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Der Norden „Alte Dame“ im Harz: Seit 90 Jahren fährt die Seilbahn auf den Großen Burgberg
Nachrichten Der Norden „Alte Dame“ im Harz: Seit 90 Jahren fährt die Seilbahn auf den Großen Burgberg
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20:03 30.07.2019
Liebt seine „Alte Dame“: Frank Scheikowski ist Schaffner der Seilbahn in Bad Harzburg. Vorher hat er 35 Jahre Hochspannungsleitungen gebaut. Quelle: Carolin George
Bad Harzburg

Wenn Frank Scheikowski über eine ganz bestimmte alte Dame spricht, funkeln seine Augen, und seine Stimme klingt ganz warm. „Gerade hatte sie Geburtstag“, erzählt er. „90 ist sie geworden, das haben wir groß gefeiert.“ Doch Scheikowski, selbst 60 Jahre alt, spricht nicht von seiner Mutter oder seiner Lieblingstante: Es ist die Seilbahn auf den Großen Burgberg in Bad Harzburg, von den Einheimischen gern „Alte Dame“ genannt, die jetzt durch ihr Jubiläumsjahr fährt. Vorher wurde die Altbetagte noch einmal ordentlich herausgeputzt: Sie bekam einen neuen, cremeweißen Anstrich und ein Geburtstagslogo mit Eichenlaub und einer weinroten 90 auf die metallene Außenhaut. Ehre, wem Ehre gebührt – schließlich gehört sie zu den ältesten Exemplaren ihrer Art weltweit.

In drei Minuten vom Tal auf den Berg und wieder zurück

Jede Viertelstunde oder nach Bedarf legen Gondel 1 oder wahlweise Gondel 2 los und bringen ihre Gäste in drei Minuten vom Tal auf den Berg oder vom Berg ins Tal. „Wie oft ich pro Tag fahre, weiß ich nicht, das habe ich noch nie gezählt“, sagt Schaffner Scheikowski, der Mann mit den tiefen Furchen im Gesicht und der ledernen Geldbörse am Schulterriemen. „Fakt ist: Manchmal fahren wir ohne Pause hoch. Was glauben Sie, was hier mitunter los ist! Da stehen die Leute Schlange bis zum Kurpark.“ Und 100 Meter mögen es schon sein von der Talstation bis zum Park, schätzt der Gondoliere der ganz eigenen Art.

Erste Fahrt am 17. Juli 1929 zum Bismarck-Denkmal

Keine Frage, die Bergbahn ist beliebt. Als die Grande Dame der Fahrtechnik am 17. Juli 1929 ihre erste Tour hinauf zum Bismarck-Denkmal auf 483 Metern Höhe zurücklegte, war technischer Fortschritt wie sie der Inbegriff für den Aufschwung. 90 Jahre später ist ihr Gondelführer nach wie vor beeindruckt von der Konstruktion. „Die Technik ist in großen Teilen immer noch dieselbe“, sagt Scheikowski. „Sie funktioniert im Prinzip wie eine Straßenbahn, mit Handrad und Bremse. Wer oben im Betriebsraum Dienst hat, muss jederzeit hellwach sein. Denn er muss die Gondel 60 Meter vor der Einfahrt in die Station abbremsen.“ Und für den Fall, dass die Elektromotoren ausfallen, steht ein Dieselmotor parat.

Von der See in die Berge

Der 60-Jährige ist noch nicht lange Kabinenbegleitpersonal bei der Bergbahn. Geboren in Jever und aufgewachsen im Harz, hat er Betriebsschlosser gelernt, fuhr ein paar Jahre zur See und baute danach Hochspannungsleitungen. „Stark, dumm, wetterdicht: Das waren die Voraussetzungen für den Job“, sagt Scheikowski und lacht. „Ja, das ist so.“ 35 Jahre lang machte er den Job ohne Höhenangst – bis er einen Herzinfarkt bekam. Er war Ende 50, rappelte sich wieder auf und war heilfroh, den Job bei der Bergbahn angeboten zu bekommen. „Da habe ich mir ein Loch in den Bauch gefreut. Ich bin jetzt 60, was hätte ich denn sonst noch machen können?“

Bis zu 18 Personen fasst jede der zwei Gondeln der Harzburger Bergbahn. Insgesamt 26 Millionen Gäste sind seit ihrer Eröffnung per Seilbahn auf den Großen Burgberg gelangt. Quelle: Carolin George

Alle paar Minuten neue Gesichter

Vieles ist anders in seinem neuen Job, aber eines ist ganz anders: die Kommunikation mit anderen Menschen. Alle paar Minuten schließlich trifft Scheikowski auf neue Gesichter, auf unterschiedliche Charaktere. Ob das die jungen Frauen sind, die noch eine halbe Stunde vor Betriebsschluss auf den Berg wollen – einfach nur, um einmal mit der Seilbahn gefahren zu sein. Oder der alte Herr, der erst nach der Kasse fragte, darauf von Scheikowksi zu hören bekam: „Ich bin die Kasse“ – und dann nachschob, ob es für Senioren billiger sei. Scheikowksis knappes und klares „keinen müden Euro“ kommentierte der Rentner mit den Worten: „Dieses unfreundliche Deutschland.“ Dabei kostet die Berg- und Talfahrt gerade einmal 4 Euro, für beide Strecken zusammen. Für eine einzelne Fahrt zahlt der Gast 3 Euro.

