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Der Norden Brüche und Wunden: Ilija Trojanow im Literarischen Salon
Nachrichten Der Norden Brüche und Wunden: Ilija Trojanow im Literarischen Salon
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00:18 21.04.2019
Autor mit flankierender Wissenschaft: Annette Antoine, Ilija Trojanow und Alexander Košenina (v. r. n. l.) im Literarischen Salon. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Der erste Satz aus dem Text mit der Nummer II hat nur sechs Wörter. Und doch legt er, gleich zu Beginn, den Kern des ganzen Buches frei: „Nichts an der Flucht ist flüchtig.“

Ilija Trojanow, Jahrgang 1965, mehrsprachiger und mehrfach ausgezeichneter Autor, der 1971 mit seiner Familie aus Bulgarien geflohen ist und außer in Deutschland auch in Kenia und Indien und Südafrika gelebt hat und heute in Wien wohnt, war (mal wieder) in Hannover. Diesmal hatte ihn der Literarische Salon eingeladen, zusammen mit dem Deutschen Seminar der Leibniz-Uni, das sich in einem Forschungskolloquium mit dem Thema „Flucht – Vertreibung – Exil“ befasst; die Moderation lag denn auch in den Händen der Literatur-Lehrkräfte Annette Antoine und Alexander Košenina.

Vor vollbesetzten Reihen im 14. Stock des Conti-Hochhauses las Trojanow aus seiner Gedanken- und Reflexions- und Sprachspielmischung, meist sehr kurze, aphorismusartige Texte. Das Buch besteht aus zwei Teilen, „Von den Verstörungen“ (römisch nummeriert) und „Von den Errettungen“ (arabisch nummeriert). Manchmal wirkt eine Verstörung wie eine Errettung und umgekehrt: Der Autor hat den Band seinen Eltern gewidmet, „die mich mit der Flucht beschenkten“.

Es ist ein Buch, das sehr genau all die Brüche dokumentiert, die entstehen, wenn man gezwungen ist, seine Heimat zu verlassen: Trojanow zeigt Wunden, die aus der Vermeidung anderer Wunden entstehen. Etwa die Würdelosigkeit, die es bedeutet, dem Alltag nicht folgen zu können. Oder die Rohheiten der Abgrenzung: „Den Anderen nur als ,Anderen’ wahrzunehmen, ist der Beginn von Gewalt.“ Oder den Schmerz, der entstehen kann, wenn man nach Jahren nach Hause zurückkehrt und feststellen muss, dass es kein Zuhause mehr ist. Die Heimkehrer werden zu „Fremdkehrern“.

Sensationelles Deutsch

Die zwei Stunden im Salon sind nachdenklich und erhellend und unterhaltsam. Trojanow ist ein Meister des Parlierens, kann sich über den Wirtschaftszweig Flüchtlingsausbeutung ebenso eloquent auslassen wie über die dummen deutschen Eingeborenen, die „in keinster Weise“ sagen. Die deutsche Sprache, erklärt Trojanow unumwunden, sei „sensationell“, und für ihn sei sie beispielsweise viel sinnlicher als etwa die italienische.

Ein bisschen antiquiert ist Trojanows Haltung, es gebe keine unpolitische, nur eine apolitische Literatur, und wer so was schreibe, verschließe die Augen vor der Realität. Er verstehe es nicht, sagt der Autor, wenn jemand behaupte, Politisches sei ästhetisch minderwertig. Das ist es ja gar nicht – es sei denn, man stellt die Kunst in den Dienst der Politik.

Dergleichen kann er (manchmal) bei sich selbst nachlesen. Text Nummer 59: „So gleich sind wir noch nicht, dass die einen nicht spenden und die anderen nicht empfangen müssten.“ Da dominiert die Absicht die Sprache. Text 43: „Das Gegenteil von Vielfalt ist Einfalt.“ Da ist es, obwohl eminent politisch, andersherum. Und hier zeigt sich, was Literatur von gehobenem Flugblattdeutsch unterscheidet.

Nächster Salon am Montag, 29. April, um 20 Uhr im Conti-Hochhaus: „Recht sprechen“, über Gendersprache. Mit Lann Hornscheidt, der oder die oder das sich mit „Gender Studies“ befasst und keinem Geschlecht zugeordnet werden möchte, und mit der Juristin Selma Gather (beide Berlin).

Von Bert Strebe

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