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Der Norden Bischof Wilmer: „Auch ich bekomme Hassbriefe und Hassmails“
Nachrichten Der Norden Bischof Wilmer: „Auch ich bekomme Hassbriefe und Hassmails“
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09:00 20.12.2019
„Der Zölibat könnte mehr Strahlkraft entwickeln, wenn man ihn für bestimmte Personenkreise freistellen würde“: Bischof Heiner Wilmer. Quelle: Chris Gossmann

Herr Bischof, Sie haben jetzt einen Priester beurlauben müssen, der beschuldigt wird, in den Achtzigerjahren sexualisierte Gewalt ausgeübt zu haben. Wann ist das Missbrauchsthema in der katholischen Kirche erledigt?

Ich fürchte, dass uns die Debatte um sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch noch länger begleiten wird. Ein Ende sehe ich so nicht. Aber wir sind fest entschlossen, gegen jede Form von sexualisierter Gewalt vorzugehen.

Im aktuellen Fall haben Sie die Gemeinde des Beschuldigten in Duderstadt informiert und auch seinen Namen genannt. Was, wenn an dem Vorwurf am Ende nichts dran ist?

Es ist so oder so heikel. Aber nichts zu tun, geht nicht. Wir nehmen die Aussagen der betroffenen Frau sehr ernst, haben die Staatsanwaltschaft informiert und kirchenintern eine Vorprüfung durch einen ehemaligen Richter eingeleitet. Die Ergebnisse werden wir abwarten. Natürlich gilt auch hier die Unschuldsvermutung.

Unter anderem die Missbrauchsskandale haben bewirkt, dass katholische Bischöfe und Laien jetzt bei einem „Synodalen Weg“ über Reformen beraten. Wie sehen Sie die Erfolgschancen? Wichtige Entscheidungen können die deutschen Katholiken doch gar nicht treffen, das ist Rom vorbehalten.

Dass sich völlig unterschiedliche Gruppen gemeinsam auf den Weg machen, um Kirche zu gestalten, ist schon ein Wert an sich. In der Geschichte sind von Gläubigen einzelner Länder immer wieder Impulse für die gesamte Kirche ausgegangen; da brauchen wir Ausdauer und Geduld. Und bei einigen Themen können wir sehr wohl aktiv werden, etwa bei der Teilhabe von Laien. In Hildesheim werden wichtige Entscheidungen schon jetzt nicht mehr von oben nach unten getroffen. Wir haben im Bistum einen Vermögensverwaltungsrat mit externen Experten, der über die Finanzen entscheidet. Und nach 1200 Jahren wird mit Anja Terhorst im März erstmals eine Frau Finanzchefin des Bistums.

Ein seit Jahren diskutiertes Thema ist der Zölibat, die verpflichtende Ehelosigkeit für Priester. Was wäre da Ihre Wunschvorstellung?

Auch in Zukunft wird es Priester geben, die zölibatär leben. Ich kann mir aber vorstellen, dass es daneben weitere Lebensformen gibt, die wir teils ja heute schon haben, etwa bei verheirateten evangelischen Pastoren, die zur katholischen Kirche übertreten. Ich denke, der Zölibat könnte mehr Strahlkraft entwickeln, wenn man ihn für bestimmte Personenkreise freistellen würde. Das wird aber noch Diskussionen brauchen. Ich bin gespannt auf die Überraschungskraft des Heiligen Geistes.

Völlig abwesend scheint der Heilige Geist bei gesellschaftlichen Debatten, etwa um die Frage der Migration. Da herrscht oft ein sehr rauer Ton. Erleben auch Sie, dass die Diskussion bei manchen Themen sehr aggressiv wird?

Auch ich bekomme Hassbriefe und Mails, die unterhalb eines erträglichen Niveaus liegen. Meist lösche ich sie, in zwei Fällen sind wir auch schon juristisch dagegen vorgegangen. Es gibt Grenzverletzungen, die wir nicht hinnehmen dürfen. Ich habe den Eindruck, wir alle sind kurzatmiger und dünnhäutiger geworden. Es ist unsäglich, was sogar Lokalpolitiker, etwa Bürgermeister, hinnehmen müssen. An die Stelle von Argumenten tritt oft die persönliche Verunglimpfung, die Toleranz schwindet. Es ist bitter zu sehen, dass das Niveau unserer Streitkultur sinkt.

Wie kann man diesem Übel beikommen?

Wir müssen uns häufiger direkt begegnen, uns in die Augen schauen und uns für die Geschichte desjenigen interessieren, der eine andere Meinung hat als ich. Im Mittelalter, zur Zeit des Thomas von Aquin, gab es bei Streitgesprächen eine Gepflogenheit: Man durfte die eigene Position erst vertreten, wenn man zuerst die Argumente des Gegners möglichst überzeugend vorgebracht hatte. Wenn man sich in den anderen hineinversetzt, wird man die Dinge differenzierter sehen.

Zur Person: Heiner Wilmer

Heiner Wilmer, geboren 1961 im emsländischen Schapen, studierte unter anderem Theologie und Romanistik in Freiburg, Paris und Rom. Seit September 2018 ist er als katholischer Bischof von Hildesheim für rund 600.000 Katholiken zuständig. Sein Gottesdienst aus dem Hildesheimer Dom am 25. Dezember wird vom ZDF um 10.45 Uhr live übertragen. Silvester feiert er mit Landesbischof Ralf Meister eine Vesper im Panorama am Zoo Hannover. Das Erste überträgt diese um 16 Uhr live. Die Zahl der Karten ist begrenzt, Tickets müssenim Online-Shop des Zoos reserviert werden.

Sie sind Sohn eines Landwirtes. Ein Berufsstand, der oft pauschal am Pranger steht, sind die Bauern. Fühlen Sie mit ihnen?

Schon, denn letztlich hat ja auch das Verhalten der Verbraucher die Landwirte dazu gebracht, Massenproduktion zu betreiben. Es ist ein Hammer, dass Milch, Fleisch und Eier kaum etwas kosten. Trotzdem müssen wir gemeinsam überlegen, wie wir nachhaltiger und umweltfreundlicher wirtschaften können. Wir benötigen das Bewusstsein, dass billig allein nicht gut ist. Das gilt nicht nur für Lebensmittel, sondern auch für die Kleidung, die in Drittweltländern gefertigt wird. Auch hier gilt, dass billig nicht gut ist. Dafür müssen wir ein Bewusstsein schaffen.

Silvester feiern Sie mit Ihrem evangelischen Kollegen Ralf Meister und Jugendlichen aus der Fridays-for-Future-Bewegung eine ökumenische Vesper im Panorama am Zoo in Hannover. Wird um die Schülerdemos nicht zu viel Wind gemacht?

Die Richtung bei Fridays for Future stimmt. Die Schüler legen den Finger an einen wunden Punkt und erinnern uns daran, dass wir uns am Riemen reißen müssen. Auch bei der Klimakonferenz in Madrid wurden erneut viele Chancen vergeben. Eine Grenze bei den Protesten wäre für mich erreicht, wenn nur noch apokalyptische Bilder gemalt würden, die letztlich zu Fatalismus führen. Das gehört für mich zur Weihnachtsbotschaft 2019: Wir müssen uns untereinander freundlich begegnen und wissen, dass die Welt uns nicht gehört, sondern uns nur anvertraut ist. Wir werden einmal Rechenschaft ablegen müssen.

Sie meinen beim jüngsten Gericht? Glauben Sie daran?

Ja, denn dahinter steht ja die Vorstellung, dass die Gerechtigkeit am Ende siegen wird. Sonst würde allein der Stärkere triumphieren. Der Glaube an ein jüngstes Gericht kann die Welt menschlicher machen.

Wie feiern Sie Weihnachten?

Festlich. Am ersten Weihnachtsfeiertag überträgt das ZDF den Gottesdienst aus dem Hildesheimer Dom live, am Ende darf ich zur Schalte in den Vatikan überleiten. Das übe ich schon vor dem Spiegel (lacht). Am Tag danach fahre ich zu meinen Geschwistern ins Emsland, aber Silvester bin ich zur Vesper im Zoo-Panorama wieder in Hannover.

Interview: Michael B. Berger, Simon Benne

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