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Der Norden „Chinchilla Arschloch“: Trotz Tourette spielt Christian Hempel Theater
Nachrichten Der Norden „Chinchilla Arschloch“: Trotz Tourette spielt Christian Hempel Theater
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20:59 09.01.2020
„Ich weiß noch, wie ich das erste Mal ,Arschloch‘ schreien musste“: Christian Hempel hat das Tourette-Syndrom. Quelle: Carolin George
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Lüneburg

„Ich würde gern mal in den Supermarkt gehen und nicht auffallen.“ Das sagt Christian Hempel, 46 Jahre alt, braune kurze Haare, durchschnittliche Größe, normale Figur, Jeans, Pullover. Äußerlich kein Typ, der auffällt. Aber wenn der Lüneburger in den Supermarkt geht, tut er das quasi zu zweit: Seine Begleitung ist immer dabei. Tourette lautet ihr Name. Und mit Tourette ist es nicht möglich, nicht aufzufallen. Denn Menschen mit dieser Krankheit stoßen unkontrolliert obszöne Worte und laute Schreie aus.

Der Satz ist ein Zitat aus einem Hörspiel, es heißt „Chinchilla Arschloch, waswas“. Es ist der erste Satz, den Christian Hempel darin sagt. Vor Kurzem hat es den Deutschen Hörspielpreis gewonnen, im Mai wird es als Bühnenversion bei den Kunstfestspielen Herrenhausen in Hannover zu sehen sein.

Augenzwinkern und Zuckungen

Das Tourette-Syndrom zeichnet sich durch sogenannte Tics aus: Häufig beginnen sie im Kindesalter, meist mit einfachen Dingen wie etwa Augenzwinkern. Oft bilden sich solche leichten Zuckungen wieder zurück. Bei Christian Hempel weiteten sie sich dagegen aus.

„Ich weiß noch, wie ich das erste Mal ,Arschloch‘ schreien musste“, erzählt Christian Hempel in Jeans und Pullover auf seinem Sofa zu Hause in Lüneburg. „Es war im Flur meines Internats in Braunschweig. Es war schrecklich. Mir lief es heiß und kalt den Rücken hinunter. Ich merkte: Ich hatte überhaupt nichts im Griff, konnte nichts dagegen tun.“

Keine Kontrolle mehr

Mittlerweile ist das Wort zum Lieblingswort von Tourette geworden, wenn man das so sagen darf. „Tourette sucht sich Begriffe aus, die gesellschaftlich nicht erlaubt sind“, sagt Hempel – und spricht über seine Krankheit dabei wie über eine Person. „Heilhitler“, zum Beispiel, „Geilemaus“ oder „Penisloch“. Manchmal ist es auch bloß ein Laut, ein Ton, den Christian Hempel ausstößt – oder er hat seine Arme, Beine oder seinen Kopf nicht unter Kontrolle, zuckt und tritt. Dann wird seine Krankheit körperlich gefährlich.

Der Bus, mit dem Christian Hempel und sein Begleiter Stefan Schliephake mit Hempels Tochter Phillis (13) und dem Team der Hörspiel-Produktion „Rimini Protokoll“ nach Berlin und auf die Insel Sylt gefahren sind, ist daher besonders gesichert: Zwischen Fahrer und Rücksitzbank befindet sich eine Scheibe aus Polycarbonat, auch die Autofenster sind mit dem schusssicheren Kunststoff überzogen.

Es kann schließlich sein, dass Christian von der Rücksitzbank aus auf einmal seinem Freund und Autofahrer Stefan mit seinen Händen so traktiert, dass der das Steuer nicht mehr im Griff behalten kann. Oder er schlägt so heftig mit der Faust gegen eine Scheibe, dass sie bricht. Letzteres ist früher schon passiert.

Hier liefern sich Christian Hempel (r.) und der ebenfalls an Tourette erkrankte Benjamin Jürgens (l.) ein Tic-Duell unter der Leitung von Barbara Morgenstern. Im Bus hinten auf der Bühne sitzt Stefan Schliephake, es ist der Privatwagen von Christian Hempel. Quelle: Robert Schittko

Tastatur und Maus aus Edelstahl

Auch sein Zuhause ist so abgesichert wie möglich: Er arbeitet vom eigenen Büro aus als Mediengestalter. Auf seiner Schreibtischplatte liegt ein Polster, die zwei Monitore stehen in Kästen aus Holz und Polycarbonat, die Tastatur ist aus Edelstahl, anstelle einer Maus benutzt er eine Kugel in der Tastatur. Alle Glaselemente aus den Türen sind entfernt, alle Fenster mit Kunststoff beklebt.

Das einzige, was an ihm auffällig ist, ist denn auch eine Verletzung durch seine Tics: Es ist eine Beule an der Stirn, die verhärtet ist und sich nicht mehr zurückbildet, weil die Stirn so häufig gegen harte Gegenstände schlägt.

„Chinchilla Arschloch, waswas

Als die Produzentin des Hörspiels Christian vor einigen Monaten sagte, dass sie gern eine Bühnenversion fürs Theater schreiben würde mit ihm in einer Hauptrolle, sagte er daher zunächst einmal nein. „Viel zu kompliziert. Wie soll ich zu den Spielstätten kommen? Öffentlicher Nahverkehr, Züge, Flugzeuge: Das geht alles nicht. Und wie kann ich den Theatern zumuten, mir all meine Bedürfnisse zu erfüllen, bis zur gepolsterten Dusche mit Vorhang statt Glastür?“

Doch der Produzentin gelang genau das: Das Stück „Chinchilla Arschloch, waswas“ lief voriges Jahr in Berlin, Mainz und Frankfurt, dieses Jahr stehen Hannover, München, Düsseldorf, Basel und Berlin im Kalender. Der erste Termin ist im Mai, doch bis dahin müssen Christian Hempel und sein Begleiter Stefan Schliephake noch ein Problem lösen: Der Bus ist kaputt. „Wir hoffen auf Sponsoren“, sagt Schliephake, seit mehr als 20 Jahren mit Hempel befreundet. Der Sozialpädagoge arbeitet bei der Lebenshilfe und nimmt sich unbezahlten Urlaub, um seinen Kumpel zu den Theateraufführungen zu begleiten.

Der Titel von Hörspiel und Theaterstück ist übrigens ein Tic während der Fahrt nach Berlin gewesen. Hempel selbst erinnert sich daran zwar nicht. „Aber ich muss es ja gesagt haben, es ist schließlich auf dem Band.“

Von Carolin George

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