Anschlag in Einbeck: Neonazis im Fokus der Ermittler
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Der Norden Sprengstoffanschlag in Einbeck – Blutspur führt zu Neonazi-Haus
Nachrichten Der Norden Sprengstoffanschlag in Einbeck – Blutspur führt zu Neonazi-Haus
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13:33 11.06.2020
Sprengstoffanschlag auf Briefkasten von Einbecker Antifaschistin – (Blut-)Spur führt offenbar in die rechte Szene Einbecks
Sprengstoffanschlag auf Briefkasten von Einbecker Antifaschistin – (Blut-)Spur führt offenbar in die rechte Szene Einbecks Quelle: Göttinger Tageblatt
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Einbeck

Sprengstoffanschlag in Einbeck: Die Staatsanwaltschaft Göttingen ermittelt gegen einen 26 Jahre alten Neonazi aus der Stadt in Südniedersachsen. Der Vorwurf: Der Mann soll am frühen Mittwochmorgen einen Sprengsatz im Briefkasten einer 41 Jahre alten Frau aus Einbeck gezündet haben.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) sprach am Donnerstag von zwei Tätern aus der rechtsextremistischen Szene. Einer davon sei als „Gefährder“ bekannt. In der gemeinsamen Wohnung der Tatverdächtigen seien auch Waffen gefunden worden. „Nach den vorliegenden Informationen wollten diese beiden Rechtsextremisten eine in der Region für ihr Engagement gegen rechts bekannte Frau damit einschüchtern und bedrohen. Sie wollten offensichtlich Angst und Schrecken verbreiten“, sagte Pistorius.

Bei der Explosion soll sich der mutmaßliche Täter nach Angaben von Andreas Buick, Sprecher der Staatsanwaltschaft in Göttingen, „erheblich“ an der Hand verletzt haben. Die Blutspur habe bis zu einem Wohnhaus an der Hägerstraße, unweit der Anschlagsstelle, geführt, in dem weitere Mitglieder der Einbecker Neonaziszene wohnen sollen. Dort hat die Polizei den einschlägig bekannten und vorbestraften Mann mit zwei weiteren ebenfalls dort wohnenden Männer aufgegriffen. Der mutmaßliche Täter hatte die Hand verbunden. Später, so Buick, sei er im Krankenhaus behandelt worden.

Die Art des explodierten Sprengkörpers ist nach Buicks Auskunft noch unbekannt. Ob es sich um einen Silvesterknaller oder etwas anderes gehandelt hat, müsse nun ermittelt werden. Der Mann und die beiden Begleiter seien vernommen worden. Eine Festnahme, so Buick, habe es aber nicht gegeben.

Einige Teile flogen weit. Quelle: Göttinger Tageblatt

Trümmer fliegen meterweit

Nach Angaben von Anwalt Rasmus Kahlen, der die Adressatin des Sprengstoffanschlages vertritt, engagiere sich die Frau „aktiv gegen die in Einbeck ansässige Neonaziszene“. Bei der Explosion sei der Briefkasten, der sich an der Eingangstür des von ihr bewohnten Hauses befindet, zerstört worden. Die Sprengwirkung sei so stark gewesen, dass Trümmer des Briefkastens mehrere Meter weit in den Wohnbereich geschleudert worden seien, schildert Kahlen.

Seine Mandantin sei bereits in der Vergangenheit Ziel von Bedrohungen und Beleidigungen durch Mitglieder der Einbecker Neonaziszene gewesen, sagt Kahlen. Der Übergriff vom Mittwoch reihe sich damit ein in die bereits länger anhaltende Serie von Übergriffen durch Neonazis gegen engagierte Antifaschistinnen in Südniedersachsen, sagt Anwalt Kahlen.

Er sieht in dem Anschlag eine neue Dimension der Gewalt von Neonazis in Einbeck und betont: „Das Ausmaß der angerichteten Zerstörung zeigt, wie gefährlich der Sprengsatz offensichtlich gewesen ist. Nicht auszudenken, was hätte passieren können, wenn sich ein Mensch hinter der Tür befunden hätte.“

Innenminister Pistorius verurteilte die Tat aufs Schärfste und kündigte eine Unterrichtung im Innenausschuss des Landtag ans. Die Polizei werde die Umstände dieser Tat sehr genau untersuchen und prüfen, welche Tatbestände dadurch erfüllt worden seien Pistorius: „Wir dulden in Niedersachsen keinen Extremismus – egal wo er herkommt.“

„Bestandteil der überdurchschnittlich aktiven Neonaziszene in Südniedersachsen“

Im Zuständigkeitsbereich der Inspektion Northeim haben sich die Zahlen von politisch motivierter Kriminalität von rechts von 2018 auf 2019 fast verdoppelt. Die Polizei erklärt das mit dem verstärkten Auftreten von linken und rechten Gruppen in Einbeck. Mit Gründung der sogenannten „Kameradschaft Einbeck“ im März 2018 sei eine Zunahme an öffentlichen Auftritten von Kameradschaftsmitgliedern sowie von Aktionen der ebenfalls seit 2018 auftretenden linken Personen und Gruppen in Einbeck erfolgt. Ein großer Anteil der Delikte stehe in unmittelbarem Zusammenhang mit Veranstaltungen beziehungsweise der generellen politischen Auseinandersetzung, heißt es.

Der niedersächsische Verfassungsschutz sieht in der „Kameradschaft Einbeck“ einen „Bestandteil der überdurchschnittlich aktiven Neonaziszene in Südniedersachsen“, heißt es im Verfassungsschutzbericht 2019. Anders als der informelle Personenzusammenschluss der Neonaziszene Göttingen weise die „Kameradschaft Einbeck“ auch formale Strukturen auf. Sie unterhalte Internetpräsenzen und es würden einheitliche T-Shirts getragen. Das öffentliche Auftreten der Kameradschaftsangehörigen auf örtlicher Ebene untermauere dies, heißt es weiter. Im Fokus der Agitation stehe der „Kampf gegen eine vermeintliche Überfremdung“ sowie die damit einhergehende Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner.

Im vergangenen November hatten Einbecker Rechtsextremisten bei einer Führung durch die KZ-Gedenkstätte Moringen das Personal provoziert. Anschließend posierten sie mit nach oben gerichteten Daumen vor der Gedenkstätte.

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Von Michael Brakemeier und Marco Seng