmteam traf Rita und Milena, eine 23 Jahre alte Bulgarin, die mit dem Versprechen nach Deutschland gelockt wurde, als Putzfrau arbeiten zu können. Vertrauen der Prostituierten gewann sie im gemeinsam verbrachten öden Alltag. Stundenlang saß die Regisseurin in Wohnmobilen. Stunden, in denen nichts passierte. Mit Uschi musste Holz gehackt werden, weil das gerade wichtiger war als der verabredete Interviewtermin. Über die Frauen lernte Lehrenkrauss Freier kennen, die sich bereitwillig filmen ließen. Kurz gesagt: Nun war echtes Leben möglich, eine hautnahe Dokumentation statt experimenteller Kunst. Sie begann, an ihren Film zu glauben. Am Ende hatte sie 100 Stunden Material zusammen. Für den Film flogen als Erstes alle Sexszenen raus.

Der Zuschauer spürt die Düsternis und Einsamkeit

Elke Lehrenkrauss erzählt diese Geschichten vom Leben und Sexarbeiten mit Bildern, die sich Zeit nehmen. Schnelle Schnitte gibt es nicht. Man spürt die Langeweile hinter Frontscheiben, an denen Scheinwerfer vorbei rasen, die Düsternis und Einsamkeit. Die Angst vorm nächsten Mann, der klopft und vielleicht derjenige ist, der während der Dreharbeiten zwei Kolleginnen ermordete. Milena berichtet von Freiern, die Zigaretten auf Körpern ausdrücken wollen, für die schlagen und würgen zum Sex gehört, und die glauben, auf Misshandlungen ein Recht zu haben, wenn sie nur bezahlen.

Von Winter zu Winter begleitete Regisseurin Lehrenkrauss die Prostituierten. Quelle: Lehrenkrauss/Rohrscheidt

„Lovemobil“ verzichtet auf jeden Kommentar, was den Dokumentarfilm konzentrierter macht. Lehrenkrauss fragt, aber weder rückt sie sich ins Bild, noch hört man ihre Stimme. Die Beteiligten reden. Das gilt auch für die zentrale Szene des Films. Uschi trifft im schneebedeckten Wald einen Pfarrer, der öfters an den Campern vorbei kommt. Im Schnee stehen sie vor einem Wohnmobil. Er wirft ihr vor, die Not von Prostituierten fürs eigene Geschäft auszubeuten, sie kassiert ja die Miete. Uschi sieht das anders, ihr Argument ist der freie Wille. Rita ist da, also will sie es, ganz einfach. „Ist doch ihre Entscheidung. Ich geb ihr Arbeit.“

„Diese Frauen machen es aus wirtschaftlicher Not“

Die Bilder und die Gesichter im Film sagen etwas anderes. „Sie sind unfreiwillig Freiwillige. Alle finden es schrecklich, aber kaum eine geht“, sagt Elke Lehrenkrauss nach all ihren Begegnungen. Ihre Einstellung zur Prostitution hat sich verändert. „Vor dem Film habe ich gedacht, dass mehr Frauen freiwillig dabei sind. Aber diese Frauen in den Wohnmobilen machen es aus wirtschaftlicher Not und nicht, weil sie sich irgendwie in ihrem Feminismus ausdrücken wollen.“ Milena zum Beispiel will aufhören. Aber wo soll das Geld für ihren kleinen Bruder herkommen, den sie in Bulgarien unterstützt? Wie kann Rita wenigstens in einem sicheren Nachtklub arbeiten, wenn der Chef nur Weiße nimmt, weil seine Kunden schwarze Frauen nicht wollen?

Milena, kurz nachdem sie von der Ermordung einer Kollegin erfahren hat. Quelle: Lehrenkrauss/Rohrscheidt

Für Elke Lehrenkrauss ist mit diesem Film, ihr bislang größtes Vorhaben, eine stressige Zeit zu Ende gegangen. Als der Filmschnitt beginnen musste, wurde ihre Tochter geboren, an eine Babypause war nicht zu denken. Also lag neben dem Computer das Neugeborene. Lehrenkrauss gefällt diese Freiheit, anstrengend, dafür ohne Bürozeiten. „Ich muss eine Idee haben“, sagt sie, „und am Ende muss ein fertiger Film herauskommen, das spornt mich total an. Man weiß nicht, was morgen ist, aber ich mag das.“

In dieser Art sind die nächsten Projekte geplant. Das Porträt einer Femen-Aktivistin, die Mutter geworden ist, gehört dazu. Auf Kuba begleitet sie eine Gruppe homosexueller Tänzer, um den gesellschaftlichen Wandel im Land zu beschreiben. Es sind Filme über Menschen am Rand der Gesellschaft, die tun, was ihnen wichtig ist. Offenbar hilft ihnen dabei eine Neigung, nicht so sehr ans Morgen zu denken.

Plant schon ihre nächsten Projekte: Regisseurin Elke Lehrenkrauss. Quelle: Uli Gaulke

Das ist Elke Lehrenkrauss

Elke Lehrenkrauss wurde 1979 in Gifhorn geboren.Nach dem Abitur studierte sie in Luzern und Lausanne Videotechnik, es folgte ein Abschluss an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Ihre Abschlussarbeit porträtierte ein Ehepaar, das nach langer Trennung wieder zusammenfand. Bei einem Aufenthalt auf Kuba entstand eine Dokumentation über Kuhhirten, die auf 3Sat gesendet wurde. Lehrenkrauss lebt in Berlin und Gifhorn. Der Dokumentarfilm „Lovemobil“ ist, nach Auszeichnungen auf mehreren Festivals, in der Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis 2020. In deutsche Kinos kommt der Film Anfang März aus Anlass des Internationalen Frauentages.

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Von Gunnar Menkens

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