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Der Norden Ein Jahr nach Gerichtsurteil: Affe Robby genießt sein Leben im Zirkus
Nachrichten Der Norden Ein Jahr nach Gerichtsurteil: Affe Robby genießt sein Leben im Zirkus
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19:11 20.10.2019
Klaus Köhler nimmt eine Speichelprobe bei Robby. Im Labor zeigt sich später: Der Affe hat keinen Stress. Quelle: Alexandra Dörnath
Hannover

Robby ist mit 48 Jahren längst ein Affenopa, älter als die meisten Schimpansen in Zoos jemals werden. Doch immer noch ist er ein Charmeur. Aus bernsteinbraunen Augen blickt er Besuchern von seinem Wagen im Zirkus aus aufmerksam ins Gesicht. Solchen die er mag, und das sind besonders oft Frauen, gibt er die Hand. Gern streichelt er mit dem ledrigen Daumen über ihren Handrücken, zupft dort mit seinen langen schwarzen Fingernägeln vielleicht noch zaghaft ein paar Härchen zurecht. Es kommt sogar vor, dass er einen Apfel verschenkt.

Was zurzeit auf dem Zirkusplatz in Hannover-Marienwerder zu beobachten ist, wirkt sehr entspannt. Und ein Jahr nach dem Urteil des Oberverwaltungsgerichts (OVG) Lüneburg, wonach Robby endgültig im Circus Belly bleiben darf, ist es auch wissenschaftlich belegt – mit regelmäßigen „Stresstests“ anhand von Speichelproben. Im Rahmen der gerichtlichen Auseinandersetzung ist Robby bundesweit als „Ausnahmeaffe“ bekannt geworden, wie ihn die HAZ als Erste nannte. „Dieser Ausnahmeschimpanse hat keinen Stress“, sagt Tierärztin Alexandra Dörnath. Die Menschenaffenexpertin aus Bremen war im Zuge des juristischen Tauziehens um Robby auf die Zirkusfamilie Köhler gestoßen und betreut Robby seitdem ehrenamtlich.

Robby lässt sich gern kitzeln

Vor dem OVG hatte Dörnath das Ergebnis einer ersten Speichelprobe des Schimpansen präsentiert, analysiert vom Primatenzentrum in Göttingen. Die Werte des Hormons Kortisol, das ein Stressanzeiger ist, hat sie nun ein Jahr lang gemessen. Robbys Kortisolwerte liegen demnach, wie sich durchgehend bestätigte, im unteren, für in Gruppen im Zoo gehaltenen Schimpansen bekannten Referenzbereich. Robby ist also entspannter als die meisten Zoo-Schimpansen. Um auch Skeptiker zu überzeugen, nehmen Dörnath und Zirkusdirektor Klaus Köhler monatlich solche Speichelproben, zu unterschiedlichen Tageszeiten und in verschiedenen Situationen. „Robby ist selbst bei Ortswechseln total entspannt,“ sagt die Veterinärin. Die Ergebnisse hat sie schon bei internationalen Kongressen vorgetragen. Der Affe genieße es, wenn ihm das Watteschwämmchen in den Gaumen geschoben wird: „Er liebt es, damit gekitzelt zu werden.“

Schimpanse Robby genießt die Gesellschaft von Zirkusdirektor Klaus Köhler und Labradoodle Ted. Das zeigt sich in den unterschiedlichsten Situationen.

In Marienwerder, zwischen den Wohn- und Lastwagen von Circus Belly, tollen Zirkusdirektor Klaus Köhler und Labradoodle Ted mit Robby herum. Die beiden verbringen täglich Stunden im Wagen und Außengehege des Affen. Robby mag Ballspiele, aber auch das Malen auf einer Tafel. Er spritzt gern mit Wasser herum, unermüdlich krault er Mensch und Hund. Köhler ruft den Schimpansen „Schatz“ oder „mein Junge“ und nennt sich selbst seinen Papa. „Natürlich gehört Robby zur Familie“, versichert er – genau wie die 18 von 25 Personen, die in dem Zirkus beschäftigt sind.

Robby ist auf Menschen geprägt

Klaus Köhler ist 70 Jahre alt. Das Gerichtsurteil, sagt der Zirkuschef, habe ihm eine Riesenlast von den Schultern genommen. Denn die Richter haben erkannt, dass es Robby am besten bei den Menschen hat, auf die er seit seiner Kindheit geprägt ist. Der Schimpanse ist wohl der letzte seiner Art, der noch in einem Zirkus lebt.

Natürlicherweise leben Menschenaffen in einer Gruppe. In diesem speziellen Fall aber wäre der Umzug in eine Wildtierstation vermutlich tödlich geendet. Zum einen hat Robby nie gelernt, sich gegenüber Artgenossen zu behaupten. „Wahrscheinlich hätte er aber schon vorher einen Herzinfarkt bekommen, wenn man ihn der Familie Köhler weggenommen hätte“, meint Dörnath.

