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Der Norden Baby zu Tode geschüttelt? Angeklagter Vater bestreitet Vorwurf
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Landgericht Hildesheim: Baby zu Tode geschüttelt? Vater bestreitet Vorwurf

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14:48 05.11.2021
Der angeklagte Vater sitzt im Gerichtssaal im Landgericht Hildesheim.
Der angeklagte Vater sitzt im Gerichtssaal im Landgericht Hildesheim. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
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Hildesheim

Weil er sein Baby zu Tode geschüttelt haben soll, muss sich ein Vater seit Freitag vor dem Landgericht Hildesheim verantworten. Der 33-Jährige soll Ende März den knapp drei Monate alten Jason so heftig misshandelt haben, dass der Säugling massive Hirnblutungen erlitt und fünf Tage später an den Folgen seiner Verletzungen starb. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Deutschen, der vor Jasons Geburt Drogen- und Alkoholprobleme hatte, Totschlag vor. Er wurde am 1. April festgenommen und sitzt in Untersuchungshaft.

Im Gerichtssaal wirkt der schlanke, blasse Angeklagte im weinroten Wollpullover emotional gefasst. Ohne Regung verfolgt er, wie der Staatsanwalt die Anklage vorträgt. Demnach war der Mann mit dem einen Tag zuvor geimpften Kind allein in der Wohnung, während seine Lebensgefährtin mit ihrer Mutter in der Stadt unterwegs war. Am frühen Abend soll Jason, der an dem Tag viel geschrien hatte, das Schütteltrauma erlitten haben. Wenig später wählte der Vater den Notruf. Eine Aufzeichnung des neunminütigen Gesprächs wird im Gerichtssaal vorgespielt.

Vater in Panik: „Mein Kind stirbt gerade, Alter!“

Der Vater sagt, sein Sohn habe sich beim Milchtrinken verschluckt. „Der ist schon ganz blau.“ Heulend versucht der Mann, nach den telefonischen Anweisungen des Rettungssanitäters das Baby wiederzubeleben. „Mein Kind stirbt gerade, Alter!“, schreit er panisch.

Die Abläufe des Tages selbst schildern will der Angeklagte nicht. „Ich habe dazu ja alles erzählt“, sagt er mit heller, fester Stimme. Die Haftrichterin und ein Gutachter berichten deshalb als Zeugen von ihren Gesprächen mit dem 33-Jährigen.

Angeklagter: „Ich habe ihn nicht geschüttelt“

„Ich habe ihn nicht geschüttelt“, sagte der Vater dem psychiatrischen Gutachter, als dieser ihn im Juli im Gefängnis besuchte. „Das könnte ich auch gar nicht.“ Er könne mit Kindern gut umgehen und sei wirklich schockiert gewesen, als er erfahren habe, dass ein Schütteltrauma vorliegt. Möglicherweise habe er beim Reanimieren Fehler gemacht.

Auch der Notarzt, ein Neurochirurg und ein leitender Oberarzt sagen am ersten Verhandlungstag als Zeugen aus. Das Baby wurde zunächst in ein Hildesheimer Krankenhaus gebracht und dann in die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) verlegt, wo es noch in der Nacht zwei Mal operiert wurde.

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Nach Schätzungen erleiden jedes Jahr in Deutschland 100 bis 200 Babys und Kleinkinder ein Schütteltrauma infolge von Misshandlungen. „Wenn Eltern für einen kurzen Moment die Kontrolle verlieren und ihr schreiendes Baby schütteln, können sie ihm schwere Schäden zufügen, die zu körperlicher und geistiger Behinderung führen können“, warnt das 2017 gegründete Bündnis gegen Schütteltrauma. 10 bis 20 Prozent der betroffenen Kinder sterben Experten zufolge an den Folgen.

Das vom Bundesfamilienministerium finanzierte Bündnis veröffentlicht Aufklärungs-Broschüren in verschiedenen Sprachen. Dass man Babys nicht schütteln darf, wusste der 33-Jährige, wie er dem Gutachter im Gefängnis sagte. „Er geht davon aus, dass das Kind einen Impfschaden erlitten hat“, sagt sein Verteidiger in einer Verhandlungspause.

Urteil wohl noch im November

Nach Aussage des Neurochirurgen aus der MHH ist auch eine abgerissene Brückenvene im Gehirn ein starker Hinweis darauf, dass das Baby Gewalt erfahren hatte. „Es ist kein Auto gefahren, es kann noch nicht laufen, es hat keinen Sturz auf eine Kante gegeben.“ Leider hätten die meisten so jungen Patienten mit derartigen gravierenden Hirnverletzungen ein Schütteltrauma hinter sich.

Der Prozess wird am 12. November fortgesetzt. Insgesamt sind sechs Verhandlungstage geplant. Das Urteil könnte am 24. November gesprochen werden.

RND/dpa