Freude über Gäste aus dem Norden

Doch Scheikowski kann so etwas nicht schocken, er kann offenkundig mit jeder Art von Mensch umgehen, der seine Gondel betritt. Und bei der Bergfahrt gibt er den Fahrgästen auch gern mal den Tipp, sich für den Rückweg für die eigenen Beine zu entscheiden. „Ich will ja niemanden verleiten. Aber das Essen schmeckt dann noch besser.“ Und die nicht genutzte Fahrt verfällt noch nicht einmal – so fair ist man in Bad Harzburg. Wer aus dem Norden zu Besuch kommt, den schnackt der gebürtige Ostfriese gleich doppelt freundlich-neugierig an. „Na, du kommst doch auch von ganz oben, das höre ich doch“, heißt es dann. Natürlich liegt er richtig, die Angesprochenen sind aus Hamburg. „Tja“, lautet sein Kommentar dazu. „Von Norden aus kommend ist der Harz ja das erste Urlaubsziel, das höher liegt als ein Deich.“

Wenn nicht viel los ist in der Kabine, jobbt Scheikowski neben seiner Arbeit als Kabinenbegleitpersonal auch für drei Minuten als Reiseführer. Kurz vorm Erreichen der Bergstation zeigt er nach unten: „Dort wächst der Oregano.“ Und damit die berühmteste Spitze des Harzes auch niemand übersieht, fragt er sicherheitshalber in die Runde: „Habt ihr denn auch schon den Brocken gesehen?“

Seit 1877 schöne Aussicht neben der Canossa-Säule

Oben angekommen, verschwindet Scheikowski auf einen kurzen Schnack mit seinem Kollegen in den Betriebsraum, oder – wenn Zeit ist – gönnt er sich eine kleine Pause auf der Bank, während die Ausflügler an der alten Mauer der im 11. Jahrhundert gebauten Harzburg entlang in Richtung schöne Aussicht stapfen: Dorthin, wo seit 1877 die Canossa-Säule den einstigen Reichskanzler Otto von Bismarck ehrt und einige Bänke zur Pause mit Blick über Bad Harzburg und das weite Harzvorland einladen.

Dass das Panorama ausreicht, um Besucher auf den Großen Burgberg zu locken, hat man schon im 19. Jahrhundert gewusst. Damals wurde die erste Gastronomie hier eröffnet, und sogar Georg V., König von Hannover, war zu Besuch. Damals ging es freilich nur zu Fuß oder per Eseltransfer auf das Plateau. Seit 2014 steht am selben Platz ein neues Hotel, außerdem liegt hier die Stempelstelle Nummer 121 für die Freunde der Harzer Wandernadel.

26 Millionen Gäste seit der ersten Fahrt 1929

Dass die alte Burgbahn, im Jahr 1929 für 350.000 Reichsmark gebaut, immer noch fährt wie vor 90 Jahren, findet Frank unglaublich. „Als ich hörte, wie viele Menschen die beiden Gondeln seit Beginn bereits transportiert haben, musste ich mich erst einmal hinsetzen.“ Stolze 26 Millionen sind es. Bis zu 18 Gäste fasst eine Gondel – und die beiden Exemplare sind immer noch dieselben wie bei der Premierenfahrt am 17. Juli 1929. Kein Wunder, dass die Seilbahn in Bad Harzburg von allen nur die „Alte Dame“ genannt wird.

Das ist Bad Harzburg

Bad Harzburg liegt am nördlichen Eingang des Harzes und ist ein staatlich anerkanntes Sole-Heilbad. Die Sole-Therme mit vier Becken mit heilkräftiger Natursole aus der rund 840 Meter tiefen Quelle ist einzigartig im Harz. Bekannt ist Bad Harzburg auch für sein Mineralwasser – das „Bad Harzburger“, seit mehr als 450 Jahren abgefüllt direkt am Quellort am Fuße des Nationalparks Harz.

Die Stadt hat fast 22.000 Einwohner und zählte 2018 beinahe 135.000 Übernachtungsgäste. Nächste große Veranstaltung ist das Salz- und Lichterfest am Wochenende des 24. und 25. August. Sowohl der Ort selbst als auch der Baumwipfelpfad verwandeln sich dann in ein Lichtermeer. Der Ursprung des Festes liegt im Jahr 1575. Damals wurde im Harzburger Raum das erste Mal reine Sole zur Salzproduktion gefördert. Da man fortan nicht mehr auf teure Importe angewiesen war, stiftete Herzog Julius am 24. August 1575 ein Salzfest.

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