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Der Norden „Mir ist schlecht geworden“: Volkswagen-Mitarbeiter erzählen von ihrem Scheitern
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17:24 15.01.2020
Betriebsrätin Bertina Murkovic von Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN) berichtet bei einer Fuckup Night über persönliche und berufliche Niederlagen. Quelle: Henning Scheffen
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Hannover

Den 12. Juni 2013 wird die Betriebsrätin von Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN) nicht vergessen. Bertina Murkovic war nach Erfurt gereist. Dort entschied der zehnte Senat des Bundesarbeitsgerichts, ob eine Betriebsratswahl von 2010 wiederholt werden muss. Es sollte zwischen der Zahl der abgegebenen Wahlumschläge und der Stimmen laut elektronischer Wählerliste eine Differenz von mehr als 100 Stimmen gegeben haben. Die „Liste Opposition“ fühlte sich benachteiligt, das „Manager Magazin“ schrieb von einem Zahlensalat, Murkovic heute von einem technischen Fehler. Das Gericht erklärte die Wahl für ungültig. „Ich war paralysiert, meine Knie zitterten, mir ist schlecht geworden. Wir waren keine Betriebsräte mehr.“ Mehr als 14.000 Beschäftigte hatten plötzlich keine Vertretung, als es um Mehrarbeit, Versetzungen und Kündigungen ging. Murkovic sagt heute, manche Entscheider im Unternehmen hätten die Situation ausgenutzt. „Den Wert einer Aufgabe erkennt man erst, wenn sie nicht mehr da ist.“

Murkovic erzählt vom Gerichtsurteil und den Folgen bei einer sogenannten Fuckup Night. Volkwagen-Mitarbeiter, Führungskräfte und Geschäftspartner berichten an diesen Abenden von Momenten des Scheiterns. Jeweils drei bis fünf Gäste erzählen in 15-minütigen Vorträgen von ihren persönlichen und beruflichen Niederlagen. Sie erzählen aber auch von ihren gemachten Erfahrungen und Lösungen, die sie dabei gefunden haben. „Wir möchten voneinander lernen“, erklärt Ulrike Faber, die das Format mit Lena Dannemann moderiert. „Wir möchten über Fehler sprechen, uns austauschen.“ Dann fällt plötzlich das Mikrofon aus. Es wird gelacht. Kann passieren.

Beim Vorstand durchgefallen

Eine weitere Rednerin ist Janine Steinmann aus dem Team Agile Booster. Das Team soll den Wandel bei VWN vorbereiten, es geht um Arbeitsprozesse, Digitalisierung, Disruption. Aber Steinmann geht in ihrem Vortrag nicht auf konkrete Projekte ein. Sie berichtet von einer Idee, die sie einst direkt dem Vorstand vorstellen wollte – eine Vision, wie der Fahrzeughersteller in zehn Jahren aussehen könnte. Doch die Führungskräfte wollten vor allem wissen, wie die nächsten Schritte zu dieser Vision konkret aussehen. „Man wollte Zahlen, Daten, Fakten. Wir hatten keine Antworten.“ Steinmann fühlte sich gescheitert. Ihre Stimme wird brüchig. „Ich hatte das Gefühl, nichts mehr richtig zu machen. Feedback als Geschenk betrachten? Fand ich nicht.“ Steinmann suchte die Auszeit, ging nach Schweden und fand neues Vertrauen im Gespräch mit Kollegen, denen es ähnlich ging.

Janine Steinmann berichtet von einem gescheiterten Termin bei den Vorgesetzten. Quelle: Henning Scheffen

„Über die Gespräche entstand ein Netzwerk.“ Sie gaben Kraft und Mut. „Heute weiß ich, dass man den Vorstand abholen muss, sich mehr Zeit nehmen sollte. Und wenn man aufgeben will, sollte man daran denken, warum man angefangen hat“, sagt Steinmann nun mit fester Stimme. Das Publikum spendet Applaus.

