Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Der Norden Dieses Theater lockt jedes Jahr 10.000 Besucher in ein Zwölf-Einwohner-Dorf
Nachrichten Der Norden Dieses Theater lockt jedes Jahr 10.000 Besucher in ein Zwölf-Einwohner-Dorf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:36 14.08.2019
Die Kühe wohnen gleich gegenüber: Karin Schroeder und Andreas Goehrt vom Theater Metronom in Hütthof bei Visselhövede. Quelle: Bert Strebe
Hütthof

Es drohte ein steifer Abend zu werden. Opernarien standen auf dem Programm, mit stimmgewaltigem Tenor und fingerfertigem Pianisten. Das ländliche Publikum aber war so was nicht gewöhnt, und der Sänger fühlte sich schutzlos in dem kleinen Theater ohne Orchestergraben. Der Funke sprang nicht über, der Applaus blieb höflich. Dann, der Tenor hatte gerade wieder Luft geholt, um sich ein weiteres Mal zu quälen, ertönte von draußen, durch Türen und Wände, ein tiefes, energisches, langgezogenes „Muuuuuuh!“

Die Kühe gegenüber vom Theater Metronom in Hütthof wollten auch einen Beitrag leisten. Er war am Ende fast wichtiger als die Arien. Alles prustete, der Tenor ging zweimal nach hinten, um sich zu sammeln, kam zweimal zurück und konnte doch vor Lachen immer noch nicht wieder singen. Es wurde noch ein schönes Konzert.

Am Eingang zur Bühne: Karin Schroeder und Andreas Goehrt vom Theater Metronom. Quelle: Bert Strebe

Karin Schroeder und Andreas Goehrt erzählen diese Geschichte, wenn sie sich an die vergangenen 25 Jahre zurückerinnern – denn so lange, ein Vierteljahrhundert, gibt es das kleine Theater Metronom schon in Hütthof bei Visselhövede im Landkreis Rotenburg/Wümme. Kleines Theater heißt hier: Frau Schroeder und Herr Goehrt sind das Theater. Aber das passt hervorragend zu dem kleinen Dorf Hütthof. Kleines Dorf heißt hier: zwölf Einwohner.

108 Plätze bietet das Theater Metronom

Und das Theater ist quasi Teil eines Gutshofes (deswegen stehen auch die Kühe in Rufweite), residiert dort in einer zweiteiligen Halle: In einem Teil finden sich Werkstätten und Fundus, im zweiten das Theater selbst. 108 Plätze, die Bühne fast doppelt so groß wie der Zuschauerraum, und der Raumteiler, der Saal von Foyer trennt, ist ein echter alter Zirkuswagen.

Damit nämlich hat alles begonnen. Karin Schroeder, heute 58, und Andreas Goehrt, heute 63, stammen beide aus dem linksalternativen bremischen Straßen- und Studententheatermilieu. Kennengelernt haben sie sich aber erst bei einem Theatertreffen in Oldenburg, und dort hat es gefunkt, in doppelter Hinsicht: Nur ein paar Wochen später stellten sie ihre erste gemeinsame Produktion auf die Bühne, ein Kindertheaterstück. Karin Schroeder zog zu Andreas Goehrt in den Zirkuswagen, sie kauften („ohne Geld und sehr blauäugig“) ein Theaterzelt und tingelten los. Gezogen wurde der Zirkuswagen von einer Kramer U800, einer Art Unimog-Vorläufer. Sie steht noch in der Fundus-Halle.

Irgendwann fuhr das Theaterpaar nach Hütthof, um eine befreundete Land-WG zu besuchen. Bei der Gelegenheit wurde ihnen die Halle angeboten. 1994 richteten sie sich dort Lager und Werkstätten und Probebühne ein, aber dann verstetigte sich das Projekt, Schroeder und Goehrt wurden „bei uns sesshaft“, wie es der Visselhöveder Bürgermeister Ralf Goebel ausdrückt.

Kistenweise Kulisse: Eine Szene aus der Metronom-Inszenierung „Meeresrauschen“. Quelle: Theater Metronom

Der Bürgermeister von Visselhövede ist ein Fan des Theaters

Goebel, Jeans, Turnschuhe, ist ein Fan des Theaters Metronom, daraus macht er keinen Hehl. Fan ist er schon deswegen, weil er sich bei einem Besuch in den Zirkuswagen verknallt und sich dann selbst einen gekauft hat, die ehemalige Damentoilette des Zirkus Krone, samt Hanomag als Zugmaschine. Aber auch, weil das kleine Theater neben Heimat- und Kulturverein der dritte verlässliche Kulturanker in der Kleinstadt Visselhövede ist, „woran sich selbst die erfreuen, die gar nicht ins Theater gehen“. Und weil, sagt Goebel, sich die beiden Theaterleute im Ort integriert hätten und die Nase nicht hoch trügen und auch sonst im Gemeinwesen engagierten, im Präventionsrat etwa. „Das befruchtet die Gegend.“

Die Stadt fördert das Theater mit 9000 Euro im Jahr, dazu kommen noch 20.000 vom Landkreis und 29.000 vom Land. Andreas Goehrt spricht nur zögerlich über diese Zahlen, weil die Leute immer dächten, das Theater müsse sich keine Sorgen machen, wenn so was in der Zeitung stehe. Tatsächlich brauchen die Metronomer pro Jahr 200.000 Euro, und die müssen erst mal erwirtschaftet werden. Und die Fördersummen seien lächerlich im Vergleich zu dem, was die Kommunen für Wirtschaftsansiedlungen zahlten, sagt Goehrt.

