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Der Norden Polizei Niedersachsen kämpft mit Künstlicher Intelligenz gegen Kinderpornos
Nachrichten Der Norden Polizei Niedersachsen kämpft mit Künstlicher Intelligenz gegen Kinderpornos
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20:13 16.01.2020
Bei der Polizei Niedersachsen übernimmt künftig eine Software mit künstlicher Intelligenz die erste Suche nach Kinderpornos in beschlagnahmten Datenmengen. Das soll die Beamten entlasten und Zeit sparen. Quelle: Rainer Dröse
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Hannover

Alarmierende Zahlen: Die Anzahl der in Niedersachsen verbreiteten Kinderpornos ist 2019 gegenüber dem Vorjahr um rund 75 Prozent gestiegen. Das hat eine vorläufige Auswertung des Landeskriminalamtes (LKA) ergeben. Außerdem sind demnach die Fälle von Kindesmissbrauch um etwa 20 Prozent nach oben geschnellt. Im Kampf gegen dieses Problem hat die Polizei nun eine bundesweit einmalige Software entwickelt: Mittels Künstlicher Intelligenz (KI) findet diese brisante Fotos und Videos in sichergestellten Datenmengen. Hoffnung ist, dass sich damit eine deutlich schnellere Auswertung der Datenmengen und eine geringere Belastung für die Beamten erzielen lassen.

Laut LKA-Chef Friedo de Vries gab es in Niedersachsen zuletzt jährlich immer etwa 1300 bis 1400 Fälle von Kinderpornografie – mit Stand November 2019 waren es bereits 1636. Der Anstieg sei ein Ausfluss der eigenen Recherchen, von Hinweisen aus dem Ausland und der Zunahme etwa von sogenannten Sexting-Nachrichten unter Kindern beziehungsweise Jugendlichen. Damit sind verschickte Nacktfotos des eigenen Körpers oder noch heikleres Material gemeint, das irgendwann an der ganzen Schule oder sogar im Internet kursiert.

„Hässliche Fratze der Digitalisierung

Landesinnenminister Boris Pistorius (SPD) bezeichnet Kinderpornografie als „die hässliche Fratze der Digitalisierung“. Früher habe es ausgereicht, Hefte oder Kassetten einfach aus dem Verkehr zu ziehen. Heute würden die Daten auf einfachsten Wegen über das Internet weiterverbreitet. Das Bundeskriminalamt bekam beispielsweise aus den USA im vergangenen Jahr mehr als 100.000 Hinweise für Deutschland, zwei Jahre zuvor waren es lediglich 40.000.

Der Anstieg bedeutet zugleich auch mehr Daten. Um dieser Flut weiter Herr zu werden, hat das LKA eine spezielle Software mit künstlicher Intelligenz entwickelt. Diese durchforstet alle beschlagnahmten Bilder und Videos nach entsprechenden Inhalten. Am Ende bekommen die Ermittler nur noch die Dateien präsentiert, die seitens der KI als Kinderpornos eingestuft wurden. Bereits jetzt seien bei Tests 89 Prozent der als brisant eingestuften Dateien auch tatsächlich Kinderpornos gewesen, heißt es vom LKA.

21 Fotos pro Sekunde

Das Internet führe inzwischen zu enormen Datenmengen, sagt Pistorius. „Mit immer mehr Personal allein können wir diesen abscheulichen Taten nicht begegnen.“ Allein das LKA Niedersachsen beschlagnahmte 2018 im Zusammenhang mit Kinderpornos 1314 Terabyte. Zum Vergleich: Auf einen Terabyte passen etwa eine Million Fotos. Während ein Ermittler pro Sekunde ein Bild bearbeitet, nimmt sich die Software in derselben Zeit 21 Fotos vor. Da sie zudem rund um die Uhr arbeitet, schafft sie 4,75 Terabyte in weniger als drei Tagen – ein Polizist braucht dafür ein Jahr. Derzeit sitzen die Beamten mitunter Wochen oder Monate an einzelnen Datensätzen – und am Ende haben nur rund 25 Prozent der überprüften Daten kinderpornografische Inhalte.

Durch die KI könne auch die Ermittlungszeit reduziert werden, sagt de Vries. Bislang liegt sie wegen der langen Auswertezeit bei rund neun Monaten. „So haben die Kollegen künftig wesentlich mehr Zeit für die eigentliche Ermittlungsarbeit“, betont der LKA-Chef. „Nun sind wir schneller und dichter dran.“

Dauerhafte Belastung reduzieren

Doch nicht nur die Zeitersparnis ist ein Ziel: Die Beamten werden durch die Software auch wesentlich weniger belastet. Zuspruch für den Test kommt daher von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Wenn unsere Kollegen dann am Ende tatsächlich weniger Dateien anschauen müssen, wird die extreme, dauerhafte Belastung reduziert“, sagt Landeschef Dietmar Schilff. Diese müsse zu Recht „auf ein Mindestmaß“ gesenkt werden.

Laut Pistorius haben bereits andere Bundesländer Interesse an der Software aus Niedersachsen bekundet. Das Pilotprojekt startet landesweit im Februar. Während der Testphase bis Jahresende werde das Programm eng überwacht und fortlaufend weiterentwickelt. „Wir wissen um unsere besondere Verantwortung in diesem sensiblen Kriminalitätsbereich und vertrauen den Maschinen nicht blind“, sagt de Vries.

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