Erfahrungsaustausch unter Kollegen

Manchmal hat der Vortragsabend etwas von einer sehr großen Supervision. Man spricht über Kommunikationskultur, über Motivation und unterschiedlichen Erwartungen. Man trinkt dabei lässig aus der Flasche, orangefarbene Lampen sorgen für indirektes Licht und Lounge-Atmosphäre, viele Gäste tragen Turnschuhe und Pullover. Es wirkt wie ein klärender Moment in der zu groß geratenen WG-Küche. Immer wieder kommt eine sehr vertrauliche, fast emotionale Stimmung auf. Eine Bühne für die Redner gibt es nicht. „Ebenerdig, schön“, stellt Betriebsrätin Murkovic vor ihrem Vortrag fast überrascht fest.

Das Format Fuckup Night ohne VWN-Bezug gibt es in Hannover dabei schon seit Februar 2015. Ein Team um Gründer Gabriel Gelman nahm die Idee aus Mexiko auf und lud Gründer regelmäßig in den Hafven, ins Kulturzentrum Faust, ins Bredero-Hochhaus oder zur Cebit ein, um über das Scheitern zu sprechen. Das Format gibt es in mehr als 50 Ländern, in Deutschland soll es in 16 Städten regelmäßige Reihen geben. Beim Wirtschaftsempfang der Stadt erzählte Birgit Conix aus dem Tui-Vorstand, dass auch ihr Unternehmen auf solche Austauschabende setzt – und entschuldigte sich für den komischen Namen des Formats. Bei VWN sind die Fuckup Nights eine feste Reihe. In den hippen Räumlichkeiten der VW-Abteilung Mobile Onlinedienste in der List kommt man schnell auf den Gedanken, dass diese Idee zur verbesserten Fehlerkultur Volkswagen schon vor ein paar Jahren gut getan hätte.

Markus Scheele ist Chef der Agentur event it und berichtet davon, wie er fast Dachdecker geworden wäre. Quelle: Henning Scheffen

Und so nutzt auch der Chef der Agentur event it, Markus Scheele, die Chance, seine Geschichte zu erzählen. Als Scheele 19 Jahre alt ist, stirbt sein Bruder bei einem Autounfall. Eigentlich wollte Scheele Wirtschaftswissenschaften oder Jura studieren. Aber er nimmt die Rolle des Bruders ein, absolviert eine Dachdeckerlehre, um den väterlichen Betrieb zu unterstützen.

Erst nach Jahren gesteht er seinem Vater, dass er den Familienbetrieb nicht übernehmen kann. „Ich habe gemerkt, dass ich für diese Aufgabe nicht jeden Morgen aufstehen möchte. Ich habe gelernt, dass man lieben sollte, was man tut.“ Der Vater nahm es gelassen, Scheele gründete eine Veranstaltungsagentur und hat Events wie die Ideenexpo oder den Tag der Deutschen Einheit in Hannover mitorganisiert. „Ich dachte immer, ich muss funktionieren. Aber Arbeit muss Spaß machen. Nur dann geht der Spaß auch auf andere über.“ Wieder applaudieren die etwa 100 Gäste.

Mehr als 100 Gäste verfolgten die Vorträge bei der Fuckup Night. Für die Abende können sich Kollegen bewerben. Das Los entscheidet. Denn die Nachfrage ist viel größer als die räumlichen Kapazitäten. Quelle: Henning Scheffen

Fehlerkultur bei Volkswagen verbessern

Die Vorträge finden an diesem Abend meist ein gutes Ende. Bertina Murkovic war 2013 nach dem Urteil im Vertrieb tätig. „Es war eine tolle Erfahrung, einfach Teammitglied zu sein“, sagt sie heute. Ihr Wissensspektrum habe sich erweitert. „Nur die Arbeit als Betriebsrätin hat mir gefehlt.“ Murkovic ließ sich wieder zur Wahl aufstellen und ist heute Betriebsratsvorsitzende und Mitglied des Aufsichtsrats.

Am Abend wird sie noch einmal grundsätzlich. „Der Transformationsprozess gelingt nicht, wenn wir die Belegschaft nicht einbinden“, sagt sie. Es müssten Beteiligungsprozesse organisiert werden. Ein Baustein, damit Mitarbeiter Gehör finden, könnten solche Veranstaltungen sein. „Denn wir lernen, Muster zu durchbrechen, Dinge anzupacken, sich gegenseitig Mut zu machen.“ VWN-Vorstandschef Thomas Sedran hat daher auch schon bei einer Fuckup Night gesprochen. Vielleicht ist dieses Format eine Empfehlung auch für Wolfsburg.

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