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Der Norden Warum ein Landwirt aus Eiderstedt eine gefährdete Vogelart retten will
Nachrichten Der Norden Warum ein Landwirt aus Eiderstedt eine gefährdete Vogelart retten will
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00:00 21.11.2019
Landwirt Claus Ivens widmet sich dem Überleben der Trauerseeschwalbe. Hier zeigt er zu Demonstrationszwecken ein ausgestopftes Exemplar. Quelle: Ulf Dahl
Kotzenbüll

Manchmal ist es zum Verzweifeln für jemanden, der sich den Schutz der Natur zur Aufgabe gemacht hat. Wenn mal wieder ein Minister zwischen den Stühlen sitzt und deshalb nichts bewegt. Wenn in neuen EU-Richtlinien die Natur vergessen wird. Oder wenn wichtige Entscheidungsträger große Worte machen, aber keine Taten folgen lassen. Claus Ivens aus Kotzenbüll auf Eiderstedt hat schon viel erlebt. Oft wollte er den Kopf in den Sand stecken und aufgeben. Aber Claus Ivens ist zäh. Und er liebt die Natur. So kämpft er auch mit 78 Jahren immer weiter. Ein kleiner Vogel ist ihm dabei besonders ans Herz gewachsen: die Trauerseeschwalbe, die stellvertretend dafür steht, wie es der Natur in der Gegend in Schleswig-Holstein geht.

Mitten im saftigen Marschland von Eiderstedt liegt Ivens’ Hof. Bis vor Kurzem hielt er hier Bullen. Seine Weiden hat er inzwischen verpachtet. Seitdem verwaltet er „nur noch“, wie er sagt, drei Höfe mit insgesamt 300 Hektar Land. Laut bellend begrüßen die beiden Labrador-Damen „Dana“ und „Emmi“ den Besuch. „Man immer hereinspaziert“, sagt Claus Ivens. Ein wacher Blick auf das Reporterteam aus Kiel – und man kann förmlich seine Gedanken lesen: „Wat dat nu wedder warden schull ...“ Als seine Frau Wilma (71) von der Aktion „Nicht meckern, machen“ hört, muss sie lachen. „Er macht beides ziemlich gut.“

Claus Ivens’ Geschichte ist Teil unserer Serie „Nicht meckern, machen“

Ivens setzt sich hinter seinen großen Schreibtisch und kramt erst einmal einige Unterlagen hervor. Den Jahresbericht der Trauerseeschwalbe beispielsweise – ein dickes Heft fürs Ministerium, in dem er auflistet, wie es um die Trauerseeschwalbe steht. „Leider sieht es nicht gut aus“, sagt er. „In den Fünfziger-, Sechzigerjahren gab es hier auf Eiderstedt rund 1500 Brutpaare, inzwischen sind es gerade einmal 17.“ Ist das Insektensterben schuld? „Nee, so einfach ist das nicht“, sagt Ivens und erzählt von den Siebzigern, als die Weidewirtschaft umgestellt wurde. Statt ruhiger Ochsen grasten nun Bullen auf den Flächen. Das sind Temperamentsbolzen, die nicht mehr mit Wassergräben in Schach gehalten werden konnten. Stattdessen kamen Elektrozäune nach Eiderstedt.

Ein fragiles System ist durcheinander geraten

„Diese Umstellung hatte leider zwei Folgen“, sagt Claus Ivens und erzählt von trockengelegten Wassergräben und solchen, die mit Schilf und Fadenalgen zuwuchsen. Er berichtet von derart moderigem Wasser, dass kein Fisch und kein Frosch darin überlebt hat. Das ist schlecht für die Trauerseeschwalbe, denn sie braucht etwa den Dreistachligen Stichling als Nahrung für ihre Jungen. Die zweite Folge war, dass die Tiere auf den Weiden nun nicht mehr aus den Gräben tranken, sondern zu den Tränkekuhlen trabten. „Aber genau hier, im Uferbereich, baut die Trauerseeschwalbe ihre Nester“, erläutert der Landwirt. Deren Gelege wurden von da an einfach zertrampelt. Die Natur ist ein fragiles System. Schnell kann da ein kleiner Vogel auf der Strecke bleiben.

Der Kotzenbüller Landwirt Claus Ivens und die Trauerseeschwalbe. Quelle: Ulf Dahl

Doch damit will sich Claus Ivens nicht abfinden. Seit Jahrzehnten kämpft er für die Trauerseeschwalbe und die Natur. Vor 14 Jahren gründete er den Verein Weideland Eiderstedt, der sich unter anderem dafür starkmacht, dass die Wassergräben gepflegt werden. Jedes Jahr setzt er mit Mitstreitern Tausende von Stichlingen und Moderlieschen in eigens angestauten Gräben aus als Nahrung für die Schwalben. Mit dem Naturschutzbund Kiel baut er im Frühjahr Brutflöße für die Getränkekuhlen.

75 verschiedene Lebewesen im Wassergraben

„Leider haben die meisten den Kontakt zur Natur verloren“, sagt Ivens und holt ein Schulbuch hervor, in dem er mit seinem Hof beschrieben wird. „1992 kam eine Schulklasse aus Berlin bei mir vorbei“, erzählt er schmunzelnd. „Die waren ganz überrascht, dass es mich wirklich gibt.“ Seine Wassergräben sind übrigens die helle Freude für jeden Naturfreund. „75 verschiedene Lebewesen wurden dort bei einer Untersuchung entdeckt“, erzählt er strahlend. „Vom Schlammpeitzger bis zum Großen Kolbenwasserkäfer war alles dabei.“ Bei seinem Nachbarn, der die Gräben leer laufen lässt, seien dagegen gerade mal drei Schneckenarten gefunden worden.

Der Kotzenbüller Landwirt Claus Ivens setzt sich für den Erhalt der vom Aussterben bedrohten Trauerseeschwalbe auf Eiderstedt ein.

Wenn sich die Natur entfalten darf, steckt sie voller Wunder. So ein Schlammpeitzger, ein Süßwasserfisch, beispielsweise ist faszinierend. Da er Luft schlucken und bei Bedrohung aus dem Hinterteil wieder abgeben kann, wird er auch Furzgrundel oder Gewitterfurzer genannt. Kann man mit solchen Geschichten denn nicht Aufmerksamkeit bei der Jugend bekommen? Ivens schüttelt den Kopf. „Alles, was die Menschen nicht sehen können, hat es schwer, geschützt zu werden“, sagt er, kramt in seinen Unterlagen und fischt eine Schularbeit von 1957 hervor: „Vögel unseres Hofes“, seine Abschlussarbeit, die er mit 16 an der Realschule verfasst hat. Die Trauerseeschwalbe, die in Afrika überwintert, war auch damals schon ein Thema für ihn. „Sie ist perfekt geeignet, um zu vermitteln, wie es unserem Lebensraum geht. Sie macht das Problem für alle sichtbar.“

Traum von der intakten Natur

Wenn Ivens gleich mit den Hunden seine übliche Runde dreht, träumt er manchmal von der perfekten Natur. Die 5000 Kilometer langen Gräben, die Eiderstedt durchziehen, sind dann voller Wasser und Leben. Überall sind blühende Weiden. Unzählige Trauerseeschwalben schwirren in der Luft auf der Jagd nach Insekten. Für Claus Ivens ist klar: Für so eine intakte Natur lohnt es sich zu kämpfen.

Bis zum Sonnabend porträtiert die HAZ gemeinsam mit den „Kieler Nachrichten“, der „Ostsee-Zeitung“ aus Rostock, dem „Hamburger Abendblatt“ und NDR Info Menschen, die Dinge mit viel Engagement verändern und verbessern wollen. NDR Info sendet die Geschichten morgens um 7.48 Uhr und eine Wiederholung im Laufe des Vormittags.

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