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Der Norden Krank durch Pestizide? Warum der Gärtner Ulli Elixmann vor Gericht zieht
Nachrichten Der Norden Krank durch Pestizide? Warum der Gärtner Ulli Elixmann vor Gericht zieht
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19:20 22.08.2019
Hannover

Mit Gift hat Ulli Elixmann über Jahrzehnte hantiert. Schädlingsbekämpfung, Unkrautvernichtung, keimfreie Böden – für alles Mögliche gab es ein Mittel. Mal mischte der Gärtner das Gift mit bloßer Hand, mal blies er mit dem Mund eine verstopfte Spritzdüse davon frei. Nun versagt ihm sein rechter Arm oft den Dienst, gelegentlich zittert die Hand, das rechte Bein schleppt hinterher, und manchmal scheint er in die Gegend zu starren. Der frühere Gärtner aus Hagen am Teutoburger Wald leidet an Parkinson, und er ist überzeugt: Die Pestizide, die er sorglos anmischte und versprühte, haben ihn krank gemacht. Vor dem Sozialgericht Osnabrück kämpft der 59-Jährige darum, dass Parkinson als Berufskrankheit anerkannt wird. Er versteht sich auch als Streiter für andere: „Wenn es so kommt, werden auch viele Landwirte davon profitieren.“ Sie würden dann eine Rente aus der Unfallversicherung bekommen.

Es geht nicht nur um Glyphosat

Während in den USA Tausende wegen des Unkrautvernichters Glyphosat gegen das Chemieunternehmen Bayer klagen, das unter anderem Krebs verursacht haben soll, steht Elixmann in Deutschland mit seiner Klage allein. Es gehe ihm um keine einzelne Firma und kein spezielles Mittel, betont er. Die Hersteller wie die Berufsgenossenschaften hätten insgesamt zu wenig vor den Gefahren der verschiedenen Pestizide gewarnt, das sollte nun auch öffentlich werden. „Bis jetzt läuft alles in eine positive Richtung“, meint der Gärtner. Denn kürzlich hat ein Ärztlicher Sachverständigenbeirat der Bundesregierung festgestellt, dass bestimmte Bestandteile von Pestiziden oder ihre Kombination das Nervenleiden Parkinson möglicherweise hervorrufen können.

Es sei die „generelle Geeignetheit für eine Berufskrankheit“ erkannt worden, bestätigt eine Sprecherin des Arbeitsministeriums in Berlin. Langwierig untersucht werden müsse aber noch, ob es eine gruppentypische Risikoerhöhung gibt: „Hierbei handelt es sich um die Prüfung, ob Personen, die beruflich den schädigenden Einwirkungen ausgesetzt waren, ein erheblich höheres Risiko gegenüber der Allgemeinbevölkerung haben.“ In Frankreich wird das seit 2012 so gesehen, an Parkinson leidende Landwirte können dort bereits eine Berufskrankheit geltend machen.

Auch Landwirt betroffen

Elixmann, der 2006 die Diagnose Parkinson bekam, freut sich, dass seine Symptome im Vergleich zu vielen anderen Patienten vergleichsweise leicht sind. An diesem Morgen hat er beispielsweise mit vier sportinteressierten Nachbarinnen auf seiner Terrasse spezielle Gymnastik gemacht – sogenannte BIG-Übungen mit großen Arm- und Beinschwüngen, die der für die Krankheit typischen Verlangsamung und Verkleinerung der Bewegungen entgegenwirken. „Die habe ich in der Reha gelernt“, erzählt der Frührentner. Er engagiert sich zudem als Umweltbeauftragter seiner Gemeinde, die gerade auf dem Weg ist, glyphosatfrei zu werden. Und er pflegt Kontakte zu Gärtnerkollegen, einer Floristin und mehreren Bauern, die ebenfalls einen Zusammenhang ihrer Parkinson-Erkrankung mit den Pestiziden vermuten.

Beim niedersächsischen Bauernverband ist das Thema bisher noch nicht angekommen. „Uns liegen da keine Hinweise von Landwirten vor“, sagt ein Sprecher. Auch Gustav Glüsenkamp in Bissendorf-Jeggen (Kreis Osnabrück) hat sich noch an keinen Verband, sondern zunächst an seinen Leidensgenossen Elixmann gewandt. Der Landwirt bekam vor fünf Jahren die Diagnose Parkinson, inzwischen ist ihm schon die Pflegestufe 4 bescheinigt worden. „Schon Jahre vorher war aufgefallen, dass er sich komisch bewegte und häufig zitterte“, erzählt seine Frau Marie-Luise Glüsenkamp. Mittlerweile betreffe die Krankheit auch das Gedächtnis.

Mit dem bloßen Arm durchgerührt

An den jahrzehntelangen Umgang mit den Schädlingsbekämpfungsmitteln erinnert sich der 78-Jährige allerdings noch gut: „Wenn die Mischung fertig war, bin ich oft mit dem bloßen Arm reingegangen und hab das durchgerührt.“ Für den 78-Jährigen liegt ein Zusammenhang mit den Pestiziden nah, die er über Jahrzehnte reichlich verwendet hat. „Man wusste ja damals nicht, dass man aufpassen muss mit dem Zeug.“ Sollte Ulli Elixmann mit seiner Klage Erfolg haben, hofft Gustav Glüsenkamp, wird das auch ihm zugute kommen.

Bei der für beide zuständigen Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forst und Gartenbau wartet man die weiteren Ergebnisse des Sachverständigenbeirates ab. „Die Anerkennung von Parkinson als Berufskrankheit würde voraussetzen, dass die Erkrankung wesentlich durch die Verwendung von Pestiziden bedingt ist“, sagt eine Sprecherin. Wenn das so sei, würden Betroffene Leistungen aus der Gesetzlichen Unfallversicherung erhalten.

Für Elixmann wäre es ein großer Erfolg, wenn sein Einsatz so belohnt würde. Ein Anliegen ist ihm aber auch, dass die Menschen die möglichen Gefahren erkennen. „Weihnachtsbäume von Plantagen zum Beispiel“, sagt er. „Die Leute wissen oft gar nicht, wie voll mit Pestiziden die sitzen.“ Er selbst ist immer noch gern Hobbygärtner, an diesem Tag hat er mit seiner Frau im Garten des Einfamilienhauses Tomaten, Gurken und Zucchini geerntet. Alles aus Bio-Anbau? „Da können Sie sicher sein.“

Von Gabriele Schulte

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