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Der Norden GEW-Chefin Pooth warnt: „Die Lehrer wandern ab“
Nachrichten Der Norden GEW-Chefin Pooth warnt: „Die Lehrer wandern ab“
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07:12 27.12.2019
Immer mehr Lehrer wollen nach Angaben der Gewerkschaft GEW von Niedersachsen in ein anderes Bundesland wechseln. Das sagt die Vorsitzende Laura Pooth. Quelle: dpa
Hannover

Mehr Geld für die Bildung - und das schnell: Die Landeschefin der Gewerkschaft GEW, Laura Pooth, nimmt die Landesregierung in die Pflicht. Der Handlungsbedarf sei erkannt worden, doch die Umsetzung dauere viel zu lange. „Es geht um die Finanzierung, alles andere ist Kleckerkram“, sagte Pooth der Deutschen Presse-Agentur.

Welche Note geben Sie Kultusminister Tonne für 2019?

Noten sagen nichts über den Leistungsstand aus. Ich bin froh, dass mein Sohn an einer Integrierten Gesamtschule ist und endlich fundierte Rückmeldung kriegt und nicht mehr irgendeine Ziffer, die nichts über die Entwicklung aussagt. Zu Herrn Tonne: Die Zeit der Mini-Schritte ist vorbei. Jetzt muss der große Wurf kommen. Der Minister versucht im Rahmen seiner Möglichkeiten, Schritte hinzubekommen, aber er muss sich gegen Finanzminister Hilbers und Ministerpräsident Weil durchsetzen. Tonne muss das Geld durchboxen.

Welche Forderungen nehmen Sie mit ins neue Jahr?

Die Bezahlung von Grund-, Haupt- und Realschullehrern muss auf das Niveau der Gymnasiallehrer steigen. Derzeit liegen 300 bis 500 Euro im Monat dazwischen. Außerdem muss die Zwangsteilzeit für die pädagogischen und therapeutischen Fachkräfte an den Schulen abgeschafft werden, sonst droht ihnen die Altersarmut. Und die Lehrer brauchen Entlastung. Tonne muss die Lehrkräfte gesund im System halten. Viele erreichen gar nicht mehr die Regelaltersgrenze.

Das Einstiegsgehalt eines Grundschullehrers beträgt auch so von März an mehr als 3700 Euro brutto. Davon können viele andere Berufseinsteiger nur träumen.

Das ist ein ordentliches Gehalt. Aber es geht um Gerechtigkeit. Die Bezahlung muss angehoben werden, weil der Lehrermangel an diesen Schulen besonders groß und das Studium gleichwertig ist. Die Schulformen, die nicht Gymnasium heißen, haben auch die größten Herausforderungen bei Zuwanderung und Inklusion. Hamburg und andere Bundesländer haben die Angleichung schon angekündigt. Wenn wir in Niedersachsen nicht nachziehen, werden wir zur Insel. Die Lehrer wandern ab. Und neu ist, dass sie als Begründung angeben: „Ich will in ein anderes Land, weil ich da mehr verdiene.“ Das hatten wir bisher nicht, da ging es bei Versetzungsanträgen hauptsächlich um Familienzusammenführungen.

Von den pädagogischen und therapeutischen Fachkräften sollen zunächst 400 Beschäftigte in Vollzeit wechseln können. Wie soll entschieden werden, wer aufstocken darf und wer nicht?

Wenn es mehr als 400 Anträge gibt, will das Ministerium auf die Dauer der Betriebszugehörigkeit schauen. Wer länger dabei ist, darf zuerst aufstocken. Aber das darf nur ein Zwischenschritt sein. Das Recht auf Vollzeit muss für alle gelten.

Wie wollen Sie für mehr Entlastung sorgen?

Eine Kommission im Auftrag des Kultusministeriums ist 2018 zu dem Schluss gekommen, dass das Land zur Entlastung 2447 neue Stellen schaffen müsste. Trotzdem sieht das Ministerium bisher nur eine Erhöhung um rund 1400 Stellen vor. Das ist natürlich zu wenig.

Der Nationale Bildungsrat, der die Schulsysteme in Deutschland vergleichbarer machen sollte, droht zu scheitern. Ein Verlust?

Was soll dieser Bildungsrat denn machen? Leistungsvergleiche bringen uns nicht weiter. Eigentlich müsste es darum gehen, dass sich die Länder verständigen, wie man mehr Geld zusammenbekommt. Der Bund hatte sich 2008 das Ziel gesetzt, zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung auszugeben – das wurde nicht nur nicht erreicht, sondern man entfernt sich immer weiter davon. Es geht um die Finanzierung, alles andere ist Kleckerkram.

Wie ist es um die Digitalisierung der Schulen bestellt?

Es fehlen die Konzepte. Es reicht nicht, den Schulen einmal Geld zu geben, wenn die Schulleitungen nicht wissen, was sie damit machen sollen. Im Silicon Valley haben sie gemerkt, dass die Kinder mit den digitalen Geräten alles Mögliche machen, nur nicht lernen. Auch die Lehrer müssen fortgebildet werden. Und wenn Lehrer weiter mit der Tafel arbeiten wollen, ist das völlig in Ordnung.

2019 war auch ein Jahr der Hassverbrechen. Nehmen Anfeindungen und Bedrohungen an den Schulen zu?

Wir nehmen eine Verrohung der Sprache wahr. Wenn ich Schulformen habe, die einen gewissen Teil der Gesellschaft aussondern, dann habe ich da auch schlechte Stimmung und ein erhöhtes Aggressionspotenzial. Und wenn die Lehrer dann auch noch mit viel zu großen Klassen konfrontiert sind, dann sind Aggression und Verrohung das Ergebnis. Die Belastung hat zugenommen. Wenn ich Kollegen frage, ob sie körperliche Gewalt erleben, ist die Antwort aber fast immer: Nein.

Zur Person: Laura Pooth (41) ist in Gifhorn aufgewachsen und lebt heute mit Ehemann und Sohn in Oldenburg. Seit 2017 ist sie GEW-Landeschefin, zuvor war sie sechs Jahre lang stellvertretende Vorsitzende. Studiert hat sie Haupt- und Realschullehramt.

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