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Der Norden Wegen Corona: Zirkus Charles Knie eröffnet Freizeitpark in Einbeck
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Corona: Zirkus Charles Knie eröffnet Freizeitpark in Einbeck

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16:41 08.07.2020
Die Manege des Zirkus Charles Knie bleibt derzeit wegen der Corona-Krise leer. Quelle: Boris Baschin
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Einbeck

Der coronabedingte Lockdown kam für den Zirkus Charles Knie zum denkbar schlimmsten Zeitpunkt: Das 1400 Plätze fassende Zelt für die Premiere seiner Deutschland-Tournee war aufgebaut, die internationalen Artisten, Tänzer und Tierlehrer hatten monatelang das neue Programm einstudiert. „Die plötzliche Schließung am 13. März war sehr, sehr bitter“, sagt Zirkuschef Sascha Melnjak. Nicht alle 90 Mitarbeiter konnten noch nach Hause reisen. Neun Mitglieder einer aus Südamerika engagierten Ballettgruppe verdingten sich als Erntehelfer bei Erdbeer- und Spargelanbauern, andere versorgen jetzt die Tiere und trainieren im Winterquartier in Einbeck-Volksen in Südniedersachsen.

Unter großem finanziellen Druck wagt der Zirkuschef jetzt etwas Neues: Am Freitag eröffnet „Charles Knie's Circus-Land“ auf dem weitläufigen Gelände. Fahrzeughallen wurden umgebaut zu einem Mitmach-Zirkus, einer Kartbahn für Kinder und zu einer kleinen Manege mit Sägespänen. Dort soll es bis zum 30. August zweimal täglich eine Pferde- und eine Kleintiershow geben. Die Besucher können zudem zwischen Zebras und Kamelen flanieren, Dinosaurier-Modelle anschauen, im Sand nach Dino-Skeletten buddeln oder sich auf Hüpfburgen austoben.

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„Dieser Stillstand eint die Kulturszene“

Das Nichtstun und die Ungewissheit seien unerträglich gewesen, erzählt Melnjak. „Wir sind es gewohnt, sieben Tage die Woche zu arbeiten.“ Neben dem Circus-Land veranstaltet der Zirkus Charles Knie vom 31. Juli an sechs Mal abends ein Sommer-Varieté mit Rebecca Siemoneit-Barum. Die Schauspielerin ist im Circus Barum aufgewachsen, der 2008 aufgab und 2012 sein Winterquartier an den Zirkus Charles Knie verkaufte.

„Dieser unglaubliche Stillstand eint die ganze Kulturszene. Ich bin auch seit dem 6. Februar arbeitslos“, sagt die 42-Jährige, die durch die ARD-Serie „Lindenstraße“ bekannt wurde. Nun gelte es, in der Krise die vorhandenen Ressourcen zu nutzen. „Alle freuen sich, dass Publikum kommt und wir wieder ein bisschen Show machen können.“

Staatliche Hilfen reichen nicht zum Überleben

Die Corona-Pandemie trifft die rund 300 Zirkus-Unternehmen bundesweit besonders hart: Viele sind während einer Tournee auf einem Festplatz irgendwo in Deutschland gestrandet. Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung sei sehr groß, sagte der Vorsitzende des Verbandes deutscher Circusunternehmen, Ralf Huppertz. Viele Zirkusse berichteten von Geld- und Futterspenden. Die staatlichen Hilfen reichten dagegen überhaupt nicht aus. Zirkusse müssten als Kulturgut anerkannt werden, fordert Huppertz.

Charles Knie ist nach eigenen Angaben nach dem Münchner Circus Krone der zweitgrößte in Europa. Nach Huppertz' Einschätzung trifft die Corona-Krise die großen Unternehmen besonders hart. Alternativen wie Freizeitparks oder Tiershows seien schätzungsweise meistens nur gerade kostendenkend. In Einbeck hofft Zirkuschef Melnjak auf 500 bis 1000 Besucher täglich, der Hof liegt an einer beliebten Strecke für Fahrrad- und Motorradtouren.

Manegen-Flair mit Popcorn und Zuckerwatte

In der ersten Halle des neuen Parks sorgen Popcorn- und Zuckerwatteduft für etwas Manegen-Flair. Schaufenster-Puppen tragen die Show-Kostüme der wegen Corona-Pandemie jäh gestoppten Produktion. 400 Vorstellungen waren bundesweit geplant. In einer Vitrine ausgestellt ist auch der Silberne Clown, den Tiertrainer Marek Jama 2017 beim Circus-Festival in Monte Carlo gewonnen hat, so etwas wie ein Oscar der Zirkus-Szene. Jama umgibt sich zwar gern nur mit seinen Pferden und Kameln, aber er freut sich auch darauf, mit ihnen vor den Besuchern des Freizeitparks aufzutreten. „Wir Zirkusmenschen sind etwas narzisstisch veranlagt“, meint er lächelnd. „Der Glamour fehlt im Moment.“

Von RND/lni