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Der Norden „Geliebte Mutti! Bitte erschrick nicht, ich bin tot“
Nachrichten Der Norden „Geliebte Mutti! Bitte erschrick nicht, ich bin tot“
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21:03 15.11.2019
Blick in die Ausstellung: Das neue Dokumentationszentrum in der JVA Wolfenbüttel. Quelle: Helge Krückeberg
Wolfenbüttel

Auf dem Tisch liegt ein schmales Heft. Lauter Namen und Daten stehen drin, in akkuraten Reihen und in einer strengen Handschrift. Links und rechts von dem Heft sind kleine Touchscreens in den Tisch eingelassen, dort stehen die Namen noch mal in Druckschrift. Rechts findet man den Namen Erna Wazinski und ein Foto von ihr. Wenn man drauftippt, erscheint auf einem großen Wandbildschirm ein Satz: „Geliebte Mutti! Bitte erschrick nicht, wenn Du diesen Brief erhältst, bin ich tot.“

In der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel haben die Nazis zwischen 1937 und 1945 die zentrale Hinrichtungsstätten für Norddeutschland betrieben, mit einer Guillotine, die aus der JVA Hannover eigens nach Wolfenbüttel transportiert worden war. 526 Menschen wurden hier vom Regime getötet, darunter viele Widerstandskämpfer, penibel festgehalten im Hinrichtungsbuch, dessen Reproduktion da auf dem Tisch liegt. Weitere 500 Gefangene starben am Hunger, an der Zwangsarbeit, an Auszehrung.

Sieben Jahre Forschung

Eine Gedenkstätte gab es dafür schon seit 1990, aber jetzt ist für etwas mehr als 5 Millionen Euro ein neues Dokumentationszentrum entstanden, mit einer in sieben Jahren Forschung aufgebauten Dauerausstellung, die die Geschichte von Justiz und Strafvollzug im Nationalsozialismus untersucht. Am Sonntag wird der Neubau, der auf dem Gelände der JVA steht, aber wie eine Enklave von außen zugänglich ist, offiziell eröffnet.

Das Hinrichtungsbuch im Dokumentationszentrums der Gedenkstätte der JVA Wolfenbüttel. Quelle: Helge Krückeberg

Erna Gertrud Wazinski, 19, war keine Widerstandskämpferin. Sie war Küchengehilfin, musste in Braunschweig in der Rüstungsproduktion arbeiten. Im Oktober 1944 wurde sie zum dritten Mal ausgebombt, sie sammelte Kleidung und Schmuck in den Trümmern ein, wurde als Plünderin denunziert, festgenommen und in der Haft so misshandelt, dass sie ein Geständnis ablegte. Ein Sondergericht in Braunschweig verurteilte sie als „Volksschädling“ zum Tode, am 23. November 1944 wurde sie in der JVA Wolfenbüttel hingerichtet.

Die Rolle der Justiz und des Strafvollzugs in der NS-Zeit habe in der Öffentlichkeit bisher nur eine untergeordnete Rolle gespielt, sagte Jens-Christian Wagner am Freitag. Das werde sich mit Wolfenbüttel ändern. Wagner ist Leiter der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, zu der das Dokumentationzentrum Wolfenbüttel gehört. Die neue Ausstellung mache deutlich, dass es kein Recht ohne Rechtsstaat und ohne demokratische Grundsätze gebe.

Interaktive Medien

Martina Staats, Leiterin des Dokumentationszentrums der Gedenkstätte der JVA Wolfenbüttel, mit einem interaktiven Modell der JVA. Quelle: Helge Krückeberg

Martina Staats, die Leiterin der neuen Gedenkstätte, berichtete von dem langen Prozess der Entstehung von Haus und Ausstellung. Der schlichte, klare Bau, auf einem Sockel stehend, wurde vom Büro Winkelmüller Architekten aus Berlin entworfen. Zur JVA hin besitzt er ein zwei Stockwerke hohes Fenster, das wie in einem Erker aus dem Gebäude herausragt und den Blick freigibt auf das ehemalige Hinrichtungshaus. In der Fassade ist ein Relief zu erkennen, wie eingeritzt: Hier haben die Architekten Elemente von Dingen übertragen, die Häftlinge in die Zellenwände geritzt hatten, Initialen, Daten, ein Flugzeug.

Das Dokumentationszentrum in der JVA Wolfenbüttel Quelle: Winkelmüller Architekten

In der sehr modern gestalteten Ausstellung findet man viele interaktive Medien. Sie gestatten auch Besuchern, die nicht persönlich die Arrest- und Todeszellen und den Hinrichtungsraum besichtigen können (dafür muss man als Gruppe kommen und sich mit 14 Tagen Vorlauf anmelden), einen zumindest virtuellen Einblick. Man findet aber auch viele analoge Gegenstände, etwa einen Rucksack in einer Vitrine. André Charon hat ihn getragen, belgischer Widerstandskämpfer, der 1942 in Lüttich verhaftet und nach Wolfenbüttel gebracht und 1945 von den Alliierten befreit wurde.

Weitere Hinrichtungen

Charons Sohn, der auch André heißt, hat der Gedenkstätte den Rucksack und andere Gegenstände und Dokumente zur Verfügung gestellt. Das Dokumentationszentrum durchbreche quasi die Mauer des Gefängnisses, sagt er, das sei ein Zeichen für Freiheit. Sein Vater, damals Medizinstudent, blieb nach der Befreiung erst noch in Wolfenbüttel, um mitzuhelfen, dass alle früheren Insassen medizinisch versorgt wurden. Zurück in Belgien arbeitete er als Kinderarzt, 2013 ist er gestorben.

Mit dem Rucksack des Vaters: André Charon, Sohn eines in Wolfenbüttel inhaftierten Widerstandskämpfers. Quelle: Helge Krückeberg

Wie Charons und Erna Wazinskis Geschichte werden auf rund 400 Quadratmetern zahlreiche andere Biografien nachgezeichnet, auch die von Tätern. Und es bleibt nicht unerwähnt, dass die britischen Streitkräfte in Wolfenbüttel nach 1945 ebenfalls Hinrichtungen vornahmen, unter anderem wegen Waffenbesitz und Spionage. 44 Menschen wurden guillotiniert, 23 erschossen.

Eine große Rolle spielt auch die Entwicklung von Justiz und Strafverfolgung nach Gründung der Bundesrepublik. Es gab mehr Richter und andere Beamte, die vor 1945 im Dienst waren und nach 45 wieder in Dienst genommen wurden, als der jungen Republik gut taten.

Die Gedenkstätte in Wolfenbüttel findet sich in der Innenstadt auf der Ecke der Straßen Am Herzogtore und Ziegenmarkt. Sie ist von dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Von Bert Strebe

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