Die Tierärztin, die über Menschenaffen promoviert hat und in Bremen eine Praxis für exotische Tiere betreibt, hat ihr ehrenamtliches Engagement nach dem Urteil weiter verstärkt. Seit einem Jahr ist sie Tierschutzbeauftragte des Circus Belly. Unter anderem ist sie bei Ortswechseln in Robbys Transportwagen mitgefahren und hat sich daran erfreut, wie neugierig er nach draußen blickt und Passanten grunzend grüßt. „Dank einer Spende bekommt er jetzt eine neue Fensterscheibe, um noch besser herausgucken zu können“, erzählt sie.

Schimpansen-Kompetenzzentrum geplant

Dörnath selbst hat eine Markise als Sonnenschutz für Robbys Außengehege spendiert. Sie will zudem ein Schimpansen-Kompetenzzentrum gründen, wo Kinder und Erwachsene über das Verhalten von Menschenaffen aufgeklärt werden. Die Besucher werden auf Wunsch in den Vorstellungspausen jetzt schon zu Robby geführt. Dessen Gehege ist – aus Sicherheitsgründen – vergittert, die Stäbe sind zudem für Robby eine willkommene Klettermöglichkeit. Der Affe lässt sich aber auch in der Manege blicken, wo ansonsten außer den Artisten noch Kamele, Hunde, Pferde, Ponys, Riesenschlangen, Lamas und Alligatoren zu sehen sind. Manchmal wirft der Schimpanse Kindern Bälle zu oder schlägt Purzelbäume – aber nur, wenn er Lust hat, wie Köhler versichert: „Wir zwingen Robby zu nichts.“

Den Tierrechtlern, die das nicht glauben mögen, hat das Urteil vor einem Jahr deutlich Wind aus den Segeln genommen. Ab und zu komme noch eine Handvoll von ihnen mit Flugblättern bei einer Zirkusvorstellung vorbei, erzählt Köhler. Weiter würden Plakate zerstört, Peta und Co. schrieben zudem stets die Städte an, in denen Circus Belly gastiert. Dabei sieht nach jedem Ortswechsel ohnehin ein Amtstierarzt nach dem Rechten. Beanstandungen habe es nie gegeben, sagt Köhler. Nicht einmal der Kreis Celle, der Robby abholen wollte, hatte an dem Zirkus etwas auszusetzen.

Robby versteht seinen „Papa“

Klaus Köhler ist vor ein paar Tagen nach Berlin gefahren, als Zuschauer zu einer Anhörung „Haltung von Wildtieren im Zirkus“ im Bundestag. Es ging um ein mögliches Verbot. Leute aus der Praxis seien dort so gut wie nicht zu Wort gekommen, das ärgert ihn. „Tiere brauchen Beschäftigung“, sagt der Schimpansen-,,Papa“ – und ruft seinem „Jungen“ zu, der möge sich den Wassertrog und dann einen Schlauch holen, um daraus zu trinken. Man könnte meinen, Robby versteht jedes Wort.

Vom 24. bis 27. Oktober gastiert Circus Belly in Marienwerder, Garbsener Landstraße. Vom 31. Oktober bis 17. November ist ein Gastspiel in Döhren, Schützenallee 10, vorgesehen – mit Vorstellungen jeweils von donnerstags bis sonntags. Besucher können sich in den Pausen ein Bild von Robby machen.

Jahrelanger Kampf um Robby vor Gericht

Der inzwischen 48 Jahre alte Schimpanse Robby ist in einem Zoo geboren und lebt seit 45 Jahren bei der Zirkusfamilie Köhler. Jahrzehntelang trat er im Circus Belly auf, bevor Tierrechtler von Peta auf ihn aufmerksam wurden und sich mit dem Antrag an das Veterinäramt Celle wandten, Robby müsse in eine Gruppe von Artgenossen in einer Wildtierstation umgesiedelt werden.

Der Landkreis Celle ist für die Kamele, Pferde, Hunde und den Affen der Familie Köhler zuständig, die ihren Wohnsitz in Wietzendorf im Heidekreis hat. Das liegt daran, dass Circus Belly seit vielen Wintern regelmäßig auf dem Celler Schützenplatz zum „Weihnachtscircus“ Station macht. 2015 verfügte der Kreis, dass Robby den Zirkus verlassen und in eine auf die Resozialisierung von Menschenaffen spezialisierte Einrichtung in den Niederlanden gebracht werden müsse.

Mehrere Gerichte befassten sich mit dem Fall. Gegen ein Urteil des Landgerichts Lüneburg ließ das Oberverwaltungsgericht Lüneburg (OVG) Berufung zu. Am 8. November 2018 entschied das OVG endgültig, dass der Affe im Zirkus bleiben darf.Ein Umzug würde dem auf Menschen geprägten Schimpansen mehr schaden als nützen.

Von Gabriele Schulte

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