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Der Norden Auszeit von der SPD-Krise: Ministerpräsident Weil wandert mit CDU-Kollege Haseloff
Nachrichten Der Norden Auszeit von der SPD-Krise: Ministerpräsident Weil wandert mit CDU-Kollege Haseloff
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20:00 04.06.2019
„Das macht den Kopf frei“: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD, links) und sein Amtskollege aus Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), beim Weg auf den Brocken-Gipfel. Quelle: Swen Pförtner/dpa
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Torfhaus/Brocken

Stephan Weil ist ein passionierter Wanderer. „Seit der Wende war ich fast jedes Jahr einmal auf dem Brocken“, sagt Niedersachsens Ministerpräsident und SPD-Chef. Auch sein CDU-Amtskollege Reiner Haseloff aus Sachsen-Anhalt hat den höchsten Berg Norddeutschlands „wohl schon zehnmal“ erstiegen. Mit dem als Brocken-Benno bekannten Benno Schmidt, der sich am Dienstag der Wandergruppe um die beiden Regierungschefs anschließt, können Weil und Haseloff jedoch nicht mithalten. Für den 87-jährigen Schmidt ist es an diesem sonnigen Morgen Gang Nummer 8760 auf den Gipfel.

Die beiden Ministerpräsidenten sind allerdings auch nicht auf Rekorde aus. „Wir wollten im 30. Jahr der Grenzöffnung unabhängig von den offiziellen Feiern etwas Schönes machen“, sagt Weil. „Und was gibt es Schöneres als eine Wanderung auf den Brocken. Das macht den Kopf frei.“

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„Man kann auch nicht jeden Tag im Krisenmodus zubringen“

Ob Weil seinen Kopf wirklich freibekommt, ist unklar: Schwer tut sich der SPD-Politiker mit eindeutigen Antworten zur künftigen Führung der SPD und zum Fortbestand der großen Koalition in Berlin. „Man kann auch nicht jeden Tag im Krisenmodus zubringen“, sagt Haseloff fast tröstend.

Die Regierungschefs der Nachbarbundesländer haben sich für ihren Aufstieg den neun Kilometer langen Goetheweg ausgesucht. Angeblich soll der deutsche Dichterfürst diesen Pfad im Winter 1777 für seine Wanderung auf den Brocken gewählt haben – tatsächlich wurde der Weg erst 1891 vom Harzklub hergerichtet und befestigt. Vom Start im niedersächsischen Torfhaus sind bis auf den Gipfel rund 390 Höhenmeter zu überwinden.

Wanderung erinnert an die Grenzöffnung vor 30 Jahren

Der Brocken war für Westdeutsche wie Stephan Weil bis 1989 auf der anderen Seite der innerdeutschen Grenze. Aus Sicht von Haseloff hilft die Erinnerung an die Grenzöffnung bei der Bewältigung aktueller politischer Probleme. Im politischen Alltag stehe man immer wieder vor vermeintlich unlösbaren Aufgaben. Ein Blick auf den Mauerfalljahrestag zeige, „was wir bereits geschafft haben“, sagt Haseloff. „Ohne die Unterstützung von Niedersachsen wäre Sachsen-Anhalt vor allem in der Verwaltung nie so schnell vorangekommen“, sagt Haseloff beim Weg auf den Gipfel.

Neue Vielfalt nach dem großen Fichtensterben

Nach dem ersten Wanderkilometer erklärt Andreas Pusch, Leiter des Nationalparks Harz, wie das vom Borkenkäfer verursachte großflächige Fichtensterben der Natur hilft, sich zu erneuern. „Die abgestorbenen Bäume sehen zwar nicht schön aus“, sagt Pusch. „Aber die Artenvielfalt nimmt zu.“ In Bereichen, die der Borkenkäfer schon vor mehr als zehn Jahren heimgesucht hat, sind zwischen den toten Fichten längst junge Laubbäume nachgewachsen. „Es gibt auch mehr Tierarten“, sagt Pusch, etwa seltene Vögel wie den Wendehals oder den Sperlingskauz. Auf ihren gemeinsamen Nationalpark blicken die Ministerpräsidenten mit Wohlgefallen. „Wir sind hier beide Chefs“, witzelt Haseloff.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD, 2.v.l.) und sein Amtskollege aus Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU, 3.v.r.) spielen mit Schülern des Internatsgymnasium Bad Harzburg ein "Luchs-Spiel". Quelle: Swen Pförtner/dpa

Weiter oben am Brocken warten Jugendliche. Schülerinnen und Schüler des Internats Grovesmühle aus Sachsen-Anhalt haben eine Präsentation zur Grenzgeschichte vorbereitet. Fünft- und Sechstklässler des Internatsgymnasiums Bad Harzburg berichten den Regierungschefs dann noch vom Luchs, der nach einem Auswilderungsprojekt im Harz wieder heimisch ist.

Haseloff will noch zu Eric Clapton

Dann weiter bergan. Die Sonne brennt. Reiner Haseloff ruft laut nach Wasser. Stephan Weil hat Mitleid mit einem ächzenden Kameramann und trägt die schwere Ausrüstung ein paar hundert Meter den Berg hinauf. Auf dem Gipfel dann Fernsicht in alle Richtungen, Erinnerungsfotos, eine Suppe und schließlich die Abfahrt mit der Brockenbahn – pünktlich. Das ist für den CDU-Politiker Haseloff wichtig. Er will am Abend noch nach Berlin – zum Konzert von Eric Clapton.

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Von Matthias Brunnert