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Der Norden Missbrauchsfall Lügde: Jugendamt hatte schon früh Hinweise auf Pädophilie
Nachrichten Der Norden Missbrauchsfall Lügde: Jugendamt hatte schon früh Hinweise auf Pädophilie
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14:46 19.03.2019
Tjark Bartels (SPD), Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont, stellt den Abschlussbericht im Missbrauchsfall Lügde vor. Quelle: dpa
Hameln

Im Fall des tausendfachen Missbrauchs auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde sind am Dienstag weitere schwerwiegende Fehler im Jugendamt des Landkreises Hameln-Pyrmont bekanntgeworden. Das Hamelner Jugendamt war für die Pflegetochter des 56-Jährigen Hauptverdächtigen Andreas V. verantwortlich. Wie Landrat Tjark Bartels (SPD) am Dienstag einräumte, hatte sein Jugendamt ausreichende Hinweise darauf, dass V. möglicherweise pädophil war und das Mädchen missbraucht haben könnte. Die Hinweise hätten laut Bartels ein Einschreiten erforderlich gemacht – doch die zuständigen Betreuer hätten keine Gefährdung des Kindeswohls erkannt. Bartels entschuldigte sich erstmals bei den Opfern.

Hinweise aus Akte gelöscht

Zugleich räumte der Landrat einen weiteren schwerwiegenden Fall von Aktenmanipulation im Jugendamt seines Landkreises ein. Teile der Akte mit einem Hinweis auf die mögliche Pädophilie von Andreas V. wurden kurz vor dem öffentlich Bekanntwerden der Missbrauchsfälle im Dezember 2018 von einer Mitarbeiterin des Jugendamtes gelöscht. Darin wurde dargestellt, dass der Mann immer wieder Kontakt zu jüngeren Mädchen suche und sie in ein Abhängigkeitsverhältnis bringe.

Der Hinweis auf die neuerliche Aktenmanipulation sei von der Staatsanwaltschaft gekommen, erklärte Bartels am Dienstag. Die Mitarbeiterin wurde freigestellt. Bereits vor einem Monat hatte der Landkreis den Leiter des Jugendamts freigestellt, nachdem dieser zugegeben hatte, dass Teile der Akte frisiert wurden.

Jahrelanger Missbrauch auf Campingplatz in Lügde

Im Dezember 2018 war bekannt geworden, dass auf dem Campingplatz in Lügde Kinder jahrelang sexuell missbraucht wurden, darunter die Pflegetochter des Hauptverdächtigen V. Der arbeitslose Dauercamper soll gemeinsam mit einem Komplizen über Jahre hinweg Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben. Sein Pflegekind setzte er den Ermittlungen zufolge ein, um andere Opfer anzulocken. Nach bisherigen Erkenntnissen gab es seit 2008 auf dem Campingplatz an der Landesgrenze zu Niedersachsen mehr als 1000 Fälle.

Neben dem 56-Jährigen V. sitzen ein 33-jähriger mutmaßlicher Mittäter aus Steinheim sowie ein 48-Jähriger aus Stade, der den Missbrauch im Internet verfolgt haben soll, in Untersuchungshaft. Gegen weitere Männer wird ermittelt, auch Polizei und Jugendämter stehen in der Kritik. Schon 2016 gab es auch bei der nordrhein-westfälischen Polizei Hinweise auf übergriffiges Verhalten des 56-Jährigen – sie wurden nicht verfolgt.

Drei unabhängige Hinweise

Die Pflegetochter war im Mai 2016 auf Wunsch der Mutter vom Jugendamt in Hameln in den Nachbarlandkreis in die Obhut des 56-Jährigen übergeben worden. Bartels räumte am Dienstag ein, dass schon im selben Jahr eine Jobcenter-Mitarbeiterin, ein anderer Vater und eine Kindergarten-Psychologin unabhängig voneinander jeweils den Verdacht äußerten, dass V. pädophil sein könnte. Diese Hinweise seien auch in den Akten vermerkt. In der Vergangenheit hatte der Landrat immer nur von Hinweisen auf die vermüllten Wohnverhältnisse in den Akten gesprochen.

Jedem einzelnen Hinweis sei nachgegangen worden, die Mitarbeiter hatten diese aber jeweils als unbegründet eingeschätzt, sagte Bartels. „Es war ein Fehler, dass die Hinweise in einer Gesamtschau nicht richtig interpretiert wurden.“

Sozialministerin Reimann zeigt Unverständnis

Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann äußert sich bestürzt über die neuen Enthüllungen. „Mir ist unverständlich, wie das Jugendamt Hameln-Pyrmont drei Hinweise innerhalb eines halben Jahres falsch würdigen konnte – hier zeigt sich eine fatale Fehleinschätzung“, sagte sie am Dienstag. Hinsehen und handeln, das sei im Kinderschutz oberste Maxime. „Wenn ausgerechnet die, die die Kinder schützen sollen, ihrer Verantwortung zum Kinderschutz nicht in vollem Umfang nachkommen, dann ist das inakzeptabel“, sagte die Ministern.

Von Lisa Neugebauer

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