Das Metronom zeigt großes Theater auf kleiner Bühne. Quelle: Andreas Hartmann

Das, was Karin Schroeder und Andreas Goehrt machen, ist mit Geld im Grunde sowieso gar nicht zu bezahlen. Mut, zum Beispiel. In ihrer Produktion „Däumelin“ (frei nach Hans Christian Andersen) erzählen sie behutsam und witzig und anrührend von der Mühe und dem Glück, sich in die fremde, unbekannte Welt aufzumachen und an ihr zu wachsen. Oder sie berichten davon, dass man ganz viel Geld haben und es vollkommen bedeutungslos sein kann, wie in dem Stück „Emmas Glück“. Viele werden den Film nach dem Roman von Claudia Schreiber kennen, aber die Solotheaterfassung von Karin Schroeder ist noch mal was ganz Besonderes.

Für Kinder gibt es regelmäßig Theaterworkshops

Wichtig sind ihnen (und der Stadt) auch die regelmäßigen Theaterworkshops für Kinder und Jugendliche, die immer auch einen sozialen Effekt haben: Die Kinder lernen, Konflikte zu bestehen, sie lernen Selbstbewusstsein und das Zusammenwachsen. Und deswegen ist das kleine Theater Metronom eigentlich ein großes Theater.

Ein bisschen wirken Goehrt und Schroeder verwundert darüber, dass so schnell so viel Zeit vergangen ist, mit ein bis zwei Produktionen und vielen Gastspielen pro Jahr, mit Aufführungen in Japan und Korea und Rumänien und Frankreich und Italien und anderswo, mit Besucherzahlen zwischen 5000 und 10.000 Leuten pro Saison. Sie holen auch oft Freunde nach Hütthof, sie gehen auf Festivals, das weitet den Blick. Doch, manchmal gucken sie schon, ob es irgendjemanden gäbe, der das Theater irgendwann übernehmen könne. Aber noch nicht so intensiv.

Metronom heißt das Theater nach einem Koch in einem italienischen Restaurant, in dem die beiden in der Gründungsphase gegessen haben, aus der Küche kam das regelmäßige Klack-klack-klack des Messers beim Gemüseschneiden, wie ein Taktgeber, ein Metronom eben. Und so wollten sie sein: präzise, beständig, in kleinen Schritten vorwärts gehend. Es scheint ihnen gelungen zu sein.

Das Theater hat übrigens ungewöhnliche Anfangszeiten: in der Regel 20.30 Uhr. Warum so spät? „Vorher“, sagt Karin Schroeder, „sind die Leute noch beim Melken.“

Boxenstopp mit Musik zum Jubiläum

Am 16., 17. und 18. August (jeweils um 20.30 Uhr) feiert das Theater Metronom sein 25-jähriges Bestehen mit Liederabenden, bei denen Songs aus den Stücken des Repertoires zu einem neuen Werk verflochten werden.

Am 20. Oktober spielt das Theater das Stück „Emmas Glück“ bei einem Gastspiel im „Schaulust“-Theater in Bremen.

Am 25. Oktober findet die nächste Premiere statt: Karin Schroeder und der Schauspieler Moritz von Zeddelmann treten mit „Die Unsterblichen“ von Max und Rike Reininger auf die Bühne, ein Stück über Ideale und das Arrangieren mit den Zwängen des Lebens, das in Hütthof uraufgeführt wird.

Hütthof ist mit dem Auto von Hannover aus in einer guten Stunde zu erreichen. Adresse des Theaters: Hütthof 1, 27374 Visselhövede, Kartentelefon: (04262) 1399.

Im Internet ist das Theater über die Adresse theater-metronom.de zu erreichen.

Von Bert Strebe

Steckdosen und Schalter flogen aus der Wand: Im Kreis Aurich ist ein Blitz am Dienstagabend in mehrere Häuser eingeschlagen. Drei Frauen mussten ins Krankenhaus, konnten jedoch unverletzt nach Hause.

14.08.2019

Die umstrittene Wahl von Sascha Spoun zum neuen Präsidenten spaltet die Georg-August-Universität Göttingen. Jetzt hat ein unterlegener Konkurrent geklagt. Das Verwaltungsgericht prüft die Vorwürfe – und rät von einer Ernennung Spouns vorerst ab.

Der Trend zum Gymnasium ist ungebrochen – in Hannover wählen besonders viele Kinder diese Schulform. Mehr als jeder zweite schlägt dort den Weg zum Abitur ein. Dabei warnen Experten vor falschen Erwartungen und Überforderung der Schüler.

14.